BZ-Interview

Ohne Flugzeug um die Welt: Die Weltreisenden sind zurück in Südbaden

Daniela Frahm

Fliegen wollten sie nicht. Gwen Weisser und Patrick Allgaier haben sich von Freiburg aus aufgemacht, zu Fuß und per Anhalter die Welt zu umrunden. Jetzt sind sie zurück in Freiburg – mit Sohn Bruno.

Vor knapp dreieinhalb Jahren sind Patrick Allgaier und Gwen Weisser in Freiburg los gelaufen, haben zu Fuß die ganze Welt bereist, ein Baby bekommen und sind jetzt wieder zurück gekommen. Sie wollten niemals das Flugzeug benutzen und haben sich die Vorgabe gemacht, nicht mehr als fünf Euro am Tag auszugeben. Letzteres haben sie erst geändert, als Sohn Bruno unterwegs war.


BZ: Ist es nach so langer Zeit in der Ferne und so vielen Erlebnissen schwer, sich wieder in der Heimat zurechtzufinden?
Patrick Allgaier: Es war wichtig, dass wir den Weg von Spanien aus zurück gelaufen sind. Wenn wir von Mexiko aus geflogen wären, wäre der Kontrast sicherlich extremer gewesen. So waren wir schon wieder drei Monate in Europa, bevor wir angekommen sind. Wir sind durch Frankreich und die Schweiz gelaufen und von Weil am Rhein haben wir immer noch fünf Tage gebraucht. Wir sind langsam angekommen.
Gwen Weisser: Und wir haben in dieser Zeit schon ganz viel Besuch bekommen von unserer Familie und Freunden. Die konnten wir mit viel Zeit und Ruhe wieder sehen. Ich habe mich gefreut, nach Hause zu kommen und hatte das Gefühl, dass es jetzt einfach Zeit ist. Die ersten Wochen waren sehr schön. Aber ich merke, dass der Punkt kommen wird, an dem es schwer wird. Und ich will die Person, die ich die letzten drei Jahre im Ausland war, mit nach Hause bringen und nicht da wieder anzuknüpfen, wo ich vor drei Jahren aufgehört habe.
Allgaier: Es tut auch gut, wieder einen eigenen Platz zu haben. Wir waren oft Gast und immer unterwegs. Da waren wir jetzt auch ein bisschen müde von. Ich genieße es gerade, Leute einzuladen und selbst Gastgeber zu sein. So eine Reise ist immer ein Provisorium, weil man immer weiter zieht und man hat nur das dabei, was in den Rucksack passt. Das hat sehr viel Spaß gemacht, aber genauso schön ist es, sich wieder hier einzurichten und ein wenig mehr Struktur zu haben.

BZ: Gab es in der ganzen Zeit vorher nie den Punkt, an dem Sie müde vom Reisen waren und nach Hause wollten?
Allgaier: Nein, den hatten wir nie. Gwen hat schon am Anfang gesagt, man darf es eigentlich gar nicht Reise nennen, sondern eher einen Lebensabschnitt. Wir waren zwar unterwegs, aber es gab kein absehbares Ende. Eine Reise unterscheidet sich vom Alltag und ist spektakulär, man ist sehr aufgeregt. Wir waren so lange unterwegs, dass es zu einem Alltag wurde, zu einer Lebensform, die wir für ein paar Jahre gewählt haben. Und als Gwen schwanger wurde, haben wir auch nicht daran gedacht, die Reise abzubrechen.
Weisser: Wir haben uns aber offen gehalten nach Hause zu gehen, wenn es Komplikationen gibt. Aber wir wussten auch, dass wir den unglaublichen Luxus haben werden, als Familie 24 Stunden am Tag miteinander verbringen zu können. Das hätten wir nicht hin bekommen, wenn wir hier in Deutschland gewesen wären. Außerdem ist eine Schwangerschaft keine Krankheit, und in Mexiko kriegen sie auch Kinder.
"Ich hatte mit Kind tatsächlich ein anderes Angstgefühl, weil wir eine Verantwortung hatten." Gwen Weisser

BZ: Aber Ihre Reise hat sich durch die Schwangerschaft und das Kind sicherlich verändert?
Allgaier: Auf jeden Fall. Davor waren wir ganz nach außen gewandt, waren total spontan und neugierig. Wir haben uns treiben lassen…
Weisser: …und wir hatten eine schier endlose Energie. Als Bruno kam, hat sich der Fokus auf unsere kleine Familie verschoben. Wir haben es genossen, das in einem besonderen Umfeld zu genießen, aber wir haben uns mit den Ländern und Kulturen nicht mehr so intensiv befassen können wir vorher, weil wir viel Energie für uns selbst brauchten.
Allgaier: Wir haben uns einen Bus gekauft und darin eine kleine Insel geschaffen, sind so weiter gereist. Wir wollten eigentlich noch nach Südamerika und hätten das ohne Bruno sicherlich gemacht. Aber es war uns auch nicht mehr so wichtig, viele weitere neue Länder zu sehen.

BZ: Sie hatten Bedenken wegen der Sicherheit?
Weisser: Ich hatte mit Kind tatsächlich ein anderes Angstgefühl, weil wir eine Verantwortung hatten. Ich selbst habe selten Angst gespürt. Und wir haben auch mit Bruno noch in Mexiko draußen geschlafen und sind durch Honduras gegangen, was viele vielleicht nicht machen würden. Es hat sich alles noch richtig und machbar angefühlt, auch mit Kind.

