Oberliga: Spatzen auf frostiger Ponderosa

Clemens Geißler

Was kann es an einem neblig-feuchten Samstagmittag schöneres geben als der Besuch eines rustikalen Oberligakicks am Kaiserstuhl? Dachte sich auch Clemens, der flankiert von 50 Polizisten die Partie des Bahlinger SC gegen den SSV Ulm beobachtete.



Samstag, 24. November 2007, 14.30 Uhr: Oberliga Baden-Württemberg: Bahlinger SC – SSV Ulm 1846 0-3 (0-2)

Der Name SSV Ulm ist zweifelsohne ein Highlight eines jeden Bundesliga-Rückblicks: „Was, die waren mal in der Bundesliga? Wollt ihr mich jetzt verarschen?“ entfuhr es schon Berti Vogts bei den jüngst ausgestrahlten DSF- Bundesliga-Klassikern. Ja, waren sie. Und zwar in der Saison 1999/2000. Freilich verlief diese Runde aus Sicht der Münsterstädter wenig berauschend. Am Ende stand der Abstieg mit 34 Punkten.


Tiefpunkt der Abstiegssaison damals sicherlich das 1-9 gegen Bayer Leverkusen, seinerzeit noch gespickt mit solch klangvollen Namen wie Ballack, Zé Roberto, Emerson und Kirsten. Die besten Resultate erzielte man damals an der Donau in zwei Heimspielen gegen 1860 München und Frankfurt. Hier gewann man 3-0, wobei jeweils einen Treffer Rainer Scharinger besorgte, genau jener Scharinger, dem als Trainer mit dem Bahlinger SC vor zwei Jahren der sofortige Wiederaufstieg in die Oberliga glückte. Scharinger ist mittlerweile Trainer der Hoffenheimer Reserveelf und Ulm in der Oberliga.



Der Winzerort Bahlingen erlebt es nicht alle Tage, dass etliche Einsatzwagen der Polizei vorfahren, um in Stärke von rund 50 Mann ebenso viele „Spatzen“-Anhänger vom Fanbus auf die Tribüne des Kaiserstuhlstadions zu geleiten. Dort trennt die beiden „Fanblöcke“ eine eigenwillig konstruierte Vorrichtung: Mitten durch die Tribüne laufen zwar etliche ineinander geschobene und notdürftig befestigte Bauzäune, doch hätte man ohne Mühe von beiden Seiten sowohl einfach über die Banden am Spielfeldrand steigen als auch außen herum gehen können, um zu den anderen Fans zu gelangen.

Zudem begegnen sich beide Parteien ohnehin fortlaufend im gesamten Stadionbereich. Doch bis auf einen unversehens loskrakeelenden Schwaben („Scheißladen! Ihr könnt mich alle mal!“) bleibt es ruhig.



Vielleicht auch deshalb, weil es wider Erwarten kein Spiel der großen Emotionen ist. Die personell arg gebeutelten Bahlinger agieren letztlich zu mutlos, um die Gäste ernsthaft zu gefährden. Mit viel Wohlwollen kann man zwei oder drei Gelegenheiten nennen, jedoch keine klare Torchance. Dabei erspielen sie sich vor 450 Zuschauern in den ersten 20 Minuten Feldvorteile, derentwegen ein einheimischer Anhänger in einem fort betont: „Seit der neue Trainer da ist, ist endlich wieder Struktur in unserem Spiel. Ja, da ist wirklich wieder Struktur zu sehen.“

Doch leider hilft auch alle Struktur nichts, wenn man das Spiel binnen 10 Minuten völlig aus der Hand gibt. Und Ulm muss sich nicht mal etwas Besonderes einfallen lassen: Nach 23 Minuten segelt ein langer Einwurf durch den Bahlinger Strafraum: Miguel Coulibaly verlängert mit dem Kopf und Amadou Abdullei stochert das Leder aus kürzester Distanz ins Netz. Ein spürbarer Nackenschlag für die Platzherren. Die Gäste werden jetzt zwar nicht besser, aber die Einheimischen schlechter.



Ein Allerweltsball in die Spitze landet auf dem Fuß von Coulibaly, der Bahlinger Sovtic – mit gerade erst abgesessener achtwöchiger Sperre ins Spiel gegangen - hakelt nach und kassiert dafür Rot. Eine in mehrfacher Hinsicht überzogene Entscheidung. Zum einen war es kein klares Foul, zum anderen hätten noch weitere Bahlinger eingreifen können. Ferner wird von etlichen Bahlingern moniert, Coulibaly habe sich im Abseits befunden. Jedenfalls schnappt sich Zehiroglu die Kugel und zirkelt sie um die schlecht gestellte Mauer herum ins kurze Eck: 32. Minute: 0-2.

„Auswärtssieg“ und „Spitzenreiter“ hallt es aus dem Gästeblock. Nach einer halben Stunde ist die Partie für die stark abstiegsgefährdeten Kaiserstühler bereits gelaufen. Das spürt auch der Anhang. Selbst rund um die legendäre „Schorlerinne“ bleibt es meist ruhig; einzig der Mannheimer Schiedsrichter Groß ist noch Zielscheibe verbaler Attacken.

Akustisch ist die Szenerie mittlerweile geprägt von den Sprechchören der Gäste, allen voran der Fanclub „Black Warriors“: „...Wir sind die Ulmer, wir sind die Spatzen, wir sind die Fans, die immer wieder klatschen: Olé Olé...“.
Nach rund einer Stunde klingelt es zum dritten Mal: Zehiroglu hatte Coulibaly bedient und dieser recht ungestört eingeschoben. Letzterem wurde es dann offenbar zu kalt auf der frostigen Ponderosa, produzierte er doch eine Viertelstunde vor Schluss eine völlig offensichtliche Schwalbe, um hernach noch dem Schiedsrichter seine Meinung über dessen Gelbe Karte mitzuteilen: Gelb-Rot.



Bahlingen kann man zugute halten, trotz des aussichtslosen Spielstands nie aufgesteckt zu haben. Bis zur Schlussminute versuchten die Roten, Angriffe zu initiieren und spielten dabei bis zum Sechzehner der Gäste auch ganz passabel. Kritisch sieht es allerdings im Sturmzentrum aus, wo der schmächtige Franzose Mathieu Mombris sich oft allein gegen gesamte Ulmer Abwehr behaupten musste. Es fehlt am Kaiserstuhl schlicht an Personal.

So musste Trainer Milorad „Milo“ Pilipovic neben dem Langzeitverletzten Benjamin Schwehr (Wadenbeinbruch mit zahlreichen Bänderverletzungen) auch Stammtorhüter Neumann (Knöchelbruch), Kapitän Scheuer (beruflich verhindert) auch Mohammed Kateb (umgeknickt) ersetzen, weswegen man nachvollziehen kann, dass er die Winterpause herbeisehnt. Ulm spielte enttäuschend, aber immerhin effektiv, wird sich jedoch steigern müssen, um im Aufstiegsrennen weiter mitreden zu können.