Nightlife-Guru: SWR3 Dance Night in Münstertal

Nightlife-Guru & Dominic Rock

Rosenmontag in der Belchenhalle, herzlich Willkommen: Polonaise zum "Anton aus Tirol", Baileys im Waffelbecher, Baslerfoul als Flirttechnik, der Wahnsinnsmix von DJ Candyman, Alf als Bravo-Deko, heitere Belchengeister, Remagen-Strizzis und über alledem röhrt der SWR3-Elch (mit Fotogalerie).



Was macht der SWR auf einer Fasnetsparty?

Vor fünf Jahren haben die Münstertäler Narrenzünfte einen Besucherschwund bei ihrer Fasnetparty registriert. Deshalb engagierten sie DJs des SWR als Stimmungsmacher. Seitdem läuft’s wieder, finden die Belchengeister. Was wirklich abgeht, wenn die Elchmoderatoren im Schwarzwald aufschlagen, haben wir beobachtet.



Die Jungs an der Tür

… arbeiten für eine Freiburger Sicherheitsfirma. Man kennt sie aus dem Konzerthaus: breites Kreuz, wenig Haare, aber oft ein Lächeln. Mit der Ausweiskontrolle nehmen sie es zumindest in der ersten halben Stunde (bis 21 Uhr) nicht ganz so genau.



Inneneinrichtung und Deko

Die Belchenhalle ist eigentlich eine Sporthalle: Man tanzt auf dem Handballfeld und kann sich beim Flirten an der Sprossenwand abstützen. Blickfang ist die rot-grüne Riesengirlande an der Decke. Dekochef Andreas Steible hat mit 20 Helfern sechs Stunden lang gebraucht, um das Ding aufzuhängen.



Ansprechend auch die Wände der Geister-Bar, tapeziert mit alten Bravo-Titeln. Unter  schummrigem Rotlicht begrinsen einen Alf, Patrick Swayze, Don Johnson, Die Ärzte und Rambo. Dazu der Geruch von Drogeriedeo im Fünfeuro-Bereich. Stilecht.



Wer war da?

Knapp 1000 Menschen. 60 Prozent einheitlich Verkleidete (etwa als Deutschlandfan), 30 Prozent Mischverkleidete (zum Beispiel Cowgirls mit Handschellen), zehn Prozent Nicht-Verkleidete. Dazu zählen auch jene Remagen-Strizzis, die im Aufreißergang und in weißen Slipper durch die Halle checken und Bizeps zeigen.  Außerdem Stegener Waldgeister, Däler Rangers 66 und Grunerner Eschwaldhexen.



Als repräsentatives Beispiel eines Besuchers nehmen wir Uli, 24, angehender Wirtschaftsingenieur aus Freiburg, heute günstig verkleidet als Handwerker (Blaumann aus dem Baumarkt für 10 Euro, weißes Unterhemd, ein wenig verschmiertes Schwarz auf den Backen). Programm der vergangenen Tage: Donnerstag Umzug in Merdingen, Freitag Disco „Flash“ im Krozinger Kurhaus: „War cool, keine Schlägereien.“ Seltsam: im Polizeibericht ist von sieben Schlägereien im Kurhaus die Rede.

Wie auch immer: es ging weiter am Samstag mit Party in der Fritz-Boehle-Halle in Emmendingen. Heute: saufen und Freakout, glücklicherweise fährt der Kollege. Überhaupt müssen meist die fahren, die noch auf Antibiotika sind.



Partyatmosphäre

Viele kommen schon in Feierlaune an. Vorgeglüht wurde in der „Hofsäge“ und/oder im Vereinsheim der Spielvereinigung Untermünstertal. So hat SWR-DJ Michael Leupold, 42, leichtes Spiel. Gekonnt füllt er die Stimmungskanone mit musikalischem Schrott.

