Northern Lite: Kuschelig klirrende Kälte

Carolin Buchheim

Northern Lite aus Erfurt ist eine Band zwischen allen Genres. Aus dem 'Knöpfchen-Dreh-Techno-Act' von einst ist eine waschechte Electro-Clash-Combo mit szeneübergreifendem Appeal geworden. Samstag abend sind Northern Lite zu Gast bei Matchbox Elektro rockt im Crash. Andreas Kubat, Northern Lites sympathischer Frontman, hat fudder-Autorin Caro erklärt, was den Sound der thüringischen Landeshauptstadt ausmacht, warum Northern Lite mehr Gitarren als Synthesizer besitzt und warum sich seine Band beim Touren manchmal wie die Sieben Zwerge fühlt. fudder verlost 1x 2 Tickets!


 

Andreas, wie würdest Du den Sound von Northern Lite einer tauben Person beschreiben?

Ich würde mit ihm an der Bar vorbeigehen, mit einem großen Cocktailglas, und würde erst ein bisschen Vodka reinkippen, dann ein bisschen Rum, dann ein bisschen Schampus und das Ganze dann ordentlich mit Red Bull auffüllen. So wie es ist, wenn man das austrinkt, so ist unsere Musik.

Erzähl mal etwas zu eurem neuen Album 'Unisex'. Was bedeutet es Dir?

'Unisex' ist eigentlich die konsequente Weiterentwicklung von dem, was wir immer gemacht haben: Ganz mit Absicht über Grenzen hinweggehen und Dinge mischen, von denen man in der Theorie denkt 'die gehen nicht zusammen', wie elektronische Beats mit 'nem Blues. Wir machen uns da überhaupt keine Sorgen, das kann auch mal 'nen Countryeinschlag haben; Wir haben kein 'Das ist cool, das ist uncool'-Schema im Kopf. Wenn es reinpasst, dann machen wir das. Das Album bedeutet für mich eine Menge abgehakter Gedanken, eine Menge Einsichten die ich auf langen Autobahnfahrten irgendwie runter geschrieben habe. Es ist mein Leben. Es bedeutet alles.

Für mich sind Eure Platten Großstadt-Platten, dabei kommt ihr ja aus Erfurt, dem Heidelberg Ostdeutschlands. Hat die Provinz Euch beeinflusst, auch wenn man das nicht unbedingt sofort hört?

Ganz bestimmt, natürlich. Ich denke, wir würden nicht solche Musik machen, wenn wir aus Berlin kämen. In Erfurt hast Du die Möglichkeit, dich echt Deiner Sache zu widmen ohne zu viele Einflüsse von außen zu haben. Hier gibt es eine ganz kleine, feine Szene und hier hat sich ein Sound entwickelt, auf den die Leute stehen, diesen trockenen, harten Elektro-Sound. Wir haben das einfach nur auf die Spitze getrieben. Wenn es in der Elektronik einen Erfurt-Sound gibt, dann ist das auf jeden Fall klar trockener, harter, düsterer Elektro.

Ihr seid ja auch immer noch in Erfurt. Habt ihr nie das Bedürfnis gehabt, wegzugehen und die Provinz hinter Euch zu lassen?

Nein, überhaupt nicht. Wir werden schon seid Jahren immer wieder gefragt,: "Warum geht ihr denn nicht nach Berlin? Da habt ihr dann so große Möglichkeiten!" Aber ich seh' das eigentlich überhaupt nicht so. Heutzutage ist der Standpunkt überhaupt nicht mehr wichtig, denn die ganzen Kommunikationswege laufen ja eh übers Internet. Ausserdem ist Erfurt ist ja wirklich schön gelegen in Deutschland, es liegt ja genau in der Mitte und nix ist weiter weg als vierfünfhundert Kilometer, und deswegen ist es praktisch zum touren. Es dauert ja nur zwei Stunden, nach Berlin zu fahren. (lacht) Ich find' es ganz niedlich, wenn wir in so Großstädten spielen, wie in Berlin, dass wir aus dem Thüringer Wald rausgerollt kommen, wie die sieben Zwerge, und dann spielen wir, rocken die Columbiahalle, und rollen dann wieder in den Wald zurück. (lacht)

Ach komm, Du willst mir doch jetzt nicht erzählen, dass Du nach einem Gig in der Columbiahalle wieder nach Hause fährst!

Nee, das machen wir nicht, hast recht. (lacht)

Keine Selbstinszenierung als Thüringer Wald-Zwerg! So ein bisschen Rock'n'Roll-Lifestyle muss doch sein, oder nicht? Gerade wenn man Eure Texte so anguckt, geht es da ja häufig um Sex, Drugs, Rock'n'Roll und Nachtleben. Ist Northern Lite klammheimlich eine waschechte Rock'n'Roll-Band?

