Obdachlose in Not: So handelst du richtig

Michael Saurer

Vor wenigen Tagen hat eine Frau einem Obdachlosen in der Freiburger Innenstadt vermutlich das Leben gerettet, indem sie den Notruf anrief. Woran man einen Notfall erkennt, erklärt Streetworker Marc Disch im Interview:



Herr Disch, im Stadtgebiet sehen wir nachts immer wieder Obdachlose unter Brücken und vor Gebäuden liegen. Sollte man sich da von vorneherein Sorgen machen?


Marc Disch: Nicht unbedingt. Auch wenn so gut wie kein Mensch freiwillig ohne Wohnung lebt, ist für viele Betroffene die Straße zunächst ihr Zuhause, das muss man dann auch akzeptieren und respektieren. Viele Obdachlose wollen oder können nicht in Wohnungen oder den stark frequentierten und beengten Notunterkünften übernachten. Eingreifen sollte man da nur in echten Notfällen.



Aber woran erkenne ich die?

Da sollte man sich auf seinen gesunden Menschenverstand verlassen. Wenn jemand an einem geschützten Platz auf einer eigens hergerichteten Unterlage schläft, in einen Schlafsack oder eine Decke eingewickelt ist, dann spricht einiges dafür, dass keine Notsituation vorliegt. Denn so ein Lager aufzubauen, erfordert schon einen relativ hohen Organisationsaufwand. Jemand, der in einer hilflosen Lage ist, schafft das in der Regel nicht mehr.

Wenn aber jemand, vor allem jetzt im Winter, unzureichend bekleidet und ohne Decke oder auffällig zusammengekrümmt am Wegrand liegt, sollte man auf jeden Fall aufmerksam sein und sich um den Menschen kümmern.

Wie macht man das am besten?

Am besten geht man mit der gebotenen Zurückhaltung in die Nähe und spricht den Menschen freundlich an. Wenn dann keine Reaktion kommt, der Mensch also überhaupt nicht ansprechbar ist, sollte man unbedingt Hilfe hinzurufen. Auf keinen Fall sollte man den Menschen sofort anfassen oder gar wachrütteln. Viele Obdachlose leben in permanenter Angst vor Überfällen und Gewalttaten. Wenn sie dann unerwartet berührt werden, könnten das manche als Angriff missverstehen und durchaus zu recht aggressiv reagieren.

An wen wende ich mich am besten, wenn ich den Eindruck habe, dass eine Notsituation vorliegt?

Am einfachsten und sinnvollsten ist es, die kostenlose, immer erreichbare Notrufnummer 112 anzurufen. Dort landet man dann direkt beider Rettungsleitstelle und die können schon erste Anweisungen geben oder Nachfragen stellen. Etwa ob die Hände des Obdachlosen blau angelaufen sind, ob er sichtlich alkoholisiert ist. Auch die Polizei unter 110 ist ein richtiger Ansprechpartner.

Viele Hilfewillige schrecken davor zurück weil sie denken, dass die Polizei nur für Straftaten zuständig ist. Tatsache ist aber, dass die Beamten auch Menschen in solchen Notsituationen helfen und sie gegebenenfalls zu den richtigen Einrichtungen begleiten können.

Wer kann helfen, wenn ich jetzt jemanden draußen schlafen sehe?

Die Stadt Freiburg empfiehlt drei Stellen, die weiter helfen können, wenn wohnungslose Menschen bei kalter Witterung akut Hilfe benötigen:  
  • Tagsüber: das Amt für Wohnraumversorgung, 0761/201 3201;
  • Nachts: Zentrum für wohnungslose Menschen, 0761/201-3283.
  • jederzeit jede Polizeidienststelle.

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[Bild 1: dpa, Bild 2: Michael Saurer]