Nightlife-Guru: Tiefschwarz in der Passage46

Nightlife-Guru

Ein Junggesellenabschied vor der Tür, Superkerls an der Bar, eine entspannte Crowd auf der Tanzfläche: Am Samstag prallten bei der Root Down in der Passage46 diverse Paralleluniversen aufeinander - und mittendrin der fudder-Nightlife-Guru.



An der Tür

  Viele Menschen, lange Wartezeit, Regen. Da gibt es durchaus angenehmere Möglichkeiten, einen Samstagabend zu verbringen. Trotzdem: Tiefschwarz, Rainer Trüby, Root Down versprechen eine gute Zeit. Die will ich erleben.

Vor mir steht eine Frau. Käsig-weiße Waden lugen aus weißen Shorts hervor. Über ihre Schultern hat sie eine weiße Jeansjacke gelegt. Biker-Schnitt. Tailliert. "Endlich gibt's einen richtigen Club in Freiburg, wie in München", sagt sie zu ihrer Freundin. Die nickt und zündet sich eine Slim-Zigarette an. Der Lack auf ihren Fingernägeln bröckelt. "Die Tür soll hart sein", sagt sie.

Kaum hat sie ausgesprochen, stolpern und torkeln sieben oder acht Männer ins Freie. Sie tragen alle ein dunkles T-Shirt mit einem Aufdruck. Der gibt zu verstehen, dass sie zusammen gehören, dass sie ein Team sind. Kegelverein oder Sportschützen. Vielleicht. Vielleicht feiern sie auch den Junggesellenabschied eines Kameraden. "Eins, zwei, drei, schalalalalala", grölen sie. So hart kann die Tür nicht sein.

Inneneinrichtung und Deko

VHILS-Fries, Holzbrandverzierung, Ghettoblasterwand, leuchtende Neon-Röhren, LSD-Tapeten: Die Passage46 hat Schmitz Katze als meistgeinstagramten Club in Freiburg abgelöst. Wir wissen also, wie's dort aussieht. Seit einiger Zeit bereichert eine Neontapete die Tanzfläche. Zahlreiche Gesichter grinsen einem entgegen. Sieht irgendwie cool aus, vor allem, wenn's sonst auf der Tanzfläche dunkel ist.



Wer war da?

Ganz schön viele Männer, alle ganz schön alpha. Das ist der Eindruck, den man bekommen kann, wenn man im Außenbereich auf eine Zigarette hängen bleibt oder an der ersten Bar einen Drink bestellt. Manche dieser Superkerls tragen ihr Hemd etwas weiter aufgeknöpft, die Ärmel hochgekrempelt. Sieht aber nur bei Models gut aus. Oder bei Discobären. Meat market. Manche Frau muss sich beim Vorbeilaufen unwohl fühlen.

Ganz anders an der zweiten Bar und auf der Tanzfläche. In einer dunklen Ecke lehnt ein Kerl, dessen Pullover den Schriftzug "Underground Resistance" trägt. Ein Funktionsjackenträger übt Salsa mit einem Mädchen, deren Top unter dem Arm weit ausgeschnitten ist. Der Ausschnitt zeigt ihr Tattoo, ein Kolibri, der Nektar aus einer Blüte saugt. Kleinere und größere Grüppchen tanzen mal mehr, mal weniger ausgelassen. Locker, lässig, jung sind die Gäste in diesem Bereich des Clubs. Und sehr entspannt.

Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

"Isch ja ganz nett, was der so macht. Aber hasch mal de Tom Novy ghört? Der kann's richtig." Das sagt ein Alpha zwischen zwei Zigarettenzügen in die Runde seiner Mitalphas. Ja. Der Novy. Das Münchner DJ-Großmaul. Der Mario Barth der deutschen Clubgeschichte. In Freiburg hat der 'ne treue Gefolgschaft wie Dieter Thomas Kuhn beim Zelt-Musik-Festival. Warum auch immer.

Anyway. Während diese Typen draußen von Novy, Ibiza und den "heißen Girls" träumen, reißt drinnen der Tiefschwarz-Ali das Haus ab. Mit seinen Tracks sorgt er für tiefe Basswellen, auf denen die Clubgängerinnen und Clubgänger durch die Nacht treiben. Die Kicks donnern, zwischendurch jagen zerhackstückte Vocals und Ansätze von Melodien durch die Boxen. Ali ist geschult an Clubs wie Watergate (Berlin), Fabric (London), Cielo (New York), Orte, an denen ein Novy wahrscheinlich schon an der Tür scheitern würde. Sei's drum. Der House in seiner konzentriertesten Form lässt die Crowd schon früh in einem ekstatischen Rhythmus flirren.



Dann übernimmt wieder Rainer Trüby. Es wird melodischer, perkussiver. Gekonnt packt der Root Down-Gründer eine ordentliche Schippe angetrancter Synthies und Melodien auf den Bassgroove. Bald darauf dreht er die Bässe raus, greift zum Mikrofon, kündigt den Gast-DJ an. Wie immer. "Ali Tiefschwarz in the hou..." Der Rest seiner Worte geht unter in den Schreien und Pfiffen der Tanzenden. Hände gehen in die Luft. Nur noch in der Mitte der Tanzfläche stehen ein paar Studimäuse im Kreis, die Handtaschen kunstvoll zu einem Häufchen aufgeschichtet, und unterhalten sich. Wahrscheinlich über pädagogische Ansätze und Handlungskonzepte in Kindertagesstätten. So jedenfalls sehen sie aus.

An der Bar

Die Bar in der Passage46 ist erstes und letztes Ziel und zugleich Erlösung meines Daseins. Das kann und darf man so pathetisch schreiben.

Aufreger

Ein Typ, nennen wir in einmal Timo, lehnt am Bartresen. Sein Hemd spannt über der Brust. "Hab jetzt 'ne neue. Aus Georgien. Die putzt, die schafft, die meckert nicht. Nicht so, wie die andere." Sein Kumpel, klein, gedrungener Körperbau, nickt. "Würd' mir au so eine hole." Ganz egal, ob Timo da über seine Freundin, Putz- oder Zugehfrau spricht: Widerlich ist das. Ich möchte kotzen!

Aufheiterle

Eine Tiefgarage in Clubnähe. Ein paar Jungs und Mädels stehen am Kassenautomaten. "Warum tut der sowas, wir schlafen doch miteinander", schreit ein Mädel. Sie schluchzt und tritt gegen den Kassenautomaten. "Tritt lieber mal deinen Freund", sagt einer ihrer Kumpels und legt dem Arm um sie. "Lass den Alten mal zahlen", sagt ein anderes Mädel. Ich drehe mich um. Außer mir steht sonst niemand vor dem Automaten. Ich weiß jetzt: Der Alte, das bin ich.

Fazit

Fantastische Drinks, gute Disc Jockeys, diverse Paralleluniversen, die mal mehr, mal weniger aufeinander prallen - eigentlich ist die Passage46 ein ganz okayer Ort.

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[Fotos: fudder]