Wir haben irgendwie so ein bisschen das Image, aber Du kommst da nicht umhin, wenn Du aus der Elektronikszene kommst. Dann siehst Du viel, erlebst viel in den Clubs, wenn Du Dir die Nächte um die Ohren haust. Hey, wir sind halt große Jungs!



Wie ist es dazu gekommen, dass Du mit Sebastian Northern Lite gegründet hast, und warum ist es genau diese Band mit dieser Art von Musik geworden?

Das ist alles blanker Zufall, eigentlich, wir haben immer nur das gemacht, was für uns cool war und worauf wir Bock hatten, und wenn das gut geklungen hat, dann sind wir einfach in die Richtung weiter gegangen. Wir waren am Anfang ein ganz normaler Knöpfchen-drehender Techno-Live-Act, dann kam die Gitarre dazu. Ich hab als Zwölfjähriger Gitarre gelernt und hab sie aber dann nie groß benutzt. Es stand immer mal 'ne Konzertgitarre im Studio 'rum und ich hab auch öfter mal 'nen Song dran geschrieben, aber wir haben den nie aufgenommen aber irgendwann war klar, dass wir das ausprobieren sollten, und das war dann auch gleich so super.

War es am Anfang eine Überwindung zu singen?

Ja, schon. Ich bin kein Typ, der von sich selber in seiner Leistung stark eingenommen ist, ich hab immer gedacht, das kann ich nicht, das wird nicht funktionieren, auf Dauer. Ich mach' das jetzt zwar mal, aber ich bin doch kein Frontman! Aber irgendwann hab' ich dann auch echt Spaß daran gefunden, denn Du kriegst ja bei Gigs auch mit, wie die Leute das so aufnehmen, und weil die nun mal nicht die Nase gerümpft haben, sondern halt wirklich steil gegangen sind, hab ich dann auch an Selbstvertrauen gewonnen.

Was für Programme benutzt ihr im Studio?

Ich arbeite ganz viel mit Logic auf dem Mac und unter anderem auch mit Reason, weil das ein witziges kleines Tool ist, aber auch mit viel Hardware halt, Nord Lead Keyboards, und ganz viele Gibson-Gitarren.

Auf der Bühne habt ihr eher weniger Kram rumstehen, oder?

Nein mittlerweile schon, Northern Lite ist nicht mehr der pure Minimalismus. Irgendwie haben wir dem an einer Stelle Ade gesagt, als wir gemerkt haben, dass die Bühnen immer größer werden. Außerdem wirst Du ja auch auch freier damit. Du kannst halt viel mehr machen, Du kannst intuitiver mit der Musik arbeiten und je größer Du die Sache anlegst, desto mehr kannst Du live machen und im Set entscheiden, ob Du jetzt nen' Song länger spielst, oder wie Du die Reihenfolge machst.

Würdest Du sagen, ihr seid heute mehr live, als ihr das vorher ward?

Also wir sind nicht 'mehr' live, aber wir haben jetzt die Möglichkeit intuitiver den Ablauf zu ändern. Wir können uns vor dem Song angucken und sagen "Hmm, die sind hier ein bisschen ruhiger so, spielen wir das ganze Ding ein bisschen minimaler". Außerdem haben wir zwei Gitarristen, die sehr schön zuarbeiten und die Stimmung von einem Song verändern können.

Du hast ja schon von der Hardware geredet: Hast Du einen Lieblings-Synthesizer?

Also am liebsten arbeite ich zur zeit mit dem Virus T1, den kann man super auch in die Frequenzer integrieren mit PlugIns, der hat super Filter und alles ist voll speicherbar und ist halt trotzdem ein Hardware-Gerät und klingt sehr analog. Aber noch lieber mag ich die Gibson Les Paul, die wir gerade bekommen haben.

Wie ist denn überhaupt der Quotient zwischen Elektrospielzeug und Gitarren bei Northern Lite?

Gitarren sind da übermächtig! Wenn wir unsere Gitarren zusammenzählen, die von Sascha, Fritjof und mir, dann sind es bestimmt dreißig, auf die drei Studios verteilt.

Du hast 2003 mal in einem Interview gesagt "Die Leute, die uns mögen, sitzen nicht um 15 Uhr vor der Glotze und gucken VIVA. Wir wollen eine Band sein, die gefunden wird!". Jetzt läuft das Video zu 'What you want' auf MTV und Viva. Wie ist das für Dich?

