Nightlife-Guru: Shift-Festival in Basel

Nightlife-Guru

Das Shift-Festival in Basel ist in den vergangenen Jahren zum Anziehungspunkt geworden für Disco-Käuze, Möchtergern-London-Clerkenwells, Lichtdesigner und bizarre Klangweltler. Natürlich darf in dieser Reihe auch unser Nightlife-Guru nicht fehlen.



Die Frau an der Tür

„Drissig Franggä, bitte.“ Dunkel, kehlig und Gitanes-verraucht klingt die Stimme, die aus dem Inneren der Ticketbox zu mir hervordringt. Ich blicke in das weiße Gesicht einer jungen Frau mit großen, schwarz geschminkten Augen, einem 60er-Jahre-Lidstrich, sowie dunkel abgesetztem Lippenstift. Ihr Erscheinungsbild unterstreicht ihre Unnachgiebigkeit den Eintrittspreis betreffend. 30 Schweizer Franken oder 20 Euro, diskutieren und feilschen zwecklos.

So beginnen einige Besucher das Rechnen. „In welcher Währung kommen wir günstiger weg?“ lautet die Frage einer Gruppe junger Mädels, die zeitgleich mit mir angekommen ist. Sie, die ein Hauch von Pfirsichsekt umgibt, sind aus Müllheim angereist und finden's „schon voll teuer“. Dafür bekommen sie jedoch – wie jeder andere Festivalbesucher auch – ein Kontrollband ums Handgelenk sowie die Möglichkeit, sich bis in die frühen Morgenstunden zwischen Ausstellungen, Workshops, Konzerten und DJ-Sets zu verlieren. Und ein rund siebzig Seiten starkes Programmheft, gedruckt auf FSC-zertifiziertem Papier, gibt’s obendrein.



Wer war am Start?

Thijs, geboren in den Niederlanden, lebt seit nahezu zwei Jahrzehnten in der Schweiz. Er ist freischaffender Grafikdesigner, Mediengestalter, Projektingenieur oder Künstler, je nach Auftrag, der an ihn herangetragen wird. Sein strähniges Haar trägt er schulterlang, wild wuchert ein Vollbart, die Cordhose wirkt abgetragen. Eigentlich habe er keine Zeit zum Feiern, die Arbeit rufe, ein Projekt müsse seinem Abschluss zugeführt werden. Doch wolle er davor noch einmal kurz „Atmosphäre aufsaugen und Leben einatmen“.

Thijs’ natürlich nachlässige Art hebt sich angenehm ab von einer Gruppe junger Menschen, die zwanghaft versucht, mit pornographisch engen Röhrenjeans, dem mittlerweile allgegenwärtigen Flanellhemd und einem hornartigen Brillengestell auf London-Clerkenwell oder Berlin-Friedrichshain zu machen. Diese sind es zumeist auch, die den ganzen Abend nur in Gruppen beisammen stehen, ohne sich in das pulsierende Treiben des Festivals zu stürzen. Aber vielleicht haben sie ja wirklich schon alles gesehen, alles erlebt und können deswegen auch so abgeklärt tun.

Mit ihrer aufgesetzt gelangweilten Haltung und der gequälten Miene unterscheiden sie sich kaum von der üblichen Party-Schickeria, die sich anderswo in künstlich abgegrenzten VIP-Areas als überaus unabkömmlich und wichtig zur Schau stellt. Gott sei Dank fehlten letztere und vermeintliche Hipster waren in der Minderzahl.



Inneneinrichtung und Deko

Wie in den beiden vergangenen Jahren hat das Shift-Festival auch an diesem Wochenende auf dem Dreispitz-Areal - früher klassisches Gewerbe- und Industriegebiet, mittlerweile urbaner Entwicklungsraum - seine Heimat gefunden.

Das weitläufige Gelände beherbergt in seinen monumentalen Industrielagerhallen mehrere Ausstellungsräume, Ateliers, Werkflächen, sowie die Konzerthalle und eine Lounge. Die Veranstalter setzen nur wenige dekorative Elemente ein, die brachial-düstere Umgebung ist Kulisse genug. Vor ihr lassen Lichtdesigner und –gestalter durch den gezielten und präzisen Einsatz ihrer Kunst neues, virtuelles und überaus flüchtiges Leben entstehen.

Visual Jockey schicken die Besucher mit ihren bewegten Bildern, geloopte Samples aus Schwarzweiß-Filmen, zerstückelte und neu zusammengefügte Farb- und Formsequenzen, auf einen David Lynch-Trip. Besonders überzeugt hat mich das Werk der Undef-Crew, deren Ausgangsmaterial unter anderem aus in Echtzeit aufgenommenen Bewegtbildern der Festivalbesucher bestand. Wer ihnen vor das Objektiv geriet, fand sich Sekundenbruchteile später teils farbintensiv, teils schemenhaft-verfremdet wie bei einer Überwachungskamera, auf der Großleinwand als Teil des Raumgestaltungskonzeptes wieder.



Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Geshuffelte Drums und Hi-Hats, Minimoog-Sounds, versehen mit sanften Dubs und Delays, unterlegt mit schroffen Gitarrenriffs, kraftvollen Bässen und in den Breaks sphärisch-metallische Klangwelten, die an balinesische Gamelan-Orchestrierungen erinnern, erfüllen die Konzerthalle.

Der Jazzdrummer Steve Reid, der lange Jahre an der Seite von Miles Davis und Sun Ra gespielt hat, sowie der Brite Kieran Hebden (Four Tet) amalgamisieren in einem energetischen Live-Set Jazz und elektronische Musik. In diese teilweise bizarren Klangwelten möchte man abtauchen, sich verlieren und sich vielleicht dazu bewegen.

Doch ein Großteil des Publikums scheint resistent gegenüber dem Zauber dieser Musik. In kleinen Grüppchen stehen sie beisammen, in der einen Hand das Weinglas, in der anderen Hand die Zigarette, und unterhalten sich über die Geschehnisse der vergangenen Arbeitswoche. Wenigstens haben sie sich einen gewissen Restanstand bewahrt und klatschen nach jedem Stück frenetisch Beifall, auch wenn es für mich nur wie ein Automatismus wirkt.

Abgelöst werden die beiden Ausnahmemusiker durch das Basler DJ-und Produzenten-Duo Pharao Black Magic. Mit ihrer Plattenauswahl aus vertrippt-psychedelischem Disco sowie hypnotisierend-schlurfenden House-Rhythmen setzen sie nahtlos am Groove von Steve Reid und Keiran Hebden an.

Es ist jedoch kaum nachvollziehbar, weshalb sich die Konzerthalle innert kürzester Zeit leert. Nur vereinzelt schweben ein paar Mädchen anmutig über die Tanzfläche. Weder der tief brummende Bass von Sister Sledge im The Revenge Remix noch leicht Daft Punk-angehauchtes Material reizt die schläfrige Crowd.

Minuten später bin ich schlauer: die Festivalgäste haben ihre Kräfte geschont für den Auftritt der Britin Ebony Bones. Sie ist spätestens seit der Veröffentlichung ihres Albums „Bone Of My Bones“ kein Geheimtipp mehr. Was sie mit ihrer Musik allerdings zum Ausdruck bringen möchte, frage ich mich nach ihrem Auftritt noch vielmehr als schon zuvor. Das Drumming weist stark in Richtung Punk, sie selbst und ihre Crew schillern poppig bunt, und wenn sie einmal nicht überdreht ins Mikrofon schreit, vermag man ansatzweise etwas Soul aus ihrer Stimme herauszuhören. Grace Jones auf LSD.

Den musikalischen Nerv des Publikums trifft sie allemal, denn noch bevor der Schlagzeuger die Drumsticks zum ersten Snare-Wirbel ansetzt, geht der Rave ab. Nur an der Textsicherheit müssen die Besucher noch ein wenig arbeiten. „I say Ebony, you say…“ schreit sie ins Publikum. „Bones“ hätte dieses erwidern müssen. Doch Ebony „Bones“ Thomas wartet oftmals vergeblich auf eine Antwort.



Eine Dreiviertelstunde später gibt sie die Crowd perfekt aufgeheizt an den norwegischen Disco-Kauz Prins Thomas ab. Dieser setzt von Anfang an auf Interaktion mit den Tanzenden, zu sehr ist der hochtalentierte Beatbastler und Plattendreher – er spielt an vier Decks -  auch Partymensch. Für Schreie der Begeisterung sorgen unter anderem Balearic Incarnation von Dolle Jolle und ganz am Ende seines schweißtreibenden Sets der Techno-Pop eines Jürgen Paape, zu dessen folkloristisch-angehauchten Sounds auch Prins Thomas das Tanzbein kräftig schwingt.



Catering & Getränkekarte

Mehrere Bars halten den Festivalbesucher bei Laune. Softdrinks kosten vier Franken, ein Weißwein aus Malans in Graubünden fünf Franken und Longdrinks schlagen mit zwölf Franken zu Buche. Also sehr fair.

Auf dem Klo um halb vier

Einsam und verloren plätschert das Wasser aus dem Wasserhahn.

Aufregerle

Ein junges Mädchen bestellt sich zeitgleich mit mir eine Cola. Sie bezahlt mit einem 20-Franken-Schein. Rückgeld erhält sie jