Nightlife-Guru: The Rhythm of Life in der Mensabar

Nightlife-Guru

Vergangene Woche hat die Mondo Musical Group mit "Rhythm Of Life" Premiere gefeiert, und noch drei Mal geht die Revue auf die Bühne der Mensabar. Musik, Licht und vor allem eine Frau schaffen es beinahe, den Nightlife-Guru zu verwirren, wenn nicht die Realität sich hart in seine Traumwelten einmischen würde.



Die junge Frau an der Tür

„Guten Abend, wie kann ich ihnen weiterhelfen?“ Die junge Frau an der Tür spricht übertrieben langsam. Sie betont jede Silbe überordentlich. Bereitet sie sich damit auf die eigentliche Aufführung vor? Warum „weiterhelfen“? Ist es so ungewöhnlich, dass Mann und Frau mittleren Alters eine Aufführung einer studentischen Musical-Gruppe besuchen? Vielleicht liegt es am Zeitpunkt. Donnerstagabend. Stimmt. Habe ich vergessen. Mit etwas mehr als dreißig Lenzen geht man nicht mehr weg. Nur noch Konzerthaus oder Theater. Aber so etwas Ähnliches ist das heute Abend doch. Egal. Zwei mal zwölf Euro hinlegen, und drin sind wir.

Inneneinrichtung und Deko

Ich wiederhole mich, aber:Die Mensabar ist die Mensabar. Auch am heutigen Donnerstagabend bleibt der Raum in der Rempartstrasse von außen wie von innen zweckmässig und uncharmant. Meine Begleitung und ich setzen uns auf einen der orangefarbenen Stühle aus warmgeformtem Spritzkunststoff. Sie sind hart und ungemütlich. Für solche Stühle ist man entweder zu dünn und besitzt zu wenig Eigenpolster, um es darauf länger als fünf Minuten aushalten zu können. Oder man ist zu dick, und der Rücken passt nicht in die Lehnenschale. Nun ja.

Dafür begegnen uns bereits am Eingang einige junge Frauen, adrett geschminkt und verkleidet im Stil der Sechziger und Siebziger Jahre. Adrett, weil vielleicht zu studentisch-brav, um die Verruchtheit und Verrücktheit dieser Zeit darzustellen.

Wer war da?

Die Mensabar ist gut besucht. Sehr gut sogar. Sitzplätze gibt es nur noch in den hinteren drei, vier Reihen. Die Besucher sind nach Alter, Geschlecht und weiteren demografischen Kriterien bunt durcheinander gemischt. Eltern, Großeltern, das Vermieter-Ehepaar, Freunde und Freundinnen aus der Abschlussklasse oder dem ersten Seminarkurs, der oder die „Ex“.

Zitat: „Mein Ex wollte auch noch kommen. In letzter Zeit wird er wieder anhänglich.“ Und irgendwo zwischendrin hat auch ein biertrinkender Nightlifeguru Platz gefunden, der sich nichts sehnlicher wünscht, als...



„Guten Abend, sind diese beiden Plätze noch frei? Dürfen wir uns zu ihnen setzen?“ Da ist es wieder. Das „Sie“ in der Anrede. Und eine übertrieben langsame, überdeutliche Betonung der Sprechsilben. Wurde mit der Einführung des Schnelldurchlauf-Studiums das „Du“ an den Hochschulen abgeschafft? Sind Aussehen oder meine Begleitung der Auslöser dafür? Beinahe bereue ich es, die Begleitung spontan angerufen und ausgeführt zu haben. Denn „Helena“ oder „Helen“ – das Mädchen stellt sich auch noch vor -, ist einfach wunderschön.

Aufführungsatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Sechziger Jahre, Siebziger Jahre, Beat Musik, psychedelische Drogen, freie Liebe. Du, liebe Helen, hast dir den falschen Ort und den falschen Sitzplatz ausgesucht. Denn ich kann nur noch an dich denken. Diesen Sinnesrausch verstärken das orangefarbene Licht und der Kunstnebel auf der Bühne. Im Hintergrund erklingen der Melodielauf einer Gitarre und vertrippte Beats. So etwas läuft auf Musikblogs unter dem Schlagwort „balearic“. Hier wird es von einer Band überraschend überzeugend vorgetragen. Die Jungs an Gitarre, Bass, Schlagzeug, Trompete und Saxophon sind verdammt gut und dürften gerne auch einmal Solo, ohne den Tanz- und Lichterkram, in Freiburg auftreten.

Anyway. Tanzende Leiber erheben sich, bewegen sich aufeinander zu, formieren sich in Gestalt einer vielarmigen, fernöstlichen Göttin. Sie singen vom Liebes-, Sex- und Drogenrausch, vom Ausstieg aus der bürgerlichen Jetztwelt und von allen Alltagsproblemchen der damaligen Zeit, die auch Zwanzigelf dieselben geblieben sind. Fast hätte es das Musical Ensemble geschafft, mich an diesem Donnerstagabend auf eine – gedanklich – drogenschwangere Reise zu Göttern und zu Sex mitzunehmen. Wenn nicht? Ja, wenn nicht dieser schmallippige, milchbärtige Kerl vor mir die Dreistigkeit besessen hätte, fortwährend knackige Salzletten zu knuspern. Doch nicht nur dies. Er bietet das Naschwerk seinen Nebensitzern und Freunden eine Reihe vor ihm an. Später holt er Erdnüsschen und Chips aus seinem Rucksack hervor. Kunstferner, respektloser Flegel!

Zurück zur Aufführung: die Umsetzung zahlreicher Musical-Klassiker erfolgt mit sehr viel Liebe zum Detail. Auch in Sachen Kostümierung. Nur: das hohe Tempo des Medley-Marathons macht mich matschig. „Mamma Mia“, „Money, Money“, so ziemlich alle Hits von Abba, von den Musicals Hair, Hairspray, Godspell und Sweet Charity, werden verbraten. Und das ist mir auf Dauer sowohl inhaltlich als auch musikalisch zu sauber. Wie Sex ohne Körperflüssigkeiten. Adrett eben.

An der Bar

Ich habe Halsschmerzen, frage nach Whisky, muss zwischen Wein und Bier wählen. Nuff said!

Auf dem Klo um neun Uhr

„Oh, bei ihnen fließt es so leicht“. Ein älterer Mann, Typ gutmütiger Vermieter, schaut neiderfüllt über die Pissoirtrennung zu mir herüber.

Aufregerle

Die Aufführung ist zu Ende. Die Lichter gehen an. Ich stehe auf, ziehe Cardigan und Mantel an und richte meinen Schal. „Helena“ oder „Helen“ verfolgt mit ihren Augen jede meiner Bewegungen. Erwartungsvoll lächelt sie mich an. Wir gehen. „Tschüss“ und „Schönen Abend“ sagt sie. Es wäre so einfach gewesen, mit ihr den weiteren Abend zu verbringen, wenn nicht... Für dieses Mal rege ich mich über mich selbst auf.

Aufheiterle

Der Knusperkaspar hat auch nach Vorstellungsende noch nicht genug gehabt. Er schüttet die Salzlettenbrösel in seine Handfläche, wirft sie ein und verschluckt sich. Er hat es verdient.

Fazit

Die Aufführung zeigt, dass die Mondo Musical Group ihre Projekte mit viel Fleiß und Leidenschaft angeht. Aber die sehr hohe Schlagzahl, mit der Gassenhauer-Hit auf Gassenhauer-Hit folgt, wirkt auf Dauer ermüdend.



Mehr dazu:

Was: Mondo Musical Group: „The Rythm of Life – Die Sixties-Revue“
Wann: Freitag 11. und Samstag 12. November, jeweils 20h, sowie Sonntag 13. November, 17h
Wo: Mensabar, Rempartstraße
Eintritt: 12 Euro, für Studierende 9 Euro
  [Bild 1 und 3: Promo, Bild 2: Nightlife-Guru]