Zu Gassenhauern wie „So a schöner Tag (Fliegerlied)“ von der Regensburger Combo Donikkl & die Weißwürschtl bittet er Angeheiterte nach vorn, die eine verstrahlte Choreo durchziehen. Gleich danach „Anton aus Tirol“ mit Aufforderung zur Polonaise. Der SWR geht hier auf Nummer Sicher. Getreu dem Slogan im Bühnenbild: „Mehr Hits. Mehr Kicks. Einfach SWR3.“



Der beste Spruch

Eine 16-Jährige trägt auf Bauchnabelhöhe einen selbstgemachten Button mit der Aufschrift „Ich bin PUNK – kein EMO!!! Kapiert ?!“

Bewirtung

Faire Preise, freundlicher Service: Pils 0,3l für 2 Euro, Fleischkäsweckle für 2 Euro, Laugenbrezel für 1 Euro. Beliebt auch Baileys im Waffelbecher für 1,50 Euro. Die Älteren trinken lieber Gutedel.

Aufheiterle

Die Anbaggertechnik eines Heranwachsenden, der sich als Kicker verkleidet hat. Er trägt ein Bayerntrikot der Saison 1997/98 mit historischem Opelschriftzug auf der Brust, Rückennummer 14, Mario Basler.  Sobald ein Mädchen sein Sichtfeld quert, rennt er hin, simuliert einen Zusammenstoß und ruft: „Böses Foul! Von hinten!“ Diese Masche stößt leider auf wenig Resonanz.



Aufregerle

Die Bühne von DJ Leupold wird von Baustellenabsperrungen blockiert. Wie soll man da überprüfen, ob der Mann wirklich, wie versprochen, „für jeden Sonderwunsch gerüstet ist?“

Klangwaren TÜV

Im Foyer legt DJ Candyman auf. Eigentlich heißt er Andreas Luiz und hat sein Handwerk „bei Privatpartys gelernt“: Schlager auf Dreamdance, „Live is live“ auf White Stripes im Technomix. Selbst der Zunftmeister tanzt. Auch Leupold versucht’s auf dem Mainfloor mit kruden Kombis: Frauenarzt, Schäfersong, Backstreet Boys. Wahnsinn.



Das Produkt

Die „Dance Night“ haben sich vor zehn Jahren Marketingstrategen vom Südwestrundfunk ausgedacht. Die Wanderdisco  mit Moderatoren, die im Stil von Kirmesanheizern agieren, soll vor allem Vereine und Jugendgruppen ansprechen. „Viele Cliquen nehmen das Angebot in ihrer Region wahr“, so SWR-Sprecherin Grazyna Bornholdt.

Das Prinzip: Die Tanznacht wird von einem lokalen Veranstalter eingekauft, der auch den Eintrittspreis bestimmt.  Am Rosenmontag waren das immerhin acht Euro. „Die GEZ-Gebühren dienen nicht der Finanzierung unserer Partys“, sagt Bornholdt. Die Belchengeister haben den SWR-DJ  für 2010 vorsorglich schon gebucht.



Auf dem Klo um halb Zwölf

Die Frauentoilette ist bereits so überfüllt, dass sich viele Mädels im Männer-WC einfinden. Die einen werden von grinsenden Gentlemen reingeschmuggelt, die anderen wählen die offensive Variante. Sie grölen „Schwanzkontrolle!“ und stürmen rein. An den Pissoirs wird gemeinhin der Keramiksichtschutz genossen und die Abwesenheit eines Kondomautomaten bedauert. Es riecht nach Minzpastillen und dem ersten Mal.



Fazit

Eine schöne Fasnetparty auf dem Land, nicht mehr und nicht weniger. Hier gilt es nicht, über Musikgeschmack zu streiten. 1000 Besucher und geile Stimmung sprechen für sich. Allerdings, findet der Nightlife-Guru, hätten die lieben Belchengeister das auch ohne die Hilfe aus Baden-Baden hingekriegt.

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Foto-Galerie: Dominic Rock

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