Nightlife-Guru: WG-Party @ Kamikaze

Nightlife-Guru

Bring deinen Alkohol selbst mit - so die Maxime der "WG-Party" im Kamikaze. Dass gefiel unserem trinkfreudigem Nightlife-Guru natürlich, und so schaute er samt Wodka von der Tanke und O-Saft vom Aldi im Kami vorbei ... und war erstaunt über das Verhalten umsonst bechernder Mittelgroßstadtkids.

An der Tür…


… empfangen mich gleich fünf schwarzbejackte Männer und schauen wichtig. Ausweis bitte. Bitte? Ok, pardon, wir müssen das tun. Für drei Euro gibt’s den Stempel auf die Faust. Taschen werden heute nicht durchsucht, meine Flasche Wodka samt O, die ich noch schnell an der Tanke erworben habe, würden sowieso gebilligt. Bei der WG-Party im Kamikaze darf man alles mitbringen, was trinkbar ist. Feine Sache.

Inneneinrichtung & Deko

Mit der „Bring your own Booze“-Devise hat sich eigentlich auch die Frage nach der authentischen WG-Party-Deko erledigt. Überall liegen stilechte leere Bierdosen, halbvolle Schnapsflaschen und ALDI-Apfelsaft-Tetrapacks. Mehrere Couch-Tischchen sind mit Looping-Louie Maschinchen ausgestattet - dem wohl lustigsten Saufspiel seit es Batterie betriebene Plastikkarusselle gibt. Die alten Wohnzimmerlampen, gemütliche Sessel und die Nintendo-Spielkonsole lassen keinen Zweifel: Das ist Kamikazes WG.



Party-Atmo & Klangwaren-TÜV

Die Tanzfläche füllt sich im Rekordtempo. Den DJ kennt keiner, aber er mixt eine gesunde Teenager-Mischung. Leider versemmelt er jeden zweiten Übergang. Was soll's, der ist wahrscheinlich auch von zuhause mitgebracht. Er tastet sich von Jan Delay über Kelis zu Pharrel, bis er sich endlich an das kleine Elektro-Einmaleins traut. Irgendwie süß.

Auffällig: Während die Jungs noch an der Bar ihre Mischungen in große Plastikbecher umfüllen, warten die Mädchen schon ungeduldig im Keller. Doch je sicherer der DJ in seinem Auflegemanöver wird, desto gemischter wird die Feierei. Spätestens bei „Lady, hear me tonight“ von („Wer war das noch mal?“) Modjo wiegen auch die Baggyhosen-Buben ihre Hintern neben engen Mädchenjeans. Dirty Dancing geht anders - aber aufregend scheint es dennoch zu sein.

Die Kopfnicker-Fraktion hat sich in die dunklen Ecken des Kellergewölbes zurückgezogen und bleibt dort so lange, bis sie von der Nebelmaschine angepustet wird und fliehen muss. Ich fühle mich seltsam an meine frühe Jugend erinnert, als ich mich mit 16 in die Club reingeschummelt habe. Der süße, fast schon vergessene Duft des Kunstnebels umgibt mich, und ich tanze mich selig in eine Art Glücksrausch.

Alles scheint hier so gut zu sein, so nett, so süß, so harmlos. In meiner Tanztrance remple ich aus Versehen ein junges Mädchen an, sie verschüttet ihren Drink. Sie dreht sich zu mir, sieht mich fröhlich an und sagt: Tut mir leid. Es tut ihr leid! Ich bin perplex: Das ist die netteste Party, auf der ich je gewesen bin.



Wer war da?

Wie erwartet ist das Publikum sehr jung, als Ersti gehört man hier wahrscheinlich schon zum alten Eisen. Sie alle sehen aus, als wären sie dem letzten Otto-Katalog entsprungen: Die sauberen Kinder von der Streetwearseite. Die Mädchen haben sich sorgfältig frisiert, Flechtfrisuren scheinen Saison zu haben, und alle haben sich sehr ordentlich und hübsch angezogen. Da wirkt die eher derbe Umgebung wie eine szenige Filmkulisse. Sie kommen nicht oft hierher - und heute wohl vor allem wegen der Jungs.

Es ist ganz erstaunlich wie nett alle zueinander sind: keine Pöbeleien, kein Rumgegifte, nicht einmal nerviges Gedränge an der Bar. Letztere wird ab halb eins trotz der Mitbring-Policy vermehrt frequentiert – in so einen Riesenrucksack passt ja auch nicht unendlich viel rein.



Die Jungs lassen sich in drei Spezies unterteilen: Die in den karierte Hemden, mit den Gelfrisuren und den wohlrasierten rotbackigen Gesichtchen. Und dann die Bommelmützenträger, die immer im Pulk auftreten und nur mit dem Zäpfle-Sechser auf der Schulter auf die Tanzfläche gehen. Und dann gibt es noch die, die noch nicht wissen, wohin sie gehören und immer ein wenig verkleidet aussehen. Sie haben meist die übertriebenste New-Era-Mütze aus der letzten Saison auf dem Kopf und würden sich am liebsten zwei paar WeSC-Kopfhörer um den Hals hängen.

Morgens um 2 aufm Klo...

... warnt mich eines der Mädchen in der Schlange vor dem ganz linken Abort-Häusschen. „Da spritzt die Spülung und alles ist geflutet.“ Sie schenkt mir ein Tempo-Taschentuch, da auch das Klopapier alle ist. Das Mädchen links von mir unterhält sich durch die Klotür mit ihrer neuen Klo-Bekanntschaft. Thema: Frühlingsgefühle. So langsam wird es fast unheimlich nett hier.



Aufheiterle und Fazit

Der ganze Abend ist ein einziges Aufheiterle. Wer sich sonst immer über anstrengende Schulklassen in öffentlichen Verkehrsmitteln ärgert und den Halbstarken beim Kaugummi-Spucken zusieht, hat hier ein wahres Hochgefühl. Hier herrscht Partylaune ohne ekligen Beigeschmack, keine kotzenden Kinder im Damenklo, keine ausflippenden Pillenwerfer auf der Tanzfläche.

Heute Nacht hat sich gezeigt: "Die Jugend von heute" (man möge mir dieses antike Bonmot verzeihen) kann außerordentlich gelassen und dabei außerordentlich ausgelassen feiern. Die Leute scheinen sich meinen Apell zu mehr Manieren zu Herzen genommen zu haben. Nachtkulturoptimismus erfüllt mich. Hach.

 

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