Ohne diesen Mann wäre elektronische Musik nicht, was sie heute ist

Bernhard Amelung

Der Sänger und Texter Gabriel Delgado-López von den Elektro-Pionieren DAF erzählt im Interview, warum Pornohefte bei ihm nicht funktionieren und Musik das Monopol für Jugendkulturen verloren hat. Am Wochenende tritt DAF im Café Atlantik auf.

Auf deinen Konzerten kippst du dir oft Wasser in den Nacken. Ist dir einfach nur heiß oder verbirgt sich dahinter ein symbolischer Akt?

Delgado: Mir ist wirklich sehr, sehr heiß auf der Bühne. Manchmal bekomme ich Kreislaufprobleme, und wenn ich mir kaltes Wasser über den Kopf leere, bringt das den Kreislauf wieder auf Touren. So hat das angefangen. Die sportliche Komponente ist über die Jahre aber auch zum Ritual geworden. Wasser steht für Reinigung, und da ich mein Publikum auch gerne mit Wasser bespritze, steht dieses Ritual auch für eine Art Kommunion. Man denke an das Weihwasser der katholischen Kirche. Wir segnen uns gegenseitig.

Ich habe den Eindruck, dass du mit deinem Publikum sehr schnell eins wirst. Wie empfindest du das?

Delgado: Ich empfinde auch so. Das war bei mir schon immer so. Für mich ist ein Konzert immer etwas, das man gemeinsam veranstaltet. Man veranstaltet zusammen ein Fest, und natürlich gibt es verschiedene Rollen. Aber alle, die anwesend sind, sind Hauptdarsteller. Ich kann keine Trennung zwischen Performer auf der Bühne und Publikum erkennen. Ich führe dem Publikum etwas vor, und das Publikum führt mir etwas vor. Das Ganze ist für mich eine Einheit. Die Energien fließen hin und her.

Das klingt sehr esoterisch.

Delgado: Für mich ist das eine Party. Etwas, das ich genieße. Ein Riesenspaß, auch, weil ich nicht mehr ganz so oft in die Disko gehe wie früher. Das ist ein Jungbrunnen. Das habe ich mein ganzes Leben gemacht. Wahrscheinlich brauche ich das. Ich fühle diese Einheit von vornherein. Deshalb fällt es mir auch leicht, alles in eine Molekularschwingung zu versetzen. Wir, mein Publikum, Robert (Robert Görl, Mitgründer DAF, Anmerkung der Redaktion) und ich schaukeln uns gegenseitig hoch. Ich weiß, dass es auch andere Arten der Performance gibt. Aber für mich ist alles ein gemeinsames Fest, und jeder ist so wichtig wie der andere.

Ist vor diesem Hintergrund auch deine Aussage "Du bist DAF, ihr seid DAF" zu verstehen?

Delgado: Ja. Das ist auch so. Es gibt Leute im Publikum, die sind mehr DAF als ich, möchte ich behaupten.



Was sind das für Leute?

Delgado: Für diese Leute ist die Musik von DAF viel wichtiger als für mich. Ich mache ja sehr viel verschiedenes Zeug. Ich male, bin künstlerischer Direktor einer Kulturstiftung, halte Vorlesungen an der Universität. Ich habe meine Familie und viele andere Dinge, für die ich meine Energie benutze. DAF ist einfach mein liebstes Nebenprodukt, das mir viele Türen öffnet.

In Songs wie "Sex unter Wasser" verwendest du eine sehr explizite Sprache. Woher kommt diese?

Delgado: Ich bin Spanier und kam erst mit acht Jahren nach Deutschland. Ich konnte kein Wort Deutsch. Deutsch ist immer noch eine Fremdsprache, auch wenn ich die sehr gut beherrsche. Aus dem Unterschied der Sprache sehe ich Konnotationen, die man als Muttersprachler einfach nicht sieht. Mir geht es dann auch um Dichtung, was ein sehr schönes deutsches Wort ist.

Was gefällt dir daran so?

Delgado: In Dichtung steckt Verdichtung drin. Die Sprache möglichst so weit zu reduzieren, dass kompakte Inhalte entstehen. Keine Schnörkel. Keine Verwässerung. Keinen Wasser in den Wein kippen.



Gabi Delgado, der Sänger und Dichter?

Delgado: Zwei Dinge prägen mich. Einmal die Dada-Tradition. Ich finde lautmalerische Worte interessant. Nimm zum Beispiel den Song "Der Mussolini". Da gab es am Anfang nur das Wort Mussolini, das für mich eine Sexiness hat. Ganz unabhängig von der Person. Ich stelle mir bei diesem Wort eine Mischung aus Mousse au Chocolat und Lini vor. Lini, ein italienisches Mädchen. Das ist doch sexy.

Was prägt dich außerdem?

Delgado: Ich liebe den Expressionismus. Durch den Austausch kleiner Worte, Adverbien oder Präpositionen, kann ich Sinnzusammenhänge verfremden. Normalerweise sagt man "Der Junge spielt am See". Ich mache daraus "Der Junge spielt mit dem See". Dadurch entsteht etwas ganz anderes. Deutsch als fremde Sprache, die ich immer noch neu entdecke und deshalb leichter mit ihr umgehen kann.



Da du Expressionismus sagst: Welche literarischen Vorbilder hast du?

Delgado: Ich bin eigentlich mehr so eine Art Stand-up-Poet. In meinem Gehirn spuken Wörter und Sätze rum, die ich sexy finde. Vielleicht wie bei Rappern, die eine Art Rhymebook im Kopf haben. Ich sitze ja nie an einem Schreibtisch und verfasse Texte. Am liebsten mag ich es, wenn ich die Musik unabhängig von einem Text entwickle. Oder jemand entwickelt die Musik unabhängig von mir. Dann gehe ich in die Aufnahmekabine und schaue, was passiert.

Dann öffnest du dein Rhymebook.

Delgado: Jede Atmosphäre in einem Song evoziert ein Wort. Und aus diesen Wörtern entsteht dann der Text. Wenn wir beim Dong "Der Mussolini" bleiben, da dachte ich zu erst "Tanz den Mussolini", dann "Tanz den Adolf Hitler", dann "Tanz den Jesus Christus", nach links, nach rechts. So entstehen meine Texte.

In "Ich und die Wirklichkeit" singst du sehr eindringlich "Ich fühle mich so seltsam". Vor welchem Hintergrund ist dieser Song entstanden?

Delgado: Das ist ein Lied über Realitätsverluste im weitesten Sinne. Über das Eindringen von Realitäten, die Angst machen und verunsichern. Ich denke, der Mensch lebt in verschiedenen Realitäten. Im Büro ist man dieser, zuhause ist man jener, im Café wieder ein anderer. Heute ist das noch vielschichtiger als früher. Durch Social Media sind zahlreiche Realitätsangebote dazugekommen.

Kannst du das näher erklären?

Delgado: Vor hundert Jahren sagte man "Ich bin Hans Meier, ich bin Bäcker, mein Vater war Bäcker, mein Großvater war Bäcker", und man hatte vier Kinder. Heute ist man Bäcker, der Vater war kein Bäcker, man geht in Sado-Maso-Clubs und in die Oper. Da ist man dieser, dort ist man jener. Auf Facebook hat man ein Profil und ist eine Frau, auf einer anderen Plattform ist man ein Segler und beschäftigt sich mit Segelschiffen. Man schafft sich multiple Realitäten. Manche Menschen kann das verunsichern.



Du spielst seit jeher mit Realitätsebenen und verschiedenen Persönlichkeiten. Ist dieses Spiel heute einfacher?

