Nightlife-Guru: Wiedereröffnung der Musikarena A5

Nightlife-Guru

Am Freitag stand unter den Stichworten "Comeback" und "Grand Opening" das Esoterik-Event des Freiburger Nachtlebens im hiesigen Ausgeh-Kalender: Die Musikarena A5 im Industriegebiet Nord lud zur zweiten feierlichen Palingenese innerhalb von fünf Monaten. N-TV war auch dabei, zumindest passiv.



Die Jungs an der Tür

Durch einen Pavillon-Gang mit rotem Teppich, kleinen Spots und Statuen mit sich windenden Weiblichkeiten nähere ich mich gegen 23.20 Uhr dem Eingang. Ich versuche, mich auf die fünf (!) Security-Jungs vor mir zu konzentrieren. Die Schlange ist relativ überschaubar bis nicht vorhanden und mit einem freundlichen Spruch werde ich von den recht fleischigen und ordentlich stabilen Türsheriffs ohne weiteren Sicherheitscheck zur Kasse durchgewunken.

Dass ich ohne Aufforderung die Arme zur Seite streckte und die Beine spreizte, ist mir jetzt doch ein klein wenig peinlich. Der nächste Tür-Junge ist ein Mädchen, das an der Kasse sitzt und ich um Hilfe bitte: unter der Decke hängt ein Riesenbanner mit den AGBs, das eine 10-minütige Lektüre beanspruchen würde. Hilfsbereit erklärt mir das Mädel im Brasilien-Werbe-A5-Shirt das Pay-After-Prinzip und versichert mir nochmals, dass der Nebenraum nicht zu besichtigen sei und die Popp-Party mit echten Pornostars „ganz ehrlich“ noch nicht heute ist. Ich bekomme eine Kreditkarte und bin drin.



Einrichtung & Deko

Man muss schon ein sehr differenziertes Wahrnehmungsmodul besitzen, um das Sammelsurium an Geschmacksverbrechen aus der Masse an Deko-Artikeln, Gimmicks und OBI-Angeboten herauszusehen. Ich bin das erste Mal hier und schier überwältigt: Das Konzept ist so schlicht wie genial – es gibt keines!

So darf das trendig-quadratische Wechsel-Lichterspiel in „Venezia“ (Cocktailbar im Eingangsbereich) neben Gummipalmen, Landschaftsmalereien und roten Lacktischdecken bestehen, so stört es nicht, wenn in der „Hazienda“ (kleinerer R’n’B-Club) eine Eiszapfen-Lichterkette über der Tanzfläche den Retro-Röhren-TVs, auf denen NTV-Nachrichten (!) laufen, die Hand gibt. Es ist wirklich so: Designtechnisch ist das A5 ein Ort der Toleranz und des Miteinanders: Alles ist möglich und alles darf sein, hier an diesem Ort der unorganisierten Dekorationskriminalität.

Während im Eyeshouse (Große Dancehall) auf Schnickschnack verzichtet wurde und die auffälligste Deko aus zwei kurzbehosten Ladys an der frisch polierten Stange besteht, atmet man im „Purzelbaum“ (Après-Ski-Bumsbude) die Luft der großen weiten Ballermann-Ischgl-Düsseldorfer-Altstadt-Welt: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“ Um und an die Schrebergarten-Aufbauten wurden liebevoll Luftschlangen gewunden und Ballons drapiert. Fetzige Lichteffekte illuminieren Wunderkerzen, die von einem (echten?) Eisbären verteilt werden. Hübsch auch das engagierte DJ-Ötzi-Double, das sich unter die Tanzenden mischt.

Erst spät habe ich im Eyeshouse übrigens den Nebenraum entdeckt: Angesichts der anderen Örtlichkeiten bietet das Jugendzentrum Zähringen-Nord eine Oase der Selbstbeherrschung und Beschaulichkeit.

Kurzum: Das feingetunte Innendesign der Musikarena muss man gesehen haben, um bei Linsenvorfällen, Irisrissen und optischen Gefäßrupturen mitreden zu können.



Wer war da?

Nun gut, dass ich Artur „Atze“ Brauner hier treffen werde, darauf war ich nicht vorbereitet. Er sitzt dort mit Pferdeschwänzchen und bestiefelter Begleiterin und raucht. Altersgenossen des mittlerweile 90-Jährigen sehe ich aber weniger, dafür einige junge Damen um die Zwanzig, die man nicht nur hier einsperren möchte, sondern auch noch mit rausnehmen würde.

