Nightlife-Guru: Studio54-Party an Heiligabend in Schmitz Katze

Nightlife-Guru

"Im kommenden Jahr verbringe ich Heiligabend wieder mit meiner Familie". So lautet das Fazit unseres Nightlife-Gurus zur Studio54-Weihnachtsparty in Schmitz Katze. Wie er zu diesem Entschluss kommt und was er auf der Party erlebt hat:



Das Mädel an der Tür

Lange Gästeliste, kurze Warteschlange: Im Minutentakt trudeln die Gäste der Studio54-Party ein. Die Frau an der Tür - blond; streng nach hinten gekämmtes, zu einem Pferdeschwanz gebundenes Haar; freundliches, offenes Gesicht; auf Anhieb sympathisch - prüft, ob der Name auf der Gästeliste steht, setzt ein Häkchen dahinter und nickt. Weitergehen.

So war das damals auch im New York der Siebzigerjahre. Nur Marc Benecke, Türsteher des legendären Studio54, sortierte viel gnadenloser aus als diese Frau. Auch Gästelistenplatzinhaber scheiterten an ihm. Nicht so in Schmitz Katze. Hier kommt jeder rein, der auf der Gästeliste steht.

Inneneinrichtung und Deko?

Rote Christbaumkugeln, goldenes Lametta, Lichterketten: Auf diesen und anderen Weihnachtskitsch verzichten die Schmitz Katze-Macher. Nur an der Bar brennen drei, vier rote Kerzen, liegen ein paar Tütchen mit Mandarinen, Lebkuchen und in Goldpapier verpackte Schokoladetaler aus. Doch das könnte auch der Weihnachtsgruß der Clubbetreiber an ihr Personal gewesen sein. 

Draußen lodern Flammen in Feuerkörben. Holzscheite zerplatzen mit leisem Knacken. Schatten flackern an den Hauswänden. Lichterketten leuchten. Drinnen dreht sich die große Diskokugel. Alles wie gehabt.

Wer war da?

Bianca Jagger, Grace Jones, Liza Minelly, Diana Ross. Viele inzwischen verblasste oder verstorbene Superstars gehörten zu den Stammgästen des Studio54. Auf Freiburg heruntergebrochen, müsste ich, im Zwielicht der Bar, Jogi Löw, Christian Streich und Dieter Salomon erkennen. Dazu noch ein paar Eisvögel-Spielerinnen. Nackt. Und, drückt man ein Auge zu, gehörten auch Dietmar Dath, Alexandra Maria Lara und Johanna Wokalek in diese Runde. Mit den letztgenannten Drei würde ich übrigens gerne mal eine Nacht durch Freiburg ziehen, auf Sekt und Gin und weißem Espresso abgehen.

Dath, Lara und die Wokalek sind an diesem Abend aber überall, nur nicht in Freiburg. So muss mit den Björns und Tobis, Melanies und Nicoles der Stadt vorlieb nehmen. Und einem rumänischen Wanderzirkus, der es irgendwie auch auf die Gästeliste geschafft hat. Zumindest sehen die drei, vier Jungs und Mädels so aus, wie ich mir ein Wanderzirkuspersonal vorstelle. Sie tragen rote Jacken mit goldenen Knöpfen und Kordeln, Zylinder, in der Hand Bälle, Keulen oder Hulareifen zum Jonglieren. Sie tänzeln leichtfüßig um die Bar herum, und ich warte die ganze Zeit darauf, dass wenigstens einer von ihnen ein Hochseilrad besteigt und durch den Raum fährt.



Zurück zu den Björns und Tobis. Die sind irgendwie alle Mitte 30 und machen irgendwas im Außendienst. Wahrscheinlich verkaufen. Versicherungen, Naturkosmetik, Wasserenergetisierer. Sie sehen so aus, wie’s ihnen die Zeitschrift “Men’s Health” vorgibt. Schwarze, für ihre Männerhüften etwas zu enge Stoffhose und weit über den Bizeps hochgekrempelte Hemdsärmel. Sieht scheiße aus! Dazu noch der Frisur-Hybrid aus Beckham 2002 und Neil Patrick Harris als Barney Stinson (How I Met Your Mother). Sieht auch scheiße aus!

