Nightlife-Guru: The Soul Of Nora @ Jos Fritz

Nightlife-Guru

Das Jos Fritz Café ist ein traditionsreicher Ort der Freiburger Subkultur. Und - ja, tatsächlich - eine der Lieblingslocations unseres Nightlife-Gurus. Bei einem Glas Leitungswasser (der Herr zelebriert die Fastenzeit) genoss er am Samstag 'The Soul of Nora'. Wie's war:



In der Spechtpassage

Noch ist nicht Mitternacht, als ich, vom Konzerthaus kommend, in die kleine Spechtpassage einbiege. Eine Armada in die Jahre gekommener, leicht angerosteter, von ihren Besitzern sicher innig geliebter Drahtesel säumt den Zugangsweg zu meinem heutigen Einsatzort, dem Jos Fritz Café.



Vor dem, Eingang, im schummrig gelblichen Schein einer Gartenparty-Lichterkette, liegt fest eingerollt eine hellblonde Deutsche Dogge. Den Kopf träge zwischen ihre Vorderpfoten gelegt, öffnet sie noch nicht einmal ein Auge, als ein ankommender Gast mit seiner Rucksackkordel an einem Klappstuhl hängen bleibt und dieser lärmvoll auf den Boden fällt.



Inneneinrichtung & Deko

Durch eine knarrige Holztür mit Glasscheibeneinsatz betrete ich die langgezogene, schlauchartig geschnittene Räumlichkeit des Jos Fritz Café. Linkerhand dominiert ein schlichter alter Holztresen das Lokal. Seine Auflagefläche ist durch den alltäglichen Gebrauch abgeschliffen, denn über diesen Tresen wanderten in den vergangenen Jahrzehnten tagsüber so manch randvoll gefüllte Milchkaffeeschale sowie ungezählte Gläser Wein und Bierflaschen in den Abendstunden. Gegenüber des Tresens befindet sich eine schwarzlederne Sitzgruppe.



Hier wurden und werden auch heute noch teilweise recht hitzige Diskussionen zu tagespolitischen Trivia-Themen geführt. Ich hingegen ließ und lasse mich in die gebrauchsbedingten bequemen Sitzkuhlen fallen, um gemütlich in den Tag, viel lieber jedoch in die Nacht hinein zu leben. Rechterhand vom Eingang befindet sich eine kleine Freifläche zum Beisammenstehen, Quatschen und Tanzen, gesäumt von einigen wenigen Tischen, bunt zusammengewürfelten Stühlen und zwei Bierbänken.

Wer war da?

„Jos Fritz Café? Da treffen sich doch nur altlinke Haudegen, Hausbesetzer und zottelige Langzeitstudenten. Komm doch mit ins Coucou, dort haben wir nämlich einen Tisch reserviert“, gibt mir ein Bekannter zu bedenken, den ich ganz unerwartet am Geldautomaten eines bundesweit bekannten Kreditinstitutes in der Freiburger Innenstadt treffe.

Da ich diesen „Szene-Laden“ bereits in den ersten Tagen seines Bestehens aufgesucht habe (Nightlife-Guru - Eröffnung Coucou), sich seit dieser Zeit noch immer nichts Grundlegendes an meiner kreativ-prekären Situation geändert hat und ich gerne Clubneuland betrete, begebe ich mich an diesem Samstagabend in das Rückzugsgebiet vermeintlich linksaktivistischer Revolutionärer, fauler Bummelstudenten und randständiger Punks.



Nach Menschen mit abgeschrammelten Lederjacken, ausgebeulten Cordhosen mit Hochwasserbeinen, selbstgestrickten Wollpullovern und fahrigen Revoluzzer-Bärten halte ich den ganzen Abend jedoch vergeblich Ausschau. Auch will niemand „das System stürzen“, eine Kleindiktatur nach Castro-Vorbild errichten oder Geld und Eigentum abschaffen.

Das Jos Fritz Café erscheint vielmehr als das verlängerte Wohnzimmer von Jugendlichen und Junggebliebenen unterschiedlichster Herkunft und Ansichten, die nicht von dem intensiven Bedürfnis gedrängt werden, sich für ein Glas Wein oder ein gut gekühltes Bier am Abend einem Modediktat unterwerfen und sich noch extra schick machen zu müssen.

Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Woran liegt es, dass mich viele Clubs und DJs einfach nicht mehr bewegen und überraschen? Ist es ein zu hoher musikalischer Anspruch oder die Tatsache, dass ab einer gewissen Uhrzeit nahezu überall derselbe Sound gespielt wird - Großraumdisko-Elektrotech-Geballer für die breite Masse und NuRave für die Hipster unter uns?



Gott sei Dank hat mich mein Weg am Samstagabend daher ins Jos Fritz Café geführt. Die klare und druckvolle Stimme der Soul-Diva Brenda Russell auf „A Little Bit Of Love“ steigert mein Wohlgefühl innert weniger Sekunden, kaum dass ich die Türschwelle überschritten habe, und sorgt für einen Anflug erster Glücksgefühle.

Wer es ist, der hinter den Decks steht, entzieht sich meiner Kenntnis. Entweder ist es DJ Roeschmann, DJane Beaty oder die Hamburgerin Marga Glanz, die in der Hansestadt den Plattenladen Groove City betreibt. In der Folgezeit wechseln sich die drei an den Plattentellern ab und spielen sich durch eine ausgewählte Mischung an Soul und Funk der Siebziger Jahre sowie eine ganze Menge Yacht und Surf Rock aus derselben Zeit. Musik mit Aussage! Die Kraft, die dieser Musik innewohnt, ruft nicht nur bei mir euphorische Freuden hervor. Ein paar Frauen begeben sich auf die kleine Freifläche, beginnen zu tanzen, erst zögerlich, dann immer leidenschaftlicher und ausdrucksvoller.

An der Bar, auf dem Sofa sowie im safrangelben Licht der Außenbeleuchtung haben sich kleinere Gruppen zusammengefunden, die sich angeregt unterhalten – über neueste Kinofilme, Nachhaltigkeitskonzepte für sportliche Großereignisse wie die gerade stattfindenden Olympischen Spiele, zerbrochene Liebschaften und leidenschaftliche Affären. Letztere ließen sich auch am heutigen Abend mit Leichtigkeit beginnen, denn angeregt durch die Musik sowie den einen oder anderen Drink (zu viel), suchen Mann und Frau auch hier zunächst den Blickkontakt zum Einleiten des Geschlechterspiels.

Catering & Getränkekarte

Ich habe mir eine Fastenzeit verordnet und halte mich wenigstens bis Ostern von jeglichen Rauschmitteln fern. Deswegen gab’s an diesem Abend für mich auch nur einen Espresso sowie ein Glas Leitungswasser - letzteres für lau, ersteren für einen Euro.



Auf dem Klo um halb vier

Mittlerweile habe ich ins Drifter’s gewechselt, und wie’s dort so zu und her geht, wisst ihr ja bereits. (siehe: Nightlife-Guru - Prosumer im Drifters & Nightlife-Guru PlasticPopUpClub im Drifters).

Aufregerle und Aufheiterle

Keine!

Fazit

Feiern, flirten und gute Musik genießen lässt sich in Freiburg auch abseits der Stereotype. Vielleicht sogar besser, da freier, ungezwungener und keinem bestimmten Kodex unterworfen.

Mehr dazu: