Ökoterror in Freiburg

Florian Kech

Solargefängnis, Öko-Apartheid und Green City-Gedöns: Unser neuer Autor Florian Kech macht sich satirische Gedanken darüber, wie normal man all das eigentlich noch finden kann.



Unverschämt idyllisch liegt die 200 000-Seelen-Kommune in einer vom Schwarzwald eingerahmten Senke. Auf dem Hausberg thronen zwei Windräder und kreisen friedlich ihre schneeweißen Rotorblätter, ohne zu verraten, dass in deren Radius letzte Nacht abermals zwei Dutzend irregeleiteter Fledermäuse massakriert wurden. Nirgendwo sonst in der Republik liegen Nachhaltigkeit und zerhackte Fledermäuse so nah beieinander wie in Freiburg.


Unlängst hat sich die Stadt mit dem grünen Oberbürgermeister auf den Namen »Green City« getauft. In einer gleichnamigen Behörde kümmert sich seither ein vielköpfiger Verwaltungsstab um die Pflege des real existierenden Ökologismus mit übermenschlichem Antlitz.

Freiburg ist die deutsche Stadt mit den meisten Sonnenstunden pro Jahr. Doch vor lauter Solardächern sieht man hier die Sonne nicht mehr. Über den brütenden Häuptern der Albert-Ludwigs-Universität (Solar-Uni®) breiten sich ebenso anthrazitfarbene Photovoltaikanlagen aus wie über den stolpernden Fußballerbeinen des SC Freiburg (Solar-Stadion®) oder den büßenden Leibern im Strafvollzug (Solargefängnis®). Häuser werden in Freiburg überhaupt nur noch aus einem einzigen Grund gebaut: um weitere Solardächer zu erschließen. Oft stehen sie leer, werfen aber dennoch dank milliardenschwerer Staatssubventionen eine sonnige Rendite ab.



Der größte Öko-Knaller sind allerdings die sogenannten »Nullenergiehäuser«, die den ganzen Strom, den sie verbrauchen, zuvor selbst produziert haben. Nichts bleibt innerhalb dieser vier Wände energetisch ungenutzt. Selbst der Dung, der achtlos im Abort verschwindet, oder die Oma, die im hauseigenen Krematorium eingeäschert wird, rutschen auf direktem Wege in die Biogasanlage im Garten, werden in das Stromnetz eingespeist und bescheren uns am nächsten Morgen ein hart gekochtes Frühstücksei.

Der Mensch sei ein wandelndes Kraftwerk, gluckst Freiburgs Oberbürgermeister, während er sich an seiner Sekretärin reibt, einzig und allein, um Wärme zu erzeugen. Sogleich berichtet er von seinem neusten grünen Clou. Während sich andernorts die städtischen Schwimmbadbetreiber wegen der horrenden Heizkosten kaum mehr über Wasser halten können, wurden im Freiburger Westbad soeben sämtliche Erdgastanks entfernt und gleichsam ersetzt durch die Seniorengruppe vom Schwimmverein »Inkontinenzia Rieselfeld«, die allmorgendlich vor dem regulären Schwimmbetrieb ihre Runden dreht und das Gewässer zum Nulltarif auf beinahe Körpertemperatur aufheizt und lustig einfärbt.



Es sind ökologische Errungenschaften wie diese, denen Freiburg die Einladung auf die Expo in Shanghai verdankt. Dort darf die Stadt von Mai bis Oktober als grünes Vorzeigemodell mächtig angeben und sich einem Milliardenpublikum vorstellen. Der Auftritt wirft bereits seinen Schatten voraus. Schon jetzt pilgern Tausende von Ökotouristen vor allem aus dem asiatischen Solarkreis tagtäglich in die Green City und knipsen alles, was sich nicht bei drei an den allgegenwärtigen Bäumen erhängt hat.

"Unsere grünen Ideen verbreiten sich geradezu pandemisch", frohlockt Freiburgs OB und träumt im Einklang mit der ortsansässigen Solarbranche von einem Reich, in dem die Sonne niemals untergeht. Im Freiburger Rathaus geben sich seit Monaten hochkarätige Staatsgäste die Holzklinke in die Hand.

Auffallend ist, dass sich hauptsächlich Autokraten aus Fernost für Freiburgs grünen Weg zu interessieren scheinen. "In der Praxis haben es die natürlich deutlich leichter", merkt der OB aus dem Breisgau an und verweist auf Nordkoreas Despoten Kim Jong-il, der nach seiner Rückkehr aus Freiburg zu Hause kurzerhand den Ausstieg aus der Atomenergie angeordnet hat und jetzt auf Solarstrom umsteigt, freilich nicht ohne die Alleinnutzungsrechte der Sonne für sich zu beanspruchen.

