Nightlife-Guru: Tageins im Waldsee

Nightlife-Guru

Lebenshungrige Erasmusstudentinnen, Tequilla-tankende Feiermäuschen und eine falsche Pfandmarke: Unser Nightlife-Guru war gestern beim vielleicht schönsten Tageins des Jahres:

 

Die Jungs an der Tür ...

... stehen genau genommen vor der Tür und haben heute erst mal nicht viel zu tun. Jedenfalls nicht mit mir. Sie mustern mich kurz und winken mich dann gelangweilt durch - ein bisschen wie Zöllner an der Schweizer Grenze.

Hinter mir passiert ein Typ ihre Schleuse, der ganz in Schwarz gekleidet ist und einen schwarzen Schirm trägt. Fehlt nur noch die Melone - mit der ich ihn auch schon mal aufm Tageins gesehen zu haben meine. "Ganz in Schwarz", kommentiert einer der Security-Männer. Gute Beobachtungsgabe, denke ich mir. Wenn er den Partyabend die ganze Zeit über so genau in Augenschein nimmt, fühle ich mich ab sofort sicherer als eine SMS im Handy der Kanzlerin.

Inneneinrichtung und Deko

Ein paar Streifen Gaze trennen den Barbereich von der Tanzfläche; an die Wand hinter der Bühne wirft ein Projektor bewegte Bilder von Bauarbeitern, die ich im ersten Moment für einen Live-Stream aus der neuen UB halte. Ist's dann aber doch nicht, weil: Auf den Bildern ist's Tag, und wir haben Nacht.



Wer war da?

Wenn ein Laden leer ist, beschwert man sich, dass zu wenig los ist, wenn er voll ist, dass zu viel los ist. Im Waldsee ist heute mittelmäßig viel los, also genau so viel, dass sich niemand beschweren kann.

"So wenig war noch nie los, dieses Jahr", wird Barmann Frank später sagen. Und auch der Typ, der den Boden fegt, Strohalme, Dreck und Scherben zusammenkehrt, nachdem um drei das Licht angegangen ist, sagt gut gelaunt: "Sonst ist mehr." Lametta, vervollständige ich im Geiste. Und schäme mich im nächsten Augenblick über diese schlechte und unjahreszeitgemäße Loriot-Reminiszenz.

Die Zusammensetzung der Partycrowd ist so angenehm und anregend wie schon lang nicht mehr. Keine nervigen (aber zugegebenermaßen anmutigen) Gymnasiastinnen, die sich um den Dienstag keine Sorgen machen müssen, weil sie Sommer- oder Herbstferien haben. Stattdessen unnervige (aber zugegebenermaßen anmutige) Ersti-innen, die sich um den Dienstag keine Sorge machen müssen, weil. Sie gleichen die Dritti-Jungs aus, die zeigen wollen, dass sie sich mittlerweile auskennen in der Großstadt Freiburg und die sich endlich vom Elternhaus emanzipiert haben - jedenfalls was das Immaterielle angeht.

Außerdem 1: Technogröße Ricardo Villalobos - oder jemand, der ihm verdammt ähnlich sieht -, eine Handvoll Freiburger DJs, zwei Krautrocker mit langen Haaren und John-Lennon-Brillen, ein Zuhälter mit seiner Puffmutter, ein VWLer mit Oberhemd ausm Breuniger-Katalog, ein Streifenhörnchen, eine Tigerin, eine Giraffe, ein Mäuschen, ein Bär. (Hab ich das jetzt wirklich geschrieben? Ja.)

Außerdem 2: Erasmusstudenten/-innen. (Zu -innen siehe Anmut.)



Partyatmo & Klangwaren-TÜV

Es ist kalt und regnet. Und trotzdem hat man das Gefühl, als sei's der letzte Sommerabend. Die Leute stehen zu vielen draußen, trinken und rauchen und quatschen und lachen. Zu vielen befinden sie sich aber auch drinnen, auf der Tanzfläche, feiern, als ob es der letzte Tageins wäre, als ob morgen irgendwas vorbei wäre, unwiederbringlich, und man unbedingt noch mal alles rausholen müsste, heute, jetzt.

