One-Man-Show ohne Show

Alexander Ochs

Kristofer Åström, Blues-Barde aus dem Hohen Norden, musste keine (Song-)Perlen vor die Säue werfen. Nein, vor unglaublich zivilisiertem, fast schon skandalös gesittetem Publikum flocht er gestern Abend in der Mensabar filigrane Kränze mit den einfachen Zutaten Stimme plus Gitarre. Wie konzentriert hier konzertiert wurde, berichtet Alex.



Vor Konzertbeginn fängt es an zu schütten, als kämen Hunde und Katzen vom Himmel. Ob sich bei dem Wetter überhaupt jemand vor die Tür traut? Wird der gebremst charmante – äh, wie nennt man diesen Durchlauferhitzer für knurrende Studentenmägen? – Saal leer sein?


Das Gegenteil ist der Fall: Die Mensabar ist zu meiner Überraschung a) bestuhlt und b) geheizt und c) bumsvoll. Publikum: sitzend und eher gesetzt. Stehplätze als Randexistenz sind noch zu haben. Spartanisch die Bühne: Mikro, Verstärker und drei Gitarren verlieren sich auf den rund 40 Quadratmetern. Hinten prangt ein wandteppichgroßes Bild mit einer Fantasielandschaft aus Burgen und Schlössern – wie auf dem Cover seines Albums „Rainaway Town“. Das Wetter passt wie die Faust aufs Auge nicht nur zum Albumtitel, sondern zur Musik des schwedischen Singer/Songwriters.

Kristofer Åström schnappt sich seine Akustikgitarre und los geht’s mit ruhigem Folkpop. Es war so ruhig, die berüchtigte Stecknadel wäre hier gut aufgehoben gewesen. Der Schwede ließ die Frauenherzen in der Mensabar höher schlagen. Man meinte, sie allesamt schlagen zu hören. Konzentriert und intensiv.



Gleich im zweiten Song ein unvorhergesehenes Break: „Fuck! I knew this song so damn well, that I didn’t even think about it...” Text vergessen. Egal. Weiter im Text. Seine stärksten Momente hat Åström, wenn er zur E-Gitarre greift und seine Musik unterschwellig treibend und lauter wird. In manchen Stücken mit countresykem Einschlag und Mundharmonika glaubt man – Achtung, Klischee! – ein Pferd, nein, es muss ein Elch sein, durch die skandinavische Prärie oder Tundra traben zu hören. Und als er das Publikum zum Mitsingen auffordert, sind nur Frauenstimmen zu hören.

Mit viel Seele und Herzschmerz reiht Åström ein flüchtiges Kleinod ans andere, singt von Trauer und Liebe, Liebe, Liebe. Mal klingt er wie Damien Rice in „Amie“, mal wie kurz vor Tracy Chapman. Mit „All Lovers Hell“ endet sein Set. Vorerst. Überwältigt von der Gunst des Publikums lässt sich der Northern-Blues-Man mehrere Zugaben entlocken und spendiert den Zuschauern einen neuen Song, „never played before, barely rehearsed, but I like it“, so Åström.

Und schon ist die One-Man-Show ohne Show vorbei. Schön war’s. Eine Dame, mit der ich hinterher sprach, fand es „einfach nur wunderschön“. Und, siehe da, der Regen hatte aufgehört.



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Kristofer Åström: Website& MySpace