"Nossa, nossa...": Eine multidisziplinäre Analyse von Michel Telós Nerv-Hit 'Ai se eu te pego'

Simone Werner & Miriam Jaeneke

Das ist Michel Teló. Kennt ihr nicht? Sein Lied "Ai se eu te pego", besser bekannt unter dem darin mehrfach verwendeten Wort "Nossa" kennt ihr ganz sicher: Es ist der absolute Nerv-Sommerhit, schon lange bevor der Sommer da ist. Wegen seiner Omnipräsenz wollen wir den Song analysieren: Was bedeuten die brasilianischen Parolen, wie schwingt man korrekt das Tanzbein dazu und wie schätzt eigentlich Gewaltmusikforscher Dr. Klaus Miehling das Gefahrenpotenzial des Songs ein? Die Antworten:



Das Lied: Was singt Michel Teló da eigentlich?

Vivian Seifert (35) kommt wie Michel Teló aus Brasilien und unterrichtet an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg Portugiesisch. Sie hat die Lyrics von "Ai se eu te pego" für uns aus dem brasilianischen Portugiesisch ins Deutsche übersetzt:


Wahnsinn! Wahnsinn!
Du haust mich um.
Wenn ich dich kriege
Wenn ich dich kriege

Lecker, lecker!
Du haust mich um.
Wenn ich dich kriege
Wenn ich dich kriege

Samstag in der Disco
Die Leute fingen an zu tanzen
Dann kam das schönste Mädchen vorbei
ich habe mich getraut, sie anzusprechen.
 
Wer den Text dringend lernen möchte, dem hilft vielleicht dieses YouTube-Video:

Michel Teló - Ai Se Eu Te Pego - Misheard Lyrics Quelle: YouTube
 

Der Tanz: Wie schwingt man dazu richtig die Hüften?

Ähnlich wie beim Tanz zum Ketchup Song oder auch dem zum Welthit Macarena können zu "Ai Se Eu Te Pego" auch wenig begabte Tänzer das Tanzbein schwingen. Tanzlehrer Anichi und die Tänzer und Tänzerinnen der AYA Latin Dance Academy aus Freiburg zeigen, wie's geht:



Und wenn man's kann, sieht es dann im Idealfall so aus:



Die Analyse: Warum 'Ai se eu te pego' nervt und aggressiv macht

fudder-Leser der ersten Stunde werden ihn kennen: Musikwissenschaftler Dr. Klaus Miehling, der mit seinem Interview über Gewaltmusik bei uns großes Aufsehen erregt hat.

Unter Gewaltmusik versteht Dr. Miehling "Musik, die Gewalt im weitesten Sinne klanglich ausdrückt. Das ohrenfälligste dabei ist das Schlagzeug, das ja akustisch nichts anderes darstellt als Schläge, Schüsse, Explosionen und dergleichen. Aber die Gewalt kann auch im verzerrten Klang einer E-Gitarre und in der Aggressivität der menschlichen Stimme liegen. Das sind keine Randerscheinungen, sondern es betrifft die Mehrheit der sogenannten populären Musik. Auch Mainstream-Pop ist aggressiv und deswegen Gewaltmusik."

Seine Analyse von "Ai se eu te pego":

"Der eigentliche „Gewalt“-Faktor liegt bei diesem Lied fast ausschließlich im Schlagzeug. Im Video sieht man ihn auch in einigen geballten Fäusten des Publikums. Damit will ich nicht sagen, dass diese Leute gleich gewalttätig werden; vielmehr zeigt sich hier die Verbindung von Gewalt und Sexualität, denn Sex ist der zweite dominierende Faktor des Liedes.

Ein ähnlicher Text könnte auch klassischer Musik zugrunde liegen; obszöne Worte werden vermieden. Die eigentliche Obszönität ergibt sich erst in Verbindung mit der Musik. Im Video wird das natürlich auch optisch unterstrichen, und zwar mehr durch das inszenierte Publikum als durch die Musiker selbst.