Tja, wir sind halt gefunden worden! Es gibt so den Punkt, wo Du die Underground-Bekanntheit irgendwie hast, und dann können auch die Anderen nicht mehr an uns vorbei, dann müssen irgendwann auch die schnöden fetten Musiksender ran, hilft ja nix. (lacht) Ich kann ja nichts dafür, was da sonst noch läuft, aber solange wir uns treu bleiben und unsere Musik nicht extra viva-Konform machen, habe ich da auch kein schlechtes Gewissen.

Eure erste Platte habt ihr selbst raus gebracht, bei Eurem eigenen Label 1st Decade. Habt ihr 1st Decade gegründet, weil ihr nirgendwo einen Deal bekamt, oder wolltet ihr es unbedingt selbst machen?

Nee, wir haben nirgendwo einen Deal bekommen, und es deswegen selbst gemacht. Wir haben, wie jede junge Band, die Illusion gehabt, dass wir ein Demo-Band irgendwohin schicken, dass sich auch einer anhören wird, und wir dann einen dicken Vertrag kriegen. Das war natürlich nicht so, denn da konnte keiner was mit unserem Sound anfangen und damals war der auch noch nicht so, ich hätte uns auch nicht gesignt, ich bin da ehrlich. (lacht)

Mittlerweile seid ihr bei Universal. Wie ist das passiert, und was hat sich dadurch verändert?

Wir sind jetzt bei einem Major, weil wir immer zu einem wollten. Damals haben wir aber gemerkt, dass das gar nicht so funktioniert, und dass Du, wenn Du als junge Band ohne Erfahrung zu einem Major gehst, der Arsch bist. Du kriegst den schlechtesten Vertrag, den Du dir vorstellen kannst, Du kannst nichts entscheiden, Dein Image wird verändert und wenn Du dann zu allem Unglück auch noch erfolgreich bist, dann verdienst Du nichts. Bei uns ist das jetzt anders mittlerweile; Wir haben ein Image ubd die Leute wissen genau, wie wir sind, wie wir aussehen, was wir für eine Atmosphäre versprühen und was für Musik wir machen. Da braucht jetzt kein Major mehr kommen, und sagen "Ey, pass mal auf, wir haben jetzt hier einen super Stylisten".

Hat Universal Euch also nicht um Friseur geschickt?

(lacht) Wir haben ein Image, und das kann uns jetzt keiner mehr wegnehmen und wir konnten, davon abgesehen, auch ganz andere Bedingungen stellen, nachdem man uns dann bei der Universal wollte.



Ist die Produktion jetzt entspannter? Ist es ein beruhigendes Gefühl, bei einem Major zu sein?

Wenn man da so herangehen würde, dann müsste Ich sagen: Es ist eher unentspannter geworden, weil Du jetzt natürlich unter einem ganz anderen Druck stehst, denn auf einmal hängt Riesen-Apparat dran und alle erwarten von Dir, dass Du was machst, das erfolgreich wird, damit es allen gut geht. Aber eigentlich hab ich das schon immer verdrängt. Ich wollte Musik machen, da versuch ich immer ganz stark, mich von so materialistischen Sachen wie Zahlen fern zu halten. Ich glaub das ist auch das ganze Rezept, sonst klingst Du nicht mehr fresh, sondern machst irgendwann Dieter Bohlen-Musik, mit der Du viel Geld verdienst.

Bei Euren Konzerten sind immer sehr unterschiedliche Leute, fern aller Szenegrenzen. Club-Leute, Goths, Waver, Indie-Kids und so. Wie ist das für Dich, wenn Du von der Bühne runterguckst, und da so viele unterschiedliche Leute stehen?

Ich muss ehrlich sagen, dass uns das selber anfangs nicht so aufgefallen ist. Aber immer wieder haben Veranstalter gesagt "Was waren heute für Leute hier, so was hab ich noch nicht gesehen". Es war weder geplant, noch forciert, und ich find's super. Es ist einfach die Summe dessen, dass wir so verschieden sind, von unseren musikalischen Wurzeln, und dass wir das auch wirklich konsequent durchgesetzt haben, und die verschiedenen Dinge einfach alle in einen Topf geschmissen und geguckt haben, dass es immer noch schmeckt. Unsere Musik strahlt aus, dass sie Raum lässt für verschiedene Sachen. Es gibt natürlich viele Musik, die gemischt ist, und wir haben da nicht Jesus-mäßig irgendwas erschaffen, aber ich glaub' es gibt halt nicht so viele Bands, bei denen die verschiedenen Stilrichtungen so klar erkennbar sind wie bei uns. Wir haben auf der einen Seite den Technos, die eigentlich emotionslose Musik gewohnt waren, ohne Hook-Lines, ohne Songstrukturen, ohne zu viele Vocals, das gebracht, was denen da gefehlt hat, das Gefühl, die Melodie, und ihnen die Angst vor der schönen Melodie genommen. Und andererseits haben wir dem Rock-Club dieses Rock-Song-Dogma weggenommen; zwei Strophen, Chorus, Bridge, Chorus, fertig. Die finden halt das cool bei uns, was da so Track-mäßig ist, dass sich was aufbaut, und auch die Beats irgendwie eine Wirkung haben und man auch auf 'ner Hi-Hat auch abgehen kann, was bei 'nem Rock-Song nie passieren wird.

