Nightlife-Guru: Tanz in den Mai mit Daniel Stefanik und Tiefschwarz im Stinnes Areal

Nightlife-Guru

Daniel Stefanik, Tiefschwarz, Dustin Zahn, Angy Kore - Nitebeat und Sinnestäuschung karrten zum Tanz in den Mai ein hochkarätiges Line-up ins Stinnes Areal. Das durfte sich unser Nightlife-Guru nicht entgehen lassen. Was er an der Tür machen musste, wen er im Club alles angetroffen hat, wie der Gin Tonic geschmeckt hat, und vieles mehr, erfahrt ihr in seinem Nachtbericht.



Die Jungs an der Tür

"Tasche", raunzt mich der Aufpasser-Bär an. Im ersten Moment weiß ich gar nicht, was er von mir will. Mit seiner schwarz behandschuhten Hand zeigt er auf meinen selbstbedruckten Jutebeutel. Jetzt weiß ich es. Er will den Inhalt sehen. "Was das?", fragt er mich und deutet auf einen schwarz-silbernen Gegenstand, der auf dem Boden der Tasche liegt. Es ist eine Alu-Mini-Pumpe für's Rennrad. Ich trete den Beweis an, dass tatsächlich nur Luft aus der kleinen Öffnung kommt. Fffffft. "Schon okay", grummelt der Bär. Ich darf weiter gehen, zwölf Euro bezahlen und den Club betreten.

 

Inneneinrichtung und Deko

 
Wandkacheln und Bodenfließen, auf denen kondensierender Schweiß, Atem und verschütteter Alkohol einen fettigen Schmierfilm bilden; ein kaltweiß ausgeleuchteter Gang; dunkle Winkel: Das Stinnes Areal bietet ein wundervolles Setting für Düsterfilme eines Alex Proyas. Der Ort ist dystopisch, morbid, beklemmend, und damit ein guter Entfaltungsraum für Techno.



 

Wer war da?

 
Eine kurze Typologie der gestrigen Stinnes-Gäste. Erstens: der Profi-Raver. Man erkennt ihn an der Wasserflasche in der linken oder rechten Hand, einem weißen oder schwarzen Unterhemd, hervorstehenden Wangenknochen und geblich-wächserner Haut. Sein weibliches Pendant trägt Minirock oder Hot Pants, trägerlose, bauchfreie Oberteile und hat leicht schwammiges Gewebe um Bauchnabel und Oberschenkel. Beide haben entweder eine ballonseidene Trainingsjacke oder einen Sportswear-Cardigan dabei, um auf dem Nachhauseweg nicht auszukühlen. Übrigens: Der etwas ältere Profi-Raver hat die Schließung des Basler Planet E, der Freiburger Bauküche und des Kenzinger Parkhaus immer noch nicht verarbeitet.

Sein ärgster Gegenspieler ist der Umland-Raver. Er wäre gerne Profi-Raver. Doch den Aufstieg in diese Kaste verbaut er sich durch: eine der Ray Ban Wayfarer nachgebildete Sonnenbrille, die qualitativ und ästhetisch aber so attraktiv ist wie die Spielzeugbeigabe einer Cornflakes-Packung; T-Shirts mit Motto-Sprüchen wie "Schranz - das Leben ist zu kurz für zu langsame Musik"; ein besticktes Langarmhemd im Karo-Look; Prollfaust im Breakdown und Prollgehabe an der Bar, auf dem Klo, auf dem Weg zum Klo, ja, eigentlich überall. Das weibliche Ebenbild des Umland-Ravers trägt gerne "was Asymmetrisches mit Wildtiermuster", schlecht gestochene Piercings, Engelsflügelchen-Tattoo und Umland-Frisuren. Die sind auch asymmetrisch, gegeltes Haar am Hinterkopf, vorne lang und fransig, gerne rot gefärbt.



Drittens: die Partyhäschen. Sie sind jung, gerade erst volljährig geworden, bringen dennoch jede Menge Fusion-, Nation of Gondwana- und SMS-Erfahrung mit. Sie können beispielsweise Bachstelzen von Bunten Bummlern unterscheiden. Sie bepinseln sich die Fingernägel mit fluoreszierender Leuchtfarbe. Sie malen sich mit Schwarzlicht-UV-Schminke Smileys, Dreiecke, Kreise und Schlangenlinien ins Gesicht, auf die Arme, den Rücken und die Brust. Sie haben zudem genug Gelenkschmiere im Knie, um stundenlang den Shuffle-Tanz zu üben. Sie sind süß, niedlich, schnuffelig, man möchte sie beschützen vor...