Delgado: Die Gesellschaft ist nicht freier oder offener geworden. Sie ist aber durchlässiger geworden. Das liegt am Machtverlust bestimmter Institutionen. Weil Kirche und Staat immer mehr Macht verlieren, entstehen Nischen, die sich ihrer Kontrolle entziehen. Deshalb sind auch mehr Dinge möglich, ohne dass eine soziale Auffälligkeit entsteht. In bestimmten Teilen der Welt gibt es zum Beispiel so etwas wie den §175 StGB, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, nicht mehr. In islamischen oder afrikanischen Staaten ist eine freie Sexualität geradezu rückläufig. Schwule werden verfolgt, kommen ins Gefängnis, werden getötet.

Auch in der ersten Westwelt erstarken Bewegungen, die eine pluralistische Gesellschaft ablehnen.

Delgado: Heute ist es rebellischer zu sagen, dass alle Menschen ungleich sind. Das Widerstandspotenzial und -personal liegt bei ultrakonservativen und rechtsradikalen Einstellungen, denn bestimmte Standards einer liberalen und libertären Gesinnung vertritt selbst die bürgerliche Mitte. Deshalb ist auch die Alt-Right-Bewegung in den USA so populär. Die tragen Calvin Klein-Parfüm und gehen auch auf Techno-Partys. Das sind keine Skinheads, die sich Hakenkreuze auf die Stirn tätowieren.

Ende der Siebzigerjahre haben Robert Görl und du mit euren Auftritten provoziert.

Delgado: Protestbewegungen, und damit meine ich Bewegungen, die die Welt freier machen wollen, kommen heute nicht mehr aus der Musikszene. Musik als identifikationsstiftender Überbau für Jugendprotest und Protest im Allgemeinen hat ausgedient.

"Musik hat das Monopol für Jugendkultur verloren." Gabi Delgado-López

Warum?

Delgado: Als ich 14 oder 15 war, ging mein ganzes Geld für Platten und Drogen drauf. Wir haben uns über die Musik definiert, die wir gehört haben. Heute haben die Jugendlichen Videogames, Modelabel, und so weiter. Musik hat das Monopol für Jugendkultur verloren. Musik gibt keine Antworten mehr auf die Fragen wer man ist und was man macht. Warum das so ist, ist Spekulation.

Für viele Menschen ist Musik nur noch das Hintergrundrauschen für ihren Lifestyle. Als ich kürzlich mal mit dem Bus gefahren bin, hörten zwei Jungs Musik. Da fragte der eine den anderen "Was ist das?", sagte der andere "Das ist DJ soundso, Stück Nummer 37 in seiner Playlist." So wird egal, was für ein Stück man hört. Wenn Nummer 37 einfach oft genug gehört hat, wird Nummer 37 ausgetauscht und fünf andere Stücke kommen rein.

Der Ratinger Hof in Düsseldorf war euer Freiraum. Wo gibt es heute solche Orte für dich?

Delgado: Zunächst habe ich meinen ganz persönlichen Freiraum. Ich lebe in meinem Haus in der Pampa in Andalusien und kann machen, was ich will. Ich kann morgens um fünf Techno in voller Lautstärke hören.

Dann aber gibt es auch heute noch bestimmte Orte, wo aus irgendeinem Grund kreatives Potenzial zusammen kommt. Im Ratinger Hof traf ja diese Mischung aus Punks und Beuys-Schülern aufeinander. Die haben sich dort rumgetrieben und gegenseitig befruchtet. Das war ein Ort der absoluten Toleranz. Aber das musste man vorher nicht definieren, so wie das heute oft der Fall ist. "Wir sind tolerant", schreiben manche Häuser. Aber an einem wirklichen Austausch miteinander ist dort keiner interessiert. Man bleibt lieber unter sich. Das Internet taugt ja nur bedingt als Freiraum.

Warum?

Delgado: Zum einen ist der virtuelle Raum ein gutes Tool, um sich selbst einen Freiraum zu schaffen. Sein Nachteil ist, dass Emotionen verloren gehen.