Ein feminines Partytrio bearbeitet die Tanzfläche mit besonders großer Vehemenz. Wie von der Tarantel gestochen, von der Hornisse, vom Skorpion schütteln sie ihre Körper hin und her, schmeißen sie sich nach hinten und vorne, reißen sie ihre Arme in die Luft, werfen sie sich an ihre männlichen (Gelegenheits-?)Begleitungen.

Zwei spanische Erasmusstudentinnen wollen alles mitnehmen, was sich ihnen dieses Jahr in Freiburg darbietet, wollen leben, fühlen, überschreiten (siehe "Außerdem 2"). Ein angehender Ingenieur aus der Lombardei geht auf Tuchfühlung mit seiner Begleitung - einer kleinen sizilianischen Philosophiestudentin mit Haarspange und Poncho. Er fährt mehr auf die mechanischeren Klänge ab, die DJ Johannes Albert heute Abend absondert. Sobald's zu soulig wird, die Musik zu beseelt ist, scheint er sich unwohl zu fühlen und flüchtet sich in die Buchstabenlabyrinthe Freiburger Partyflyerlandschaften.

Am Rand der Bühne sitzen zwei Jungs Anfang 30. Sie machen keinen gelangweilten Eindruck - im Gegenteil: Sie scheinen voll bei der Sache zu sein. Nur eben sitzend. Ganz als ob sie damit zum Ausdruck bringen wollen würden: Tanzen war vorgestern, stehen war gestern. Heute ist sitzen. Ein Königreich für ein Backgammon-Spiel!, rufe ich nicht wirklich in den Raum. Oder für ein paar Boccia-Kugeln! Auf dass die alten Herren sich noch wohler fühlen auf ihren Stühlen vor ihrem italienischen Kleinstadtcafé!

Die Musik ist vom Feinsten. Johannes Albert ist aus Berlin gekommen und hat Schallplatten mitgenommen, die zuerst tief housig, dann technoid, dann wieder breakbeatig, irgendwo zwischendrinnen sehr discoig und funkig und dann wieder sehr technoid sind. Als vorletzten Track spielt er eine gelungene House-Interpretation des Dylan-Klassikers "All Around The Watchtower" - den Rayko Edit der Barbara-Keith-Version von 1971. (Mann, ist das kompliziert ...)



Catering

Ich bleib bei Bier, nicht allzu viel, weil ich morgen früh raus muss.

Durchs Fenster beobachte ich, die das feminine Partytrio an der Bar auftaucht. "Die bestellen sich jetzt drei Tequillas", bedeute ich meiner Begleitung. "Bier oder Drinks haben die längst hinter sich gelassen." - "Ja", antwortet meine Begleitung. "Und nach Jägi oder Joster sehen die nicht aus." Und tatsächlich: Barmann Frank reiht drei Tequillas vor ihnen auf.

Aufheiterle

Ich will meinen Pfand zurück, finde in meinem Portemonnaie eine grüne Pfandmarke mit der Aufschrift "Waldsee" und lege sie auf den Tresen. "Die hab' ich ja seit Jahren nich' mehr gesehen!", sagt Barmann Frank und lacht. "Du brauchst 'ne rote!" - "Ah, oh", entgegne ich verdutzt und krame noch mal in meinem Portemonnaie herum. Und tatsächlich: Ich finde eine rote Pfandmarke, die ich gegen ein 1-Euro-Stück eintausche.

Aufregerle

Die Typinnen und Typen, die permanent ihre Flaschen und Gläser auf dem Boden zerdeppern. Die Schattenseiten des Exzesses.

Fazit

Meine Begleitung sagt: "Das war vielleicht der schönste Tageins des Jahres." Ich kann ihm nicht zustimmen, weil ich den Tageins heuer sträflich vernachlässigt hab. Was ich aber sagen kann ist: Das war ein verdammt schöner Tageins, heute. Auch wenn's vielleicht der leerste des Jahres war.

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