Über das Verhältnis von Sexualität und Gewalt bzw. Aggression ist schon viel geschrieben worden. Dass es hier Verbindungen geben kann (nicht muss), ist hinreichend bekannt. Der „Beat“ wird auch von vielen Gewaltmusikern und Hörern als sexuell stimulierend empfunden. Genau das spiegelt sich in den Gesten und in der Mimik des Publikums wider.

Ein weiterer Aspekt, der insbesondere im Video zur Geltung kommt, ist der des Wahnsinns, der Verrücktheit. Eine zentrale Rolle im Text spielt der Ausdruck „que me mata“, „die mich verrückt macht“. Auch das zeigt sich im Agieren von Sänger und Publikum. Der Wahnsinn, das „Ausflippen“, das Ausbrechen aus der Normalität, sind zentrale Elemente der Partykultur; und auch diese wird sowohl im Liedtext („en la discoteca“) als auch im Video, das offenbar in einer Diskothek aufgenommen wurde, direkt angesprochen. Ich empfehle, einmal den Ton abzustellen und nur das Video anzusehen. Wenn man selbst „nüchtern“ ist, also nicht vom „Beat“ bedröhnt, erkennt man wesentlich leichter, dass sich Sänger und Publikum im Grunde wie Geisteskranke gebärden.

Bemerkenswert ist, dass im Video Männer (abgesehen von den Musikern) eine absolut untergeordnete Rolle spielen. In wohl keiner Diskothek (eine Lesben-Diskothek ausgenommen) dürfte das Verhältnis von Frauen und Männern so unausgewogen sein wie im inszenierten Auftritt des Videos.

Was sagt uns das? Zielgruppe des Liedes sind die Frauen, aber es steht im Dienste der Männer. Die Frauen sollen „aufgegeilt“ werden, und das Verhalten der Frauen im Video signalisiert: Hier sind alle locker und geil und wollen Sex haben, und Ihr sollt Euch genauso verhalten und von den Männern „abschleppen“ lassen. Eigentlich müssten Lied und Video zu Protesten von allen Frauen-Interessengruppen führen.

Wie es bei Partymusik die Regel ist, liegt auch hier die klangliche Aggression ganz im Dienst der Sexualität, und im Video wird das besonders deutlich. Kurz und drastisch formuliert: Musik und Video sind nichts anderes als Instrumente, um Frauen zu willigen Sexpartnern zu manipulieren.

Ich soll wohl auch etwas dazu sagen, warum das Lied vielen auf die Nerven geht. Zum einen wird es, wie man mir sagte, laufend im Radio gespielt, und im Übermaß gehört nervt irgendwann fast jede Musik. Zum anderen hat die Musik Elemente, die von vielen Pop- und Rockhörern normalerweise abgelehnt werden: Sie erinnert an volkstümliche Musik. Man achte zum Beispiel auf die simple Dreiklangsmelodik auf den „einfachsten“ harmonischen Stufen I und V im Refrain, und auf die stufenweise Abwärtsbewegung in parallelen Terzen, ausgeführt vom volksmusiktypischen Instrument Akkordeon. Man kann sich gut eine „Cover“version für den Musikantenstadl vorstellen.

Freilich haben die meisten Gewaltmusiktitel Elemente von Volksmusik, ja sogar (wie Pete Townshend einmal sagte) von Kinderliedern. Es ist der aggressive Klang und der Rhythmus, der sie für das Gewaltmusikpublikum interessant macht. Da die Aggression hier dennoch weniger stark ausgeprägt ist als bei anderen Pop- oder Rockstücken mit noch dominanterem Schlagzeug, mag die musikalische Schlichtheit eher auffallen und daher mehr stören."
 

Die Konsequenz: Was nun?

Im Moment kommt man um  "Ai se eu te pego" einfach nicht herum - außer natürlich, man meidet Kaufhäuser jeglicher Art und lebt Zuhause radio- und fernsehabstinent.

Kopf hoch! Es gab noch keinen Sommerhit, der nicht irgendwann von einem anderen abgelöst wurde. Wir sind gespannt, welcher Song uns von Michel Teló erlösen wird - und wie arg er uns nerven wird.




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  [Bild 1: dpa; Bild 2: Privat; Bild 3: Thomas Kunz]