Oh, wie ist das schön!

Clemens Geißler

Mit einem auch in der Höhe verdienten 4:1-Sieg über den VfL Osnabrück hat der SC Freiburg gestern Abend (vor nur 11.000 Zuschauern) die Tabellenführung in der 2. Fußball-Bundesliga bravourös behauptet. Obwohl sportlich beim SC alles nach Plan läuft, gab der Club bekannt, sein offizielles Forum zu schließen.



„Kompakt, willensstark, hervorragend organisiert, auf allen Positionen ausgeglichen besetzt und deshalb schwer auszurechnen“. Diese Charakterisierung des Sportclub Freiburg entstammt nicht etwa dem Munde eines überschwänglichen Tribünengastes auf Glühwein, sondern ist vielmehr die Einschätzung des Gästetrainers Claus-Dieter Wollitz in der Pressekonferenz. „Zu viel der Blumen“, meinte Robin Dutt daraufhin, der sich aber trotzdem mit der Leistung seiner Elf zufrieden zeigte.


Video: Stimmen zum Spiel:

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Das konnte Dutt auch. Denn nach langer Zeit bekamen die Besucher des Nicht-mehr-Dreisamstadions einmal wieder fünf Tore zu Gesicht. Man bedankte sich mit La Ola, stehenden Ovationen und „Oh, wie ist das schön“-Gesängen. Dabei beginnt das Spiel erwartet zerfahren. Der Sportclub versucht sich in schnellem Direktspiel, doch die Räume sind in dieser Anfangsphase enger als beim letzten Gastspiel in München. So landen viele Bälle zum Unmut aller Beteiligten in den Reihen der im Sträflingsoutfit aufgelaufenen Gäste. „Schwaab, bisch scho in Läverkuuse, odder waas?“ – so und ähnlich lauten die Kommentare aus den frostigen Sitzen der Haupttribüne.

Und tatsächlich gibt der Auftritt der Heimelf nicht viel Anlass zur Freude. Ein paar Halbchancen vorn paaren sich mit nicht immer konsequentem Pressing in der Defensivarbeit. Ein Freistoß des Standardgurus Julian Schuster immerhin landet am Außennetz und sorgt für etwas Leben.

Als der torlose Pausentee schon am dampfen ist, landet eine Flanke von Heiko Butscher plötzlich bei Tommy Bechmann. Der Däne nimmt die Kugel an und vollstreckt mit einem sehenswerten Fallrückzieher ins lange Eck. 40. Minute: 1:0 Bechmann – Tor des Monats!?



Besonders Bechmann ist dieses Tor zu gönnen: Der spielstarke Blondschopf zeigte bei seinen Auftritten immer wieder, was für ein starker Fußballer er ist. Vor dem Tor wirkte er dabei allerdings oftmals zu zögerlich, ja beinahe verängstigt. Dass er dann dieses „unmögliche“ Tor macht, ist unerwartet und deshalb umso schöner. Nach dem Spiel wird ihn ein kleiner Autogrammjäger fragen: „Tommy, wie hasch des mit dem Fallrückzieher gemacht?“ Antwort: „Das weiß ich auch nicht“.



Mit diesem 1:0 geht es in die Pause, wobei Jägers Lattenkracher kurz nach der Führung schon beinahe eine kleine Vorentscheidung gebracht hätte. In diesen turbulenten Minuten verliert auch der Anzeigentafel-Verantwortliche jegliche Übersicht: Bei jeder Ecke für den Sportclub bekommen die Gäste ein Plus in der Statistik. Zur Pause steht es 1:4.

2:0 steht es hingegen kurz nach dem Wechsel – und zwar nach Toren. Wieder ist es ein scharfer Freistoß des starken Schuster, der Gefahr bringt. In die Maschen genickt wird er von Neuzugang Rodionov. Er, dessen Name irgendwie an einen nuklearen Zwischenfall erinnert, erzeugt heute durch seinen Auftritt in der Tat strahlende Gesichter. Bei seiner späteren Auswechslung werden „Viiiitaaaali“-Sprechchöre durch das übersichtlich besetzte Rund hallen.

Dergestalt euphorisiert reißt bei den Breisgauern nun etwas der Faden: Bereits direkt nach dem 2:0 hat man bei zwei Gäste-Eckbällen großes Glück. In der 68. Minute gelingt Osnabrück dann sogar der Anschluss: Der eingewechselte Manno trifft per sehenswerter Direktabnahme. Nur noch 2:1. Ein sicher geglaubtes Spiel gerät ins Wackeln.

Doch der Sportclub hat heute auch in dieser „einzigen kritischen Phase des Spiels“ (Robin Dutt) eine Antwort. Sie lautet: 69. Minute: 3:1. Glänzende Vorarbeit Abdessadki - Flachschuss  Schuster ins lange Eck. Wessels im Tor der Gäste ist jetzt völlig runter mit den Nerven. Selbst nicht immer ein beständiger Rückhalt, schreit er nun wahllos und mit wütenden Gesten der Geringschätzung auf seine Vorderleute ein. Der Rest des Stadions feiert. Ein Sahnestück gibt es dann noch zum Ende. Schwaab schickt nach einem schnellen Antritt Bechmann über rechts, dieser passt flach in den Rückraum und wiederum ist der schnell aufgerückte Youngster zur Stelle: 80. Minute: 4-1: Schwaab. Angesichts solch fein herausgespielter Treffer wird vielen die anschließende Lobrede des Gästetrainers mehr als berechtigt erscheinen.



Entsprechend ausgelassen werden nach Spielende die Feierlichkeiten begangen: Zunächst tanzt Eke Uzoma wie ein Derwisch vor den Fans, sodann wird Tommy Bechmann von zwei Kollegen in die Kurve getragen und koordiniert glücklich per Megaphon die Schlachtgesänge. Noch weit nach Spielende geben die Akteure den in der Kälte ausharrenden Anhängern Autogramme und heimsen deren Glückwünsche ein. Mit breiter Brust also kann man in zehn Tagen nach Rostock fahren, um dort nachzulegen. Dies wird angesichts der engen Tabellenkonstellation auch nötig sein. Denn wie es HSV-Keeper Frank Rost vor kurzem formulierte: „Im Fußball ist alles sehr volatil!“

Also alles eitel Sonnenschein beim SC Freiburg? Nicht ganz! Vor dem Spiel gab der Sportclub Freiburg auf seiner offiziellen Website bekannt, dass das offizielle SC-Forum ab sofort geschlossen wird. Die Begründung:

Wir sind uns dessen bewusst, dass es gerade im Fußball immer Debatten-Beiträge im Netz geben wird, die die Akteure eines Clubs angreifen, zur Entlassung freigeben, zum Stadionboykott aufrufen oder in kritischem Zustand frühmorgens nach einer Auswärtsniederlage verfasst sind. Nur finden wir, dass es nicht Aufgabe einer Vereins-Website ist, hierfür Redaktionspersonal und -Technik bereitzustellen, die für den SC weitaus engagierter eingesetzt werden können. Dafür bitten wir um Euer Verständnis.


Den Mund verbieten will der SC seinen Fans aber nicht. In "wenigen Wochen" soll ein grundlegender Relaunch der SC-Homepage erfolgen, die Seite soll webzweinulliger werden: "Wir wollen alle Fans, die uns im Stadion Seite an Seite anfeuern und mitfiebern, künftig auch auf unserer Website miteinander vernetzen."

[Fotos: Clemens Geissler, dpa]