BZ: Aber Sie haben auf ihrer Reise durch die vielen Länder sicherlich auch brenzlige Situationen erlebt.
Allgaier: Die Wahrnehmung ist anders, wenn man unterwegs ist. Wenn ich von hier aus nach Pakistan fliegen würde, würde ich mir das wahrscheinlich zweimal überlegen. Aber wenn man über Land dort hinreist, kommt man langsam an und nähert sich so der Kultur. Pakistan ist eines der bevölkerungsreichsten Länder der Erde. Nur ein minimaler Bruchteil der Menschen dort sorgt für die Stimmung, die über dieses Land nach außen getragen wird. Wir konnten uns davon überzeugen, dass Pakistan auch ganz anders ist als sein Image.
Weisser: Und schlechte Nachrichten werden eher übermittelt als die guten. In Pakistan leben viel mehr gutgesinnte als schlecht gesinnte Menschen. Das gilt auch für Mexiko und Honduras.
"Wir konnten uns davon überzeugen, dass Pakistan auch ganz anders ist als sein Image." Patrick Allgaier

BZ: Gab es trotzdem Situationen, in denen Sie Angst hatten?
Weisser: Die gefährlichste Situation war wahrscheinlich die Durchquerung von Belutschistan, dem westlichsten Teil von Pakistan, das gilt als sehr gefährliches Gebiet. Da mussten wir durch, weil wir über Land nach Indien wollten. Das haben wir uns sehr lange überlegt, aber die Alternative wäre fliegen gewesen.
Allgaier: In dem Moment, als wir die Grenze überquert haben und uns die ersten Leute entgegen kamen, gelacht haben und der Zöllner gleich ein Foto mit uns machen wollte, war das ein wunderbares Gefühl. Diese Gastfreundschaft ist uns dann immer wieder begegnet, hat uns durch Pakistan begleitet und geschafft, dass wir in den Alltag der Menschen dort eintauchen durften.

BZ: Es ist sicherlich die am schwersten zu beantwortende Frage: Welches Land hat Ihnen am besten gefallen?
Weisser: Da spielen so viele Faktoren rein: Was man in dem Land erlebt hat, wem man begegnet ist, was für Wetter war – manchmal ganz banale Sachen. Bei Georgien kriege ich am meisten Fernweh, wenn ich daran denke. Wir hatten dort einen superschönen Sommer und die Landschaft ist gigantisch. Obwohl es so ein kleines Land ist, hat es so viel Unterschiedliches zu bieten: Berge, die Küste am Schwarzen Meer, die Wüste im Süden und das fruchtbare Land in der Mitte. Die Musik und das Essen sind auch toll.
Allgaier: Es ist ein bisschen unfair, die Länder und Kulturen miteinander zu vergleichen und sie zu bewerten. Wohl gefühlt habe ich mich zum Beispiel in Sibirien wegen der Weite, der Ruhe und der Wälder. Dort dauert es auch eine Weile, bis man mit den Menschen in Kontakt kommt. Von außen betrachtet würden viele die Menschen dort wahrscheinlich als kühl bezeichnen, aber wenn das Eis gebrochen ist, dann ist die Verbindung echt und tief. Das hat mir gut gefallen.
Weisser: Andererseits ist uns natürlich Mexiko total ans Herz gewachsen. Durch die Geburt von Bruno haben wir eine sehr emotionale Bindung. Wir waren dort insgesamt rund zehn Monate und damit am längsten, haben das Land am besten kennengelernt. Bruno hat einen mexikanischen Pass und wir haben als seine Eltern ein lebenslanges Aufenthaltsrecht.

BZ: Das heißt, Sie sprechen jetzt Spanisch mit ihm?
Weisser: Wir singen ihm ab und zu Liedchen auf Spanisch vor. Aber leider sprechen wir nicht fließend Spanisch, so dass wir ihm das nicht beibringen wollen.

BZ: Wie sehen Ihre nächsten Pläne aus?
Allgaier: Wir nehmen die Reise noch ein Stück weit mit hier her, müssen sie noch verarbeiten. Das passiert auch, indem wir einen Film schneiden. Wenn ich mir Aufnahmen angucke, dann merke ich, dass ich schon ganz viel wieder vergessen habe. Ein Film ist auch eine schöne Art, die Erlebnisse mit andern zu teilen, weil nicht viele so eine Reise machen.
Weisser: Unser Traum ist es, ab Frühjahr 2017 mit einem kleinen Bus die kommunalen Kinos, Kulturvereine und Festivals abzuklappern, um unseren Film zu zeigen. Wir haben große Lust, uns mit den Menschen über das Reisen auszutauschen und die Welt so vielleicht ein kleines Stückchen enger zusammen rücken zu lassen.
Ohne Flugzeug um die Welt

Drei Jahre und 110 Tage sind Gwen Weisser und Patrick Allgaier um die Welt gereist. Sie haben dabei knapp 97 000 Kilometer zurück gelegt, zu Fuß, per Anhalter, mit dem Bus,dem Zug, auf dem Esel und mit Carlos, ihrem VW-Bus, den sie sich in Mexiko gekauft haben. Jetzt planen beide, bis Frühjahr 2017 einen Kinofilm unter dem Titel "Weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt" und ein eigenes Reisemagazin. Um beides zu finanzieren, haben Sie eine Crowdfunding-Aktion auf ihrer Internetseite gestartet, bei der Unterstützer Filme, Vorträge oder Magazine vorkaufen können. Außerdem werden sie beim Mundologia-Festival 2018 in Freiburg vertreten sein. http://www.weitumdiewelt.de

Zur Person

Patrick Allgaier ist 33 Jahre alt und hat vor der Weltreise in Freiburg als freier Kameramann gearbeitet, zuerst bei TV Südbaden und dann für verschiedene Produktionsfirmen.

Gwen Weisser ist 24 Jahre alt, hat Abitur an der Waldorfschule in Freiburg-St. Georgen gemacht und vor der Weltreise gejobbt. In Mexiko kam im Mai 2015 Sohn Bruno auf die Welt.

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