...den männlichen Ex-Funpark-, jetzt Nachtschicht- oder Karma-Gästen. Ihnen geht's vor allem um die "Bitchez". Deshalb hängen sie, mit Glasohrstecker und Schiffsketten behängt, den In-Ear-Kopfhörer im Ohr und das iPhone in der Hand, an der Bar, stehen aufgereiht um die Tanzflächen, ziehen eine Fresse wie das Wetter im April, schwitzen ihre Streetwear-Kleidung nass und gaffen junge Mädels an. Widerlich.

Schließlich: der Ibiza-Clubhopper. Pacha, Amnesia, Space oder Privilege - dorthin zieht es ihn mindestens dreimal im Jahr: zum Opening, zu einer Sommersession und zum Closing. Ihm geht es weniger um die Musik als um sich und seinen Körper. Er möchte seine wohlgeformte Oberarm- und Brustmuskulatur, das Ergebnis stundenlanger Fitnessstudio-Einheiten, zeigen. Deshalb trägt er gerne T-Shirts mit tiefem V-Ausschnitt. Er genießt jeden direkten und verstohlenen Blick auf seiner nackten Haut, die manch ein Tribal-Tattoo ziert.

Zu guter Letzt der Rest: Freiburger Nachtmacher und Disc Jockeys, Musiknerds, Studentinnen und Studenten, Normalos, et cetera. Großartige Mischung. Es wird nie langweilig im Stinnes.



 

Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

 
Großer Floor, kurz vor Mitternacht. Meda jagt Staccatobeats und Ravesirenen durch die Lautsprecher. Im Vergleich zu der Clubnacht mit Marcel Dettmann klingt die Anlage jedoch enttäuschend flach. Vielleicht liegt's aber auch daran, dass die vielen Gäste gerade noch mehr reden als tanzen.

Kaum getanzt wird auch noch in Raum Zwei. Dort steht Tscherno an den Decks. Der Sinnestäuschung-Resident spielt das Intro für Daniel Stefanik und Tiefschwarz, und das macht er verdammt gut. Ruhig und entspannt lässt er's angehen. Er verzichtet - Gott sei Dank - auf harmonieüberladenes Tech House-Geklöppel. Treibende Basslines, direkte, geradlinige Grooves, mal mit Dub Chords unterlegt, mal perkussiv, wie's die Oslo/Cécille-Connection vorgelebt hat, dann wieder verrückte Stücke wie "Mrs. Bojangels" von DJ Koze - das macht Spaß. Kurz bevor der Leipziger Daniel Stefanik übernimmt, gehen denn auch die ersten Hände in die Luft.

Zurück auf dem großen Floor. Dustin Zahn lässt es mächtig ballern. Kuhglocken scheppern, Rimshots knallen, Bässe rumpeln. Fast schon unheimlich.

 

An der Bar...

 
...gibt's Gin Tonic für 'nen Sechser, brühwarmes Bier für 'nen Dreier und Softdrinks für 2,50 Euro. Dazu kommt noch ein Euro Pfand.

 

Auf dem Klo um halb vier...

 
...wird es verdammt schwer, eine freie Kabine zu finden. Dabei brauche ich sie so dringend. Es war seit vielen Wochen das erste Mal, dass ich wieder geraucht habe, und das Nikotin wirkt einfach abführend.

 

Aufregerle

 
Eindeutig: der Gin Tonic. Er schmeckt unangenehm bitter-scharf. Des Weiteren: das Bier. Wie oben bereits geschrieben, wird es brühwarm serviert. Außerdem: es gibt keinen Fahrradabstellplatz am Stinnes Areal.    

Aufheiterle

 
Auf der Suche nach einem Fahrradabstellplatz drehe ich zwei, drei Runden um das Stinnes Areal. Mein suchender Blick fällt auch einem Polizisten auf, der mit seinem Kollegen das bunte Treiben rund um den Club beobachtet. Ob es hier Stellplätze gebe, frage ich ihn. "Am beschde e Platz, wo's Fahrrad nit gstohle wird, gell", antwortet der Polizist und lacht. Sein Kollege dazu: "Nimms mit uff d'Tanzfläche." Beide lachen, steigen in ihr Dienstfahrzeug und fahren in die Nacht.

 

Fazit

Für's Line-up gehen beide Daumen noch, auch für den morbiden Grundton des Stinnes Areals. Abzüge gibt's hingegen für's warme Bier und die fehlenden Fahrradabstellplätze.

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