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Nonbinär und Bipoc: Mikah bloggt über Alltagsrassismus und Identitätsfindung

Anika Maldacker

Rassismuserfahrungen und eine lange Identitätssuche: Mikah aus Freiburg ist als Adoptivkind weißer Eltern in Deutschland aufgewachsen. Nun bloggt Mikah über die Erfahrungen als schwarzer, nonbinärer Künstler in einer weißen Gesellschaft.

Wenn Mikah sich beschreibt, fallen Worte, die viele erst googeln müssen: Nonbinär oder Bipoc. Mikah bezeichnet sich selbst als Künstler und Überlebender von Rassismus und sexueller Gewalt. Wenn Mikah, 27 Jahre alt, erzählt, welche Defizite die Gesellschaft hat, klingt es, als nehme Mikah sich sehr viele Makel dieser Welt zu Herzen. Aber was Mikah kritisiert, hat Mikah selbst erlebt – und geht damit ausgesprochen offen um.

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Da Mikah sich dem dritten Personenstadt zurechnet, haben wir versucht, in diesem Text auf weibliche oder männliche Personalpronomen zu verzichten, obwohl Mikah beides für sich nutzt.

Denn Mikah heißt laut Pass Miriame Manette Anescar-Schundelmeier; geboren ist Mikah in Haiti, wurde als Säugling von einem deutschen Paar adoptiert und wuchs in Teningen auf. Mikah ordnet sich dem dritten Personenstand zu und der "Black and Indigenous People/Person(s) of Color (Bipoc). Nun bloggt Mikah auf Instagram unter dem Namen Zuerstschwarz zu den Themen mentale Gesundheit, Körperwohlbefinden und Alltagsrassismus. Knapp 3000 User folgen Mikah auf der sozialen Fotoplattform.

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"SO VIEL ZU MEHR LIEBE IM NETZ..." // EMOTIONAL LABOUR, TEIL 3 . . . Eine meiner Schwächen ist, dass ich aus Höflichkeit Dinge tue, auf die ich eigentlich überhaupt keine Lust habe. Ich glaube, das kennen wir alle aus persönlichen Umständen. Doch seit ich Online-Aktivismus mache, beschäftigt mich das nochmal auf einer ganz anderen Ebene. Jetzt habe ich das Gefühl, der Dad einer Familie zu sein und für uns alle sorgen zu müssen. Und ich nehme diese Verantwortung gern an, doch es bedeutet auch: immer wieder in mich gehen und hardcore reflektieren, was denn noch für mich stimmig ist und was nicht. Ich habe meine Gedanken schon immer sehr ungefiltert hier geteilt, weil für mich der Sinn und Zweck dieser Plattform ist, meine Lernprozesse aufzuzeigen und damit anderen schwarzen*/indigenen Menschen (,die LSBTTIQA* sind,) das Gefühl zu vermitteln, dass auch sie den Raum einnehmen dürfen, sich Schritt für Schritt zu entfalten und dass es okay ist, dass Heilung nicht linear verläuft und vor allem nicht so rosig ist, wie man sich das anfangs vielleicht vorstellt. Und was ich am meisten dadurch gelernt habe ist, wie viele Jahre ich mich weiß* verhielt, sobald ich, früher mein Kinderzimmer, jetzt meine Wohnung, verlassen habe & bis heute nicht völlig frei davon bin. Übersetzt bedeutet das z.B.: kein Singen und Tanzen am Esstisch. Oder generell in der Öffentlichkeit. Außer im Club oder auf Festivals. Kein "zu lautes" Lachen. Generell kein übertriebener Ausdruck von Freude. Keine Fremden mehr auf der Straße grüßen oder ihnen einen schönen Tag wünschen, weil sie mich komisch angucken. Kurz gefasst: kaum etwas tun, was mich aus tiefstem Herzen glücklich macht, weil es in Deutschland verpöhnt ist. Und schon gar nicht: meine wahren Gefühle mitteilen. Das perfekte Rezept für Depression. Und ja, dadurch steckt noch viel unterdrückte Wut und Enttäuschung in mir drin. Dabei bekomme ich Unzufriedenheit von weißen* Deutschen ständig über "Gott und die Welt" vermittelt. Weil das hier der normale Small Talk ist. Ist es da ein Wunder, dass wir uns alle unwohl fühlen? Ich finde nicht. #MehrLiebeImNetz