Hast du dafür ein Beispiel?

Delgado: Ich mache das am Beispiel des Abschieds fest. Früher sagte man "Meine Liebste, ich fliege nach Los Angeles, ich küsse dich, ich bin erst in drei Monaten wieder da." Emotionen, Tränen, romantische Überhöhung der Liebe. Und alle ihre Konsequenzen. Heute sagt man "Meine Liebste, ich gehe jetzt", und sechs Minuten nach dem Abschied sitzt man im Zug und schreibt sich über das Smartphone. Der Abschied findet gar nicht mehr statt. Man ist immer irgendwo und nirgendwo.

Und Plattformen wie Facebook reduzieren die Emotionspalette des Menschen, die so großartig und vielfältig ist, auf ein paar Emojis. Das Zwiespältige, die Zwischentöne kann man da überhaupt nicht ausdrücken. Deshalb sind Freiräume in der Sexualität und Entäußerung auch so viel stärker als die Freiräume, die in einem virtuellen Raum entstehen.

Der virtuelle Raum riecht und schmeckt auch nicht.

Delgado: Pornohefte funktionieren deshalb bei mir nicht. Das ist Papier. Das ist kein Fleisch. Das riecht nicht, das schwitzt nicht, das schmeckt nicht. Das ist auch das Großartige an Musik. An der Verbindung von Musik und Text. Man hört ein Lied und denkt "Italien, 1984, da war ich da und dort, habe Wein getrunken und gelebt". Das Wort, der Text, ist wie kein anderes Medium in der Lage, Ideen zu propagieren. Die Bibel, das Kapital, die Bild, damit setzt man Ideen in die Welt. Das macht auch DAF so intensiv. Wir wollen eine Einheit zwischen Gefühl und Idee, zwischen Musik und Text schaffen und deine Gefühlschakren öffnen.
DAF & Gabriel Delgado-López

Homoerotische Körperinszenierung und heroische NS-Ästhetik, expressive Stakkatosprache und schroffe Sequenzer-Beats: Gabriel Delgado-López und Robert Görl machen seit 1978 Musik als DAF (Deutsch Amerikanische Freundschaft). Sechs Alben haben Drummer und Produzent Görl und Sänger Delgado-López in dieser Zeit veröffentlicht, darunter "Alles Ist Gut" (1981) und "Gold Und Liebe" (1981). Mit Songs wie "Der Mussolini" und "Verschwende Deine Jugend" die vielleicht bekanntesten Werke des Duos, das zu den Vorreitern der elektronischen Musik zählt. Delgado-López’ Texte kennzeichnen eine oft sexuell aufgeladene und provozierende Atmosphäre, die er mit seiner Bühnenpräsenz unterstreicht. Görl schuf mit seiner auf das Wesentliche reduzierten elektronischen Instrumentierung dazu den Prototyp von Techno und EBM. Delgado-López, am 18. April 1958 in Córdoba geboren, lebt heute wieder in seiner spanischen Heimatstadt.

33 Jahre Café Atlantik

Sonntag, 22. Oktober 2017, 20:30 Uhr
DAF & Graham Dunning
Vorverkauf: 38 Euro, Tickets online kaufen

Mittwoch, 25. Oktober 2017, 20:30 Uhr
Götz Widmann
Vorverkauf: 18,80 Euro, Tickets online kaufen

Freitag, 27. Oktober 2017, 20:30 Uhr
The Slackers & Kalles Kaviar
Vorverkauf: 18,80 Euro, Tickets online kaufen

Boss Hog & Lo Fat Orchestra
Sonntag, 29. Oktober 2017, 20:30 Uhr
Vorverkauf: 22,15 Euro, Tickets online kaufen

The Inciters, Amhell & The Crack-Ups
Montag, 30. Oktober 2017, 20:30 Uhr
Vorverkauf: 18,80 Euro, Tickets online kaufen

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