Nightlife-Guru: Tageins im Waldsee

Nightlife-Guru

Montag, der erste Tag der Woche. Der Alltag streckt seine eisernen Klauen aus. Keine Chance, ihm zu entfliehen? Doch! Wer – als Student – dienstags nicht gerade eine wichtige Klausur in seinem Terminkalender vorgemerkt hat, wer nicht als (Fest-)Angestellter tunlichst ohne Augenränder vor seinem Arbeitgeber erscheinen muss oder wer einfach nur sein Wochenende verlängern möchte, verbringt den Abend bei Tageins im Waldsee. Der fudder Nightlife-Guru hat die Freiburger Nachtleben-Institution dem Check unterzogen.

  

Die Jungs an der Tür

Prüfende Blicke, röntgenstrahlengleich, scannen mich ab. Von Kopf bis Fuss. Angedeutetes Kopfnicken. Ich bin drin. Später unterhalte ich mich mit dem sehr entgegenkommenden Türsteher. „Heute Abend sind Leute da, die ich noch nie zuvor bei Tageins gesehen habe.“ Gemeint ist die Fraktion Jugendlicher, die als notwendiges Accessoire gerne nachgeahmte D&G-Gürtel auf lieblos verarbeiteten Vintage-Jeans tragen. „Tageins soll zwar für alle offen sein, aber die habe ich besonders im Auge. Wenn die stressen – ich bin vorbereitet.“

Inneneinrichtung

Das Motto des Abends, von einem Beamer auf weisse Leinwand geworfen, lautet: bindraufundsaufeinpils. Dementsprechend funktional und karg ist die weitere Einrichtung. Doch zeugt dies für mich von einer Unbekümmertheit, die der Feierstimmung etwas Zwangloses verleiht. Zugeständnisse an modernes Design? Nope. Ein weiterer Beamer zeichnet zudem konzentrische Kreise an die mit weissem Tuch bespannte Decke.

Wer war da?

Zerzauste Wuschelköpfe, mit Gel oder Öl gebändigte Locken, Kapuzenpulli, schulbubenhafte Polohemden, bis zum Brustbein geöffnete weisse Hemden, die für Freiburg typische „functional outerwear“. Hautenge, auf der Hüfte getragene Jeans, ultrafeminine Oberteile und Mode mit Moral („Öko“): das Publikum am heutigen Abend ist sehr gemischt.

Vom italienischen Doktoranden der Philosophie über gerade volljährig gewordene Partymäuschen bis hin zu stark geschminkten osteuropäischen Austauschstudentinnen ist alles vertreten. Letztere bewegen sich denkbar verhalten auf dem Parkett: eine Vorsichtsmassnahme ihrerseits, könnte doch eine geringe Erhöhung ihrer Körpertemperatur den Fassadenanstrich zerstören.

Ebenfalls anwesend waren einige bekannte Gesichter aus dem Freiburger Nachtleben, die sich (fast) alle um das DJ-Pult drängten; insbesondere ein DJ, der die Aufmerksamkeit mehr durch sein ausgefallenes und ausgewähltes Brillendesign auf sich zieht, denn weder durch seine Auflege-Künste, noch durch seine DJ-Playlist auf fudder konnte er mich bisher überzeugen.

Party-Atmosphäre

Kurz nach Mitternacht. Ein langezogenes „Yeeeeeaaaaahhhh“, trockene geschlossene Hi-Hats, rhythmische Hand Claps und dumpfe Beats. Wenige Takte genügen, um mich in Extase zu versetzen.

Thorsten Leucht, Subculture-Head und Beschaller vom Dienst an diesem Abend blendet ein in den Konsens-Hit der House- , Elektro- und Techno-Jünger des vergangenen Sommers: „Mumbling Yeah“ von Kabale und Liebe (a.k.a. Liro van Daalen).

Dieser Track wurde 2007 von Richie Hawtin, Ricardo Villalobos, Luciano und weiteren ungezählten Soundmischern auf grossen Raves wie Green & Blue, I Love Techno, SMS oder Sonar, in zahlreichen Clubs oder einfach nur zuhause hoch und runter gespielt. Meine Gedanken schweifen in die Vergangenheit. Nach Berlin, ins Watergate, Oktober 2007: dicht gedrängt steht die tanzwütige Meute auf dem Main Floor, ihre Körper zucken exaltiert. „Hands up in the air“-Feeling. Im Freiburger Waldsee dagegen bleiben die Arme seitlich angewinkelt oder vor dem Oberkörper. Schnellstmöglich passe ich mich meiner Umgebung an. Wer erntet schon gerne befremdliche Blicke.

Thorsten Leucht schraubt fleissig an den Reglern, packt emsig minimale frickelige Sounds, harte, basslastige Techno-Bretter und Songs mit Gross-Rave-Attitüde auf die Plattenteller. Stücke, die so reduziert sind, dass ihre Sounds wie einzelne Mosaiksteine aus den Lautsprechern fallen und nicht klar wird, wie es nach den Mini-Breaks weitergeht. Thorsten Leucht ist jedoch ein erfahrener DJ und führt die „Crowd“ gekonnt durch den Abend.