Ein Beitrag geteilt von M I K A H | 27 y/o | Nonbinary (@zuerstschwarz) am Jun 27, 2019 um 10:31 PDT



2017 erstellte Mikah ein Instagram-Profil mit dem sehr kontroversen Namen "@derquotenneger" und philosophierte dort in längeren Posts über Alltagsrassismus, Identitätsfindung, Sexismus und Queerness. Woher rührt der vorherige, provokante Titel? "Den Namen habe ich mir nicht ausgesucht, er wurde mir gegeben", sagt Mikah. In einem früheren Bekanntenkreis sei der Titel scherzhaft verwendet worden, weil Mikah bei Treffen oft die einzige schwarze Person war. Mit dieser Ansprache fühlte Mikah sich nicht wohl, sagte aber nichts. "Du willst nicht die problematische, schwarze Frau sein", sagt Mikah heute. "Für mich war das aber eine Art Selbstheilungsprozess." Mit dem kontroversen Namen wollte Mikah nicht-schwarzen Menschen abgewöhnen, das Wort zu nutzen. Inzwischen hat Mikah ihren Instagram-Namen in "Zuerstschwarz" geändert, um niemanden aus der Community zu retraumatisieren. Das Konzept ist geblieben.

Mikah will die Sichtbarkeit schwarzer Menschen erhöhen

2019 gründete Mikah eine neue Plattform unter dem Namen "Mehr Liebe im Netz", um sich für mehr Toleranz im Internet einzusetzen und einen Safer Space für queere, schwarze Menschen in der Region anzubieten. Mikah definierte sich als nonbinär, also Person des Dritten Personenstandes, innerhalb der deutschsprachigen, afrikanischen Diaspora. Mit dem Hashtag #MelaninFreiburg will Mikah die Sichtbarkeit schwarzer Frauen und Männer in der Stadt stärken.

Mikah ist in Teningen als Adoptivkind bei weißen Eltern aufgewachsen. Geboren wurde Mikah in Gonaïves auf Haiti. Der haitianische Vater war gewalttätig, verließ die Mutter. Als Mikah ein Baby war, wurde festgestellt, dass sich am Herzen ein Loch befindet. Die Betreuer rieten zur Adoption, da sie sich vom deutschen Gesundheitssystem mehr Chancen für eine erfolgreiche Operation erhofften. Das Teninger Paar, das Mikah aufnahm, hatte schon Kontakte zu dem Karibikstaat.

Früh erklärten sie Mikah von ihrer Herkunft und ebenso früh erlebte Mikah Alltagsrassismus. Schnell wurde Mikah klar, dass sie sich nicht für Männer interessierte. "Das Coming-Out war für mich einfacher als die Rassismus-Erfahrungen", sagt Mikah. Auf den Social-Media-Plattformen geht es auch um sehr persönliche Fragen, beispielsweise, ob weiße Eltern schwarze Kinder überhaupt erst adoptieren sollen dürfen. Zum Thema Adoption wurde Mikah schon in der funk-Sendung @aufklo interviewt.



Mikah will sensibilisieren

Mikah lebt in Freiburg, besuchte dort das Mädchengymnasium St. Ursula, studierte, brach ab, jobbte in der Gastronomie, probierte sich in der politischen Bildungsarbeit und der Sozialarbeit aus und begann, eigene Projekte aufzuziehen. Nun organisiert und gestaltet Mikah Workshops und Vorträge zu Alltagsrassismus, Empowerment, Körperwohlbefinden und Selbstliebe. Auch als Freier Redner spricht Mikah auf Veranstaltungen zu den Themen Mehrfachdiskriminierung, Alltagsrassismus, Intersektionalität im Feminismus, Identität, Interkultureller Austausch, Diversität, Neokolonialismus und Panafrikanismus. Doch Mikah hat noch mehr Pläne: Ein Festival für die Bipoc-Community oder eine Ausstellung mit Porträts inspirierender schwarzer Menschen – Mikah will eine kreative Herangehensweise an die eigenen Probleme und Erfahrungen verfolgen.
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