Doch Freiburgs OB hat wahrlich keinen Grund zum Klagen, denn auch in seiner Stadt stehen die Zeichen auf Einparteiensystem. In manchen Stadtteilen erreichen die Grünen längst die absolute Mehrheit. Der CDU-Ortsverein zieht sich immer weiter zurück. Seine verbliebenen Bürgerbüros werden auf Anordnung von oben mit einem schwarz-gelben Zeichen für radioaktive Strahlung stigmatisiert.

Zur anstehenden OB-Wahl im April hat die Union erst gar keinen eigenen Kandidaten ins Rennen geschickt, sondern – der guten, alten Zentrumstradition verpflichtet – sich einmal mehr der vorherrschenden Massenbewegung angeschlossen.

Seit Jahren genießen die Grünen Narrenfreiheit in Freiburg, was naturgemäß besonders die Autofahrer zu spüren bekommen. So wurde in einem Akt der grünen Willkür gerade erst die Hauptverkehrsader zur Dreißigerzone (»The Green Mile«) erklärt. Und wer seinen Hummer H1 nur für einen Moment auf einem Behinderten parkt, muss damit rechnen, dass er kostenpflichtig abgeschleppt wird.



"Die letzte Diktatur hat uns die Autobahn gebracht, die nächste wird sie uns wieder nehmen", schnauzt ein ungehaltener Autofahrer eine grüne (!) Politesse an, die mit Eichmannscher Kälte die Personalien notiert.

Die grüne Gehirnwäsche setzt bereits bei den ganz Kleinen an. Kinder, die sich in Vatis Wagen zur Kita bringen lassen, werden so lange vom Rest der Gruppe isoliert, bis sie grün anlaufen. Auch auf Freiburgs Pausenhöfen gehört Öko-Apartheid zum Alltag. Mädchen blicken eingeschüchtert hinter Solar-Burkas hervor, die ihre iPods mit klimaneutralem Strom versorgen.

Spätestens bei diesem Anblick wird klar, dass nicht alles Gold ist, was grünt.

Doch noch gibt es vereinzelten Widerstand. Ein kleines Grüppchen namens »Grüne Aussteiger« (GAU) trifft sich regelmäßig in einer verwaisten Tiefgarage, um über Tabuthemen wie Diesel-Rasenmäher oder Einweg-Kondome zu diskutieren. Immer wieder kommen sie auf ihre grüne Vergangenheit zu sprechen. Es sei wie eine Sucht gewesen, erinnert sich ein Aussteiger an seine Erfahrungen mit den Green New Dealern. "Noch ’ne Solarzelle und noch ’ne Hackschnitzelanlage", so sei das dann immer weitergegangen, bis man in die völlige Autarkie abgestürzt sei.



Die Aussteiger müssen vorsichtig sein mit dem, was sie äußern, denn in der Stadt wimmelt es von als Fahrradkuriere getarnten Spitzeln. Sie wollen keine blutige Revolte schüren, worum es GAU geht, ist einzig die Rückkehr zu einer ideologiefreien Energiepolitik in ihrer Heimatstadt. Auf ihren Flyern werben sie dementsprechend mit der pazifistischen Parole: "Macht Schwerter zu Brennstäben".

Erschwert wird ihre Arbeit im Untergrund durch die Zensur des World Wide Web, die in Green City gang und gäbe ist. Nur zufällig erfuhr GAU von den Plänen des Bundesumweltministers, die Fördergelder für Solardächer deutlich zu senken. "Das ich sowas noch erleben darf", schluchzt ein achtzigjähriges GAU-Mitglied. Wenig später durften sie noch die Nachricht vom schwarz-gelben Aussteigerprogramm vernehmen, das jedem Freiburger Grünen, der zur Gegenseite überläuft, Steuererleichterungen verheißt.

Plötzlich scheinen sich die dunklen Solardächer für einen Augenblick zu lichten und am Freiburger Horizont zeichnet sich ein silberner Kondensstreifen des Kernkraftwerks im benachbarten Fessenheim ab. Doch eins ist auch klar: Mit Steuergeschenken allein bekommt man die Freiburger Öko-Gestapo nicht in den Griff. Baron zu Guttenberg, übernehmen Sie!

[Fotos: Ingo Schneider, Rita Eggstein, BZ-Montage]

Dieser Text erschien in der aktuellen Ausgabe des Satiremagazins Eulenspiegel

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