Nur 91 Teilnehmer: So enttäuschend war die Vollversammlung der Studierenden

Konstantin Görlich

Unisex-Toiletten, Reform des Lehramtsstudiums, Polizei im Studierendenhaus - die Themen der Uni-Vollversammlung am Mittwoch bargen jede Menge Sprengstoff. Dann kamen nur 91 Studierende. fudder-Autor Konstantin Görlich fand das ziemlich enttäuschend:



Für 18 Uhr am Mittwochabend war die Vollversammlung (VV) angekündigt - eines der wichtigsten und mächtigsten Gremien der Studierendenvertretung an der Freiburger Uni. Um 18 Uhr beraten sich die StuRa-Funktionäre noch vor dem KG II. Hier glaubt niemand, dass die VV beschlussfähig sein wird. Das wäre sie bei knapp 230 anwesenden Studierenden - einem Prozent der Studierendenschaft - dann wäre das Audimax nicht mal halb voll.


In dessen weitestgehend leeren Reihen sitzen Studierende unterschiedlichen Alters, Fachschaftsurgesteine mit ihrem spärlichen Nachwuchs, vermutlich. Die Funktionärsreihen sind ebenfalls licht, man kennt sich, begrüßt sich. Um 18.30 Uhr geht es endlich los, das Präsidium zählt 91 Studierende. Einer will noch auf die Tagesordnung: Das wird fast einstimmig angenommen. Er muss bald weg und will als erstes drankommen: Das wird knapp abgelehnt. Geschäftsordnungsspielchen. Wer’s mag.

Für Tagesordnungspunkt (TOP) 1 tritt Aljoscha vom Vorstand der Studierendenvertretung ans Mikrofon. Seine Rede ist als Grußwort angekündigt, entpuppt sich jedoch als trockene Terminübersicht. Er kündigt die Uniwahl am 30. Juni an, für die die Listen bis zum 2. Juni um 14 Uhr eingereicht sein müssen. "Es wär schön, wenn möglichst viele sich an der Wahl beteiligen", sagt er den 90 Studierenden. Die Hochschulpolitik-Insider haben das natürlich schon gewusst. Kein Grußwort, nix Kämpferisches, schade.

TOP 2 Lehramtsreform

Hier geht es unter anderem um etwas, das "polyvalenter Zwei-Hauptfächer-Bachelor" heißt. Ob er ansteckend ist, wird nicht verraten. Und natürlich soll er nicht so polyvalent sein, wie es scheint. Danach geht es um § 9 der Übergangsvorschriften für den Weg von der alten Gymnasiallehrerprüfungsordnung (GymPO) zum neuen, modularisierten Lehramt. Bis 31. Juli 2021 soll es einen Bestandsschutz für GymPO-Studierende geben - aber in Freiburg ist irgendwas anders. Was genau ist nicht ganz klar, weil der Referent die entscheidenden Folien erst nicht weiterschaltet und später überspringt. Zu stören scheint das aber niemanden.

TOP 3 Angespannte Situation zwischen Studierendenvertretung und Rektorat

Vorstand Kevin rekapituliert die Ereignisse um den 1. Mai, bei denen die Polizei das Studierendenhaus abgeriegelt hatte (fudder berichtete) und erzählt von einem Gespräch mit Uni-Kanzler Schenek, der mit der Aktion seine Kompetenzen überschritten habe. Man warte noch auf ein Brandschutzgutachten und sei in Kontakt mit einem Anwalt, um die Sache durchzuklagen.

Es gibt keinen Antrag, nicht mal eine Nachfrage, keine Demo, nichts. Damit ist TOP 3 durch. Neben dem Vorfall an sich ist vor allem die Gleichgültigkeit bemerkenswert, mit der die Versammlung den Vorgang zur Kenntnis nimmt. Das Präsidium freut sich sogar, dies könne die schnellste VV aller Zeiten werden.

TOP 4 - Unisextoiletten

Das Genderreferat möchte, dass die Studierenden sich dafür aussprechen, dass es Unisextoiletten geben soll. Keine Damen- und Herrentoiletten mehr, sondern nur noch Toiletten. In Zügen und Flugzeugen funktioniere das ja auch, ebenso an vielen Unis in anderen Ländern. "Es gibt viele Menschen, die sich im binären Geschlechtermodell nicht einordnen können oder wollen, und das ist ein Problem, weil sie angefeindet werden, wenn sie augenscheinlich in die falsche Toilette gehen." Außerdem stünden dann allen Menschen insgesamt mehr Toiletten zur Verfügung.

Zum ersten Mal kommt in der Versammlung so etwas wie Diskussionsfreude auf. Eine Studentin meint, man erreiche nichts, wenn man die Leute dazu zwinge, zusammen mit anderen Geschlechtern aufs Klo zu gehen. Als es um Sozialisationsfragen und Scham geht, meint ein anderer, es sei nicht Aufgabe der Studierendenvertretung, die Studierenden zu erziehen, was mit einem Zitat aus dem Landeshochschulgesetz pariert wird: Die Toilettenthematik falle sowohl unter den sozialen wie auch den kulturellen Auftrag. Szenenapplaus erhält jedoch die Wortmeldung "Wir erziehen Menschen zur Zweigeschlechtlichkeit, indem wir mit zweigeschlechtlichen Klos zweigeschlechtlichkeit reproduzieren."

Der weitestgehende Antrag, 100 Prozent Unisex zu fordern, wird dann mit 46 Ja-Stimmen bei 15 Nein-Stimmen und 14 Enthaltungen angenommen. Die anderen Optionen (50 Prozent oder nur eine Unisextoilette pro Gebäude) kommen damit nicht mehr dran. Hurra.

TOP 5 - 8

In den weiteren Tagesordnungspunkten wird eine neue Initiative vorgestellt, die sich für Gasthörplätze für Geflüchtete einsetzen will, ein Beschluss gegen die leidige Attestpflicht bei Prüfungsabmeldungen und eine Solidaritätsbekundung mit dem Kita-Streik werden einstimmig angenommen und unter "Sonstiges" zu einer “klitzekleinen Aktion der Wagengruppe Sand im Getriebe” aufgerufen, die an der KTS starten soll.

Dann ist die Vollversammlung zu Ende. Das Präsidium hat sich souverän geschlagen, und doch war das Programm nur Pflicht, die Kür fiel aus. Ganz kurz flammt eine Diskussion um die beschämend geringe Teilnehmerzahl auf. Der Vorstand attestiert Fachschaften und Initiativen mangelnden Werbewillen und verweist auf einen neuen E-Mailverteiler. Das Präsidium pampt die Kritiker an, doch selber Werbung in Vorlesungen zu machen. Eine Wortmeldung beendet die Mini-Debatte: "Wir sollten alle irgendwie für die Zukunft draus lernen. Die Diskussion jetzt bringt irgendwie nichts."

Das stimmt zwar, bringt aber auch nichts. Irgendwie.

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[Foto: Konstantin Görlich]