An der Bar, auf der Tanzfläche, auf dem Klo: Überall machen sie mit lauter Stimme auf sich aufmerksam. Vertriebler eben. Sie kommentieren alles und jeden Gast im Stil ihres größten Entertainer-Vorbilds: Mario Barth. Ist weder geistreich noch lustig. Nur dumm, peinlich und sexistisch. Die Melanies und Nicoles lachen trotzdem.

Und sonst so? Freunde und Freundinnen der Disc Jockeys, Mode- und Musikblogger, erfahrene Clubgänger und Frischlinge in Sachen Heiligabend-Rave. Ganz normale Leute also. Gute Crowd.

Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Mein Kopf schmerzt. Jeder Lichtstrahl sticht in den Augen. Jedes Geräusch pocht hinter der Stirn. Mein Körper ist ein Haufen Fleisch und Knochen. Die Muskeln ziehen und krampfen. Die Lunge sticht und brennt. Das Herz rast. Ich friere. Trotzdem schwitze ich. Im Liegen!

Ich habe es zu weit getrieben und muss nun bitter dafür bezahlen. Dies war nun dieser eine Abend zu viel. Vage erinnere ich mich. Der Disc Jockey spielte gerade Whams "Last Christmas", auf ein Tech House-Chassis gehoben. Die Lichter leuchteten rot, grün, blau. Minuten später gingen sie bei mir aus. Irgendwann stand der Zirkusdirektor vor mir. Oder der Kerl, den ich in diesem Augenblick für den Zirkusdirektor hielt. "Hey, wie siehst du denn aus", schrie er mich an. Goldene Kordeln baumelten mir ins Gesicht. Er zog mich hoch. "Trink", schrie er mich an und hielt mir ein Glas mit einer dunklen Flüssigkeit hin. Ich trank. Das Zeug schmeckte bitter.

Danach ging's mir besser. Ich bestellte, ja, was bestellte ich eigentlich? Ich weiß es nicht mehr. Mühsam kletterte ich die Treppen zur Tanzfläche hoch, stellte mich an den Rand und ließ den Bass auf mich wirken. Der Sound klang gar nicht so schlecht, dachte ich. Müssen was an der Anlage geschraubt haben. Der Disc Jockey zog einen pumpenden Tech House-Track nach dem anderen auf die Decks. Irgendwann lief dann auch "Walking With Elephants" von Ten Walls. Zumindest dachte ich in diesem Augenblick, dass der Disc Jockey dieses Stück spielte. Ich stellte mich in die Mitte der Tanzfläche. Im Breakdown streckte ich die Arme aus, schaute nach links, schaute nach rechts. Alle wollte ich umarmen - und trotzdem für mich alleine sein.



An der Bar

Vodka Bull, Gin Tonic, Jacky Cola, Shots, Bier. Die Leute saufen, was die Runner schleppen können. Ein Drink zu viel ist an diesem Abend ein Drink zu wenig.

Auf dem Klo um halb vier

Ich lasse mir kaltes Wasser über die Unterarme laufen. Ich muss aufwachen. Zu mir kommen. Nach Hause finden.

Aufregerle

Ich rege mich über meine eigene Dummheit auf. Habe mich gehen lassen. Die protestantische Ethik mal einfach so über Bord gehen lassen. Von wegen Disziplin. Die aber brauche ich heute umso mehr. Es geht zu den Großeltern. Braten essen. Und Klöße. Doch mir ist mehr nach scharfer Miso-Suppe. Verdammt!

Aufheiterle

Der Taxifahrer. "Eigentlich spielt es keine Rolle, ob die Deutschen Weihnachten oder Oktober feiern. Meine Fahrgäste sind immer gleich besoffen", sagt er und lacht.

Fazit

Im kommenden Jahr verbringe ich Heiligabend wieder mit meiner Familie. Es sei denn, der Dath, die Lara und die Wokalek rufen an.  

Mehr dazu:

'