In der Hazienda sehe ich zwei Jungs mit gefälschtem Ed-Hardy-Shirt, wo ich schwören könnte, dass ich sie früher schon einmal bei Bärbel Schäfer gesehen habe. Aber egal. Insgesamt hält sich der Migrationshintergrund in bzw. hinter den Grenzen und die Eighteensomethings, die den Weg hierher gefunden haben, sehen weniger esoterisch aus als der Anlass einem Glauben schenken konnte. Modisch dominieren bei den Frauen zweifarbige Haarcolorationen zu weißen Pornostiefeln und bei den Männern eine Mixtur aus Jeans-Shirt-Look und der Kollektion „Versicherungsvertreter March/Buchheim“.



Feier-Atmo

Eineinhalb Stunden vor Ladenschluss waren auf den Tanzflächen Hazienda und Eyeshouse zusammengerechnet exakt 17 Menschen, die sich die gute Laune nicht nehmen ließen. Alle anderen – und das waren wenig genug – schütteten sich an der Cocktailbar zu, blieben friedlich und stolperten früher oder später in den Purzelbaum, wo sich schon früh immerhin ausreichend Gäste zu einem einstudierten Reinkarnationsritual eingefunden hatten. Dort – und nur dort – wurde später dann auch noch lautstark um die Wette gegrölt und mitgesungen.

Catering & Getränke

Die Wurstwecken hab´ ich nicht probiert – sahen aber ganz okay aus. Tja, und die Getränke? 99 Cent kosteten, wie ab sofort immer freitags, offene Longdrinks und Frauen bekamen drei Freigetränke. An den anderen Tagen muss man für einen Bacardi-Cola oder ein 0,3l-Radler, einen Wodka-Kirsch oder auch ´nen Asbach gedopt dann schon satte € 1,99 hinlegen.

Flatrate-Saufen ohne Flatrate – wer´s nicht glaubt, fragt am besten die vier Jungs im Purzelbaum, die auf ihrem Tisch sage und schreibe 36 Longdrink-Gläser gehortet hatten. Die Bardamen und -jungs gaben sich jedenfalls größte Mühe, das Trinkgut ansprechend zu kredenzen. Gezahlt wird im A5 am Ausgang – bei einem Mädel, das dasitzt als wäre sie nicht in einer Disko, sondern hätte die Spätschicht im Kaufland übernommen.

Auf dem Klo um halb vier

Um halb vier hat die Musikarena ja schon geschlossen, aber prinzipiell ist die Toiletteneinrichtung eher zweckmäßig auf die Getränkepreise zugeschnitten, wobei ich farblich das Weiß der Bodenfliesen eher unpraktisch finde – könnte zumindest unappetitlich werden. Persönlich hat sich für mich wieder einmal gezeigt, dass das Zeitgefühl eindeutig davon abhängt, auf welcher Seite der Klotüre man sich befindet! Vielleicht hat es aber auch einfach jemand gut mit mir gemeint, dass ich´s mir verheben musste.



Klangwaren-TÜV

Musikalisches Highlight war ganz klar Miss Djane Coco Fay. Also jetzt rein subjektiv ist ihr House-Techno-Ding nicht mein Geschmack, aber optisch ist sie eine echte Hausnummer. Ihr Selbstmarketing „Deutschlands schönste Djane“ mag etwas hochnäsig klingen, aber die Frau hat schon Qualitäten, wenngleich die heute (fast) niemand hören und sehen wollte.

Während im Hazienda die Monrose- und/oder Pussycat-Dolls-Fans auf ihre Kosten kamen, bot der Purzelbaum, was man von ihm erwartet: Der Mann hinterm Pult ist mehr Stadionsprecher als DJ, weiß aber, was von ihm verlangt wird. Bereits bei „Cotton Eye Joe“ ein Jubel der Begeisterung und als Wolfgang Petrys „Hölle, Hölle, Hölle“ ertönt, bricht der Wahnsinn aus. Ein gekonntes DJ-Ötzi-live-Medley rundete den Abend musikalisch stimmig ab.

Aufheiterle

Ficken kostet freitags 99 Cent.

Aufregerle

Warum kostet ein Martini dann € 2,49?

Spruch des Abends

An der Bar: „Wetten, dass sich die Hälfte der Mädels die Haare selbst schneiden können?“

Abrechnung

Wie sagte die Garderobiere doch gleich? „Keine Ahnung, warum heute so wenig los ist. Vielleicht sind die Leute noch unsicher. Aber bei uns verteilen sich ein paar hundert eben auch so, dass es nicht so voll aussieht.“ Ich finde, jeder soll feiern dürfen, wo und – weitestgehend – auch wie er will, aber als ich nach Hause gehe, frage ich mich ernsthaft, warum es in solchen Läden immer so aussehen muss, als hätte meine Tante Ute die Inneneinrichtung übernommen.

Fotos: Michael Bamberger für die Badische Zeitung

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[Fotos: Michael Bamberger]