Nikolaus im Supermarkt

Amelie Herberg

Der etwas andere Studentenjob: Skandinavistik-Student Jan Wehrle, 23, hat sich am Samstag als Nikolaus versucht und für sieben Stunden in einem Supermarkt in Gundelfingen Kunden und deren Kinder bespaßt. Amelie war für fudder dabei.



„Ich war auch immer ganz brav“, sagt eine Frau, Mitte 40, zu Jan und streckt ihm ihre Hand hin. Eigentlich sind die Süßigkeiten, Mandarinen und Nüsse, die der verkleidete Student bei sich trägt, für die Kinder der Kunden gedacht. Doch Jan drückt auch der Frau eine Mandarine in die Hand. Enttäuschen will er bei seinem ersten Auftritt als Nikolaus schließlich niemanden.




Mit großen Schritten geht der 23-Jährige in seinem weiß-roten Gewand, mit Rauschebart vor dem Mund und Mitra auf dem Kopf durch den Supermarkt. Zwischen der Wursttheke und der Tiefkühlabteilung taucht plötzlich ein kleiner Junge vor Jan auf. Gerade mal bis zu den Knien geht er ihm, schaut ihn mit großen Augen und offenem Mund an.

Jan lässt sich nicht zweimal bitten und spult gekonnt seine Fragen ab: „Wie heißt du denn?“, „Warst du auch immer brav?“, „Willst du ein Geschenk vom Nikolaus?“. Bedächtig redet er auf den kleinen Louis ein – während im Hintergrund Frau Müller bitte in die Gemüseabteilung durch die Lautsprecher dröhnt und ein Verkäufer knatternd mehrere Paletten Kopfsalat durch die Gänge schiebt.



Jan ist bemüht, sich jedem Kind zu widmen, so gut wie es eben zwischen den langen Schlangen an den Kassen und der Hektik zwischen den Regalen möglich ist. Als er sich im Anschluss zu Louis`s Schwester Luisa wendet, fängt diese jedoch bitterlich an zu weinen, ruft nach ihrer Mama und beruhigt sich erst wieder, als Jan hinter dem nächsten Regal verschwunden ist.

Der ist enttäuscht: „Das passiert so oft, dass die Kinder anfangen zu weinen oder sich hinter ihren Müttern verstecken.“ Dabei erinnert sich der 23-Jährige noch zu gut, dass es ihm früher nicht anders ging. „Ich hatte auch immer Angst vor dem Nikolaus“, sagt er, als er in die Getränkeabteilung abbiegt.



Auch wenn bereits nach drei Stunden die Mütze drückt und der Schweiß auf seiner Stirn klebt: Jan zieht weiter unbeirrt seine Runden durch den Supermarkt, bahnt sich zwischen Katzenfutter, Haarshampoo und Tütensuppen den Weg zu den Kindern. In der Gemüseabteilung macht er immer wieder Halt und wirft einen Blick in den Spiegel über dem Blumenkohl, rückt seine Mitra und den Bart zurecht. Trinken ist mit den dichtgewebten, gekräuselten Plastik-Fasern vor dem Mund unmöglich. Erst in der Pause genehmigt er sich einen Schluck aus der Colaflasche.



Gefallen scheint er an seiner Rolle trotzdem gefunden zu haben. Als eine schwedische Familie ihren Einkaufswagen inklusive Kind durch den Einkaufsmarkt schiebt, switcht der Skandinavistik-Student im Handumdrehen von Deutsch auf Schwedisch und fragt statt „Wie heißt du denn?“ „Vad heter du?“. Auch als er wenig später zwei kleinen Französinnen über den Weg läuft, drückt er ihnen seine Geschenke mit einem „C’est pour vous!“ in die Hand. Nur beim „Hat der Nikolaus euch heute morgen schon etwas in die Stiefel gesteckt?“ auf Französisch muss Jan passen.



Kurz bevor der Edeka-Markt am Samstagabend seine Eingangstüren schließt, ist auch für Jan als Nikolaus nach sieben Stunden erst mal Schluss. Abgekämpft und müde ist er, vom Suchen nach Kindern, vom Reden, vom Zuhören und vom Beruhigen, falls er die Kleinen mit seinem Auftritt dann doch zu sehr erschreckt hat.

Seine Bilanz kann sich sehen lassen. „Ich habe ungefähr 100 Kinder beschenkt. Vielleicht 10 Kinder haben angefangen zu weinen oder sind schreiend weggerannt, als sie mich gesehen haben“, fasst Jan zusammen. Für den Anfang also eigentlich gar kein schlechter Schnitt.