Eure Konzerte sind eine bewusste Gesamtinszenierung mit Musik, Visuals, Licht und auch Eure Videos entsprechen eurem klar definierten Stil. Woher kam das Bedürfnis, Alles so genau zu stylen?

Wir haben schon ziemlich früh mit einem Kreativ-Pool von Leuten zusammengearbeitet, die wir zum Teil auch schon von früher kannten. 18oktober.com sind die, die die Videos machen, und das sind die gleichen Jungs, die von Anfang an unser erstes Cover gemacht haben. Die haben sich mit uns entwickelt und sind mit uns mit gewachsen und iregndwie kannst Du das auch nicht mehr trennen. Es gibt jetzt 20 Platten von uns, also Vinyle, und Du kannst die nebeneinander stellen, und die ergeben trotzdem ein Bild, da ist ein Style drin. Nee, halt, ich glaub es gibt nur 18 Platten. (lacht) Uns ist schon immer wichtig gewesen, dass das Ganze einen artifiziellen Charakter hat, weil das bei unserer Musik nicht viel anders ist. Wir haben da wirklich Glück gehabt, weil ein junges Label das kleine Auflagen hat, so wie wir am Anfang, es sich eigentlich gar nicht leisten kann, irgendwie große Künstler einzukaufen.

Einer meiner besten Freunde mag Euch sehr gern, aber er findet, dass ihr live tausend Mal besser seid als auf Platte. Siehst Du selbst Northern Lite eher als Studio- oder Live-Band?

Ich denke wir sind beides. Ich glaube das es verschiedene Einsatzgebiete für die Musik gibt. So eine CD, die willst Du Dir auch mal zuhause anhören, und ein Konzert kannst Du sowieso mit nichts toppen. Das liegt am Gesamteindruck, den Du da kriegst, das Licht, die Lautstärke, der Schweiß, die Hitze, die Leute.. Ich glaub ich fänd' es schlimmer, wenn jemand sagen würden, wir wären live nicht so gut wie auf CD. Es ist ja auch so, dass wir die Musik für's Live-Set auch modifizieren. Live sind wir schon härter und straighter. Unser Live-Set ist auch schon dafür gedacht zu pushen und die Leute über die Klinge springen zu lassen, wenn sie wollen.

Gibt es irgendeinen Gig, an den Du besonders gern zurückdenkst?

Also ich muss ehrlich sagen, letztes Jahr auf dem Sonne Mond und Sterne-Festival, das war großes Kino, eine anderthalb Stunden Dauer-Gänsehaut. Da waren Achttausend Leute, die haben gar nicht alle reingepasst ins Zelt, und die haben nur geschrieen. Die Security ist verdreifacht worden, überall standen so Zyklopen vor der Bühne, und das war echt der Wahnsinn; es war so schön, so was hab ich noch nie erlebt. Nächstes Jahr spielen wir da wieder, und ick freu mir! (lacht) Das sind so die Momente, in denen Du weißt, warum Du dich zehn Jahre oder so geplagt hast. Das ist schöner als viel Gage kriegen.

Mehr dazu:

Northern Lite: Website& MySpace
1stDecade Records: Website
The World Domination: Website& MySpace
Pocketmaster: Website& MySpace
Putschversuch: MySpace
Das Timbo: Website& MySpace
Matchbox Elektro Rockt: Website

Was: Matchbox Elektro Rockt mit Northern Lite
Wann: Samstag, 16. Dezember 2006, 22 Uhr
Wo: Crash & Drifters
Eintritt: €12 (VVK), €14 (AK)

Running Order:

Crash
23:00-00:00 Uhr - The World Domination
00:00-02:00 Uhr - Northern Lite
02:00-05:00 Uhr - jan.ehret

Drifters:
22:00-02:00 Uhr - Frank Bale
02:00-02:45 Uhr - Das Timbo
03:00-03:45 Uhr - Putschversuch
04:00-05:00 Uhr - Pocketmaster

fudder verlost 1x 2 Karten für dieses tolle Event. Dazu einfach ein eMail mit  Deinem Namen und dem Betreff 'Northern Lite' an info@fudder.de schicken. Einsendeschluß ist Freitag, der 15. Dezember, 16:00 Uhr. Der Gewinner wird per Auslosung ermittelt und schriftlich benachrichtigt.