Nitebeat-Macher gründen digitales Label

Louisa Knobloch & Marc Schätzle

Das Szenemagazin Nitebeat bringt Mitte/Ende Oktober sein eigenes digitales Label an den Start. Nitebeat Records heißt es, die ersten Veröffentlichungen sind schon vorbereitet. Welchen Nutzen ein digitales Label haben soll und warum nach Eventorga, Partyplaner und Clubbetrieb jetzt auch noch ein eigenes Label gegründet wurde, erklärt uns Daniel Schmidt von Nitebeat im Interview.



Daniel, Nitebeat kennt man seit Jahren als Szeneheftchen, das in die Hosentasche passt. Wie kam die Idee mit einem eigenen Label?

Wir berichten über Musik, Events und Veranstaltungen. Das machen wir, weil wir gerne ausgehen, Musik hören und lieben und darüber informieren wollen. Zahlreiche unserer Redakteure sind auch als Discjockeys tätig. Jeder Tag hat bei uns mit Musik zu tun: wir schreiben über Events für das Nitebeat-Magazin, wir veranstalten Partys, betreiben auch Discotheken und an den Wochenenden legen wir als DJs in Clubs auf. Wir schreiben Platten- und CD-Kritiken, testen Musik in Clubs, sehen die Reaktionen. Das ist ein guter Background. Wir haben die Plattform dazu, wir können die Label-Neuheiten im Magazin bewerben und als DJs testen, welche Tracks im Club funktionieren und diese dann veröffentlichen.

Kann man mit solch einem Label Geld verdienen?

Finanzielle Interessen stehen hintan. Nach Nitebeat als Magazin und den Events ist dies einfach der nächste Schritt, der uns am Herzen liegt.

Was unterscheidet ein digitales Label von einem normalen?

Die Unterschiede liegen im Format, in dem die Musik zugänglich gemacht wird, in den Vertriebskanälen und auch in den Kosten. Ein „normales“ Label veröffentlicht CDs, Schallplatten, DVDs. Musik, die also auch greifbar ist, in physikalischer Form, man hat was zum Anfassen. Wir als digitales Label veröffentlichen ausschließlich Musik im MP3- oder Wav-Format, wir sind quasi ein Netzlabel.

In Zeiten von iPod, MP3-Handys, DJ-Lösungen wie Serato, Final Scratch oder Traktorund Internetradios ist das aber auch die Zukunft. Viele bekannte Labels existieren inzwischen rein digital und alle großen, bekannten Major-Labels haben Downloads und MP3 als lukratives Zusatzgeschäft erkannt. Die Verkäufe dort übersteigen die der physikalischen Medien nicht selten um ein Vielfaches.

Welche Vorteile habe ich als Musikliebhaber durch den Vertrieb im Netz? Ist der eigentlich kostenlos?

Netlabel bedeutet ja nicht, dass per se die Musik kostenlos ist. Es gibt zahlreiche Shops für digitale Musik wie z.B. Beatport, iTunes, Musicload, Napster, Trackitdown, Amazon und viele mehr. Die Vorteile sind, dass die Musik für den Hörer bedeutend günstiger ist – ein Net-Release kostet als EP mit mehreren Tracks zirka 3 Euro, eine Schallplatte/EP gleich 8 bis 9 Euro. Man kann auch einzelne Tracks kaufen, muss nicht gleich das ganze Album kaufen, wenn einem nur ein Track gefällt. Das macht in den heutigen Zeiten, wo das Geld knapper ist, einiges aus und gerade der Nachwuchs wächst mit MP3 auf und nicht mit Schallplatte, CD & Co.

Welche Vorteile haben DJs durch das digitale Format?

Kein Schleppen von schweren Plattenkisten, kein Suchen nach dem richtigen Track, keine vergessenen Platten. Statt mehreren Plattenkisten genügt heute eine externe Festplatte, ein Notebook oder einfach nur ein iPod, um die Musik zum Gig zu bringen. Und auf diese Datenträger passen inzwischen derart viele Tracks, dass man – würde man mit Platten arbeiten – einen LKW bräuchte, um sie zu transportieren. So wird sich MP3 wohl auch in den Clubs als neuer Standard durchsetzen. Auch unsere Kosten als Label und damit das Risiko sind geringer: man muss keine hundert Schallplatten für 1000 Euro pressen.

Ein weiterer Vorteil des digitalen Labels besteht darin, dass die veröffentlichte Musik nicht nur im Proberaum, auf Konzerten oder in lokalen Plattenläden, sondern weltweit und zu jeder Tagezeit zur Verfügung steht. Man braucht nur eine Internetverbindung. Zudem erreichen Künstler und Produzenten ihr Zielpublikum auf direktem Wege, ohne Einsatz von Mittelsmännern.

Und wo liegt der Haken?

Es gibt keine Qualitätskontrolle mehr. Es kommen viel zu viele Releases raus, seitdem das so einfach und günstig geworden ist und man kann kaum den Überblick behalten. Wichtig ist deshalb Qualität und Funktionalität bei der Musik. Denn nur gute Musik, auf welche die Leute auch aufmerksam werden, wird verkauft. Promotion ist auch hier das A und O.



Der Transport ist durch das handliche Format von digitalen Tonträgern einfacher geworden. Gilt das auch für das Auflegen selbst? Kann jetzt jeder DJ sein?

DJ-Sein ist mehr als nur Musik spielen und aneinanderreihen. Da kann man sonst auch eine Mix-CD einlegen oder seine Files in den Media-Player ziehen und Auto-Mixen überlassen oder einen Roboter aufstellen. Ein guter DJ sollte auf das Publikum reagieren, ihm neue Musik näherbringen oder auch mal ein paar Klassiker spielen. Er sollte die Stimmung im Publikum lesen, es einschätzen und dann die entsprechende Musik spielen können. Das sollte ihm Spaß machen. Er kann auch ruhig unverhofft einen neuen Track bringen, der so gar nicht gepasst hätte, um das Publikum zu kicken. Ob das mit MP3, CD, Vinyl, oder mit sonst einer Technologie passiert, ist dabei eigentlich egal. DJ-Sein wird dadurch nicht schwerer oder einfacher. Es gibt nur viel mehr Personen, die denken, sie seien DJs, seitdem das digitale Zeitalter angebrochen ist.

Wird der klassische Vinyl-Laden an der Straßenecke wegen Netlabels wie eurem aussterben?

Es gibt leider immer weniger Vinyl-Läden, aber ich denke und hoffe, dass diese erhalten bleiben. Es gibt ja Gott sei Dank genügend Labels, die noch auf Vinyl setzen. Ich denke, dass MP3, CD und Vinyl gut koexistieren können.

Für welche Musikrichtung steht Nitebeat Records?

Wir suchen elektronische Musik im weiteren Sinne. Bevorzugte Styles hierbei sind: Elektrohouse, Techhouse, Minimal, Nu Rave, Techno, Electronica, Experimental, New Wave und EBM. Gerne nehmen wir Demos von Produzenten entgegen, am liebsten via Mail an info@phuture-traxx.de. Wir veröffentlichen kein Trance, House, Hardtechno, HipHop, Black Music, Rock, Metal, Classics oder auffällig kommerzielle Musik.



Habt ihr schon Künstler unter Vertrag?

Selbstverständlich, ohne Künstler kein Label. Wir haben Künstler aus Deutschland, Frankreich und aus Russland. Die ersten vier Releases sind im Moment eingetütet. Erste Tracks/Releases kann man ab Mitte Oktober unter http://www.myspace.com/nitebeatrecords vorhören.

Wie sucht Ihr die Künstler für euer Label aus?

Wir können ja nur das veröffentlichen, was die Künstler an uns herantragen und was uns zugesendet wird. Die Kriterien sind ganz einfach: wenn ich den Track selbst in einem Set spielen würde oder möchte, ist er für uns auch eine Veröffentlichung wert. Da spielen natürlich persönliche musikalische Vorlieben eine Rolle, aber auch die Funktionalität eines Tracks und wie er produziert ist.



Wie sehen die Künstlerkonditionen aus? Wieviel bekommt ein Künstler für einen verkauften Track? Ist das Verhandlungssache oder habt ihr da feste Sätze?

Wir handhaben das ganz fair: 50 Prozent der Erlöse gehen an den Künstler, 50 Prozent an das Label. Die Labelumsätze wollen wir wiederum in Promotion investieren. Uns geht es da nicht ums Finanzielle.

Wer spielt in deinen Augen in Freiburg und der Region eine wichtige Rolle, wenn es um das Produzieren elektronischer Musik geht?

Smilla, Christian Gimbel, Syntec, Sascha Barth, Ralph Sliwinski, Ma-Sel (Audiotraffic DJ-Team), Alex Purkart mit seinen diversen Projekten. Dann zum Beispiel Jungs wie Al Kaporn, der neben HipHop auch klasse Elektrobeats bastelt oder die neue Combo Nackte Brüste mit ihrer krassen Show; Jungs wie Databoy und Caspar. Ich bin sicher, ich habe noch einige weitere vergessen, aber das waren mal die ersten, die mir in den Sinn kamen.

Schweiz, Frankreich?

Auch dort gibt es unzählige, sehr gute Produzenten, mit denen wir in Kontakt treten wollen.

Wo seht ihr Nitebeat Records in 10 Jahren?

Viele Produzenten, die gute Musik herausbringen, bleiben unentdeckt. Wir hoffen einfach, dass wir Musik, die wir mögen und für gut befinden, veröffentlichen und dass sie einigen da draußen gefällt.

Ideen und Konzepte für das Label sind vorhanden, mal schauen wie sich alles entwickelt. Das mit dem Nitebeat Magazin war damals auch nicht geplant und nun gibt es uns schon seit über zehn Jahren und wir bestreiten unseren Lebensunterhalt damit. Bleibt zu hoffen, dass sich das Label ebenso gut entwickelt.

Teile des Interviews sind am 15.9. auf Badische-Zeitung.de erschienen.

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