Kurz nach halb zwei legt sich ein verklärtes Lächeln auf meine Lippen. Leucht spielt die ersten Takte eines meiner Lieblings-Tracks: „Sentimente“ von Rosario Interullo, im Nea Marin Remix. Energiegeladener, abwechslungsreicher (minimaler) Techno in der richtigen Dosierung. Organische, warme Bässe, verspielte Hand Claps, pulsierende Beats, verspulte Vocals. „Sentimente“. Um mich herum gibt es kein Halten mehr. Verschwitzte Gesichter, zuckende Leiber, und endlich erste Hände in der Luft. Der Dancefloor ist randvoll, es wird geraucht, getanzt, getrunken. Die Party steuert ihrem Höhepunkt entgegen.

Nach zwei Uhr fährt Thorsten Leucht verstärkt die Elektro-Schiene. Passend zum Eingangs-Motto („draufsein…“) lässt er den derzeitigen No. 1 –Hit in den deutschen Club Charts laufen:  „Drei Tage Wach“ des Münchner Tobias Lützenkirchen, ein Song mit Ohrwurmcharakter. Gerade in diesem Moment sackt neben mir ein Jugendlicher in sich zusammen. Mir gelingt es, sein Fallen kontrolliert erscheinen zu lassen, verhindere, dass er auf dem Boden aufprallt und setze ihn auf ein rotes Sofakissen. „Drei Tage Wach.“

Elektroides à la Bodzin, Huntemann oder Schaffhäuser ist nicht mein Ding. Daher zwänge mich durch die wild tanzende Meute hindurch auf die Terrasse. Ich rauche eine Zigarette und komme erst wieder, als mich hypnotisch pluckernde, reduzierte Sounds umgarnen und auf die Tanzfläche ziehen. Minimal is what I am.

Gegen drei Uhr entfernt die Security einen Besucher, der sich auffällig benommen hat. „Geh einfach! Geh, es ist besser für uns alle, wenn Du das Waldsee verlässt.“ Es kommt zur Diskussion. Die Türsteher weisen ihn noch einmal mit Bestimmtheit darauf hin, die Örtlichkeit zu verlassen und warten so lange, bis er den Weg in die Innenstadt antritt.

Ab halb vier leert sich der Floor allmählich, auch in meine Knochen schleicht sich Müdigkeit. An der Bar gönne ich mir einen Absacker, und auch für mich ist der Abend nun gelaufen. Am Rande bemerkt: je vorgerückter die Stunde, desto süsslicher roch es im Raum.



Catering

Bier, Wein und viele Kurze. An der zusätzlich eingerichteten Cocktailbar werden hauptsächlich Caipirinha, Cuba Libre und Vodka Bull bestellt. Manch ein aus dem grösseren Mittelmeerraum stammender Besucher trinkt Red Bull pur.

Auf dem Klo um halb Vier

Kurz bevor ich meinen Nachhauseweg antrete, der obligatorische Blick aufs Klo. Ein junger Mann Anfang zwanzig torkelt mir benommen entgegen. Noch bevor er mich wahrnimmt, knallt er gegen die Wand, murmelt „Sch… Türe“ und ist mir sehr dankbar, dass ich ihn nach draussen bringe.

Klangwaren-TÜV

Thorsten Leucht leistet sich drei, vier grobe Schnitzer beim Beatmatching, insbesondere wenn er von leicht angebreakten Tracks wieder in gerade 4/4-Nummern (oder umgekehrt) wechseln wollte. Dies tat der Partylaune jedoch keinen grösseren Abbruch. Nur Klangästheten und Soundfetischisten lassen sich dadurch aus dem Konzept bringen. Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse.

Aufregerle

Tageins ist immer sehr gut besucht, Worte wie „zu voll“, „zu eng“ und so weiter  erübrigen sich daher. Ein – ich schätze einmal – Mittdreissiger mit unendlich langen schwarzen Haaren ist für mich die Negativerscheinung des Abends: auf unsäglich abstossende Art und Weise gräbt er jede junge Frau an, fordert sie zum Tanzen auf. Er lässt nicht locker, auch wenn die Frauen ihm den Rücken zu kehren und ihn mit eindeutigen Gesten in seine Grenzen verweisen. Auch ihn hätte die Security gerne entfernen dürfen.

Aufheiterle

Um mich abzukühlen, lehne ich an der Eingangstür zur Terasse hin, als mich ein junger Mann um Feuer bittet. Mit seinen langen, ungewaschenen Haaren und seinem schlammfarbenen Sweatshirt nicht gerade das attraktive und vertrauenserweckende Erscheinungsbild.

„Die verdammte Zeitumstellung hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht“, bricht es aus ihm heraus. „Ich bin zu spät zu Tageins gekommen. Es gibt keine Mädels mehr. Alle hängen schon mit einem Typen rum oder sind vergeben oder haben einfach keinen Bock…“ Ich versuche, Verständnis für seinen Seelenauswurf aufzubringen, doch mag es mir nicht so recht gelingen. Indem ich ihm eine Zigarette spendiere, tröste ich ihn über seinen Herzschmerz – wenigstens für den Augenblick eines Lungenzugs – hinweg, wünsche ihm weiterhin viel Erfolg und entferne mich behutsam von ihm.

Fazit

Tageins ist und bleibt die Freiburger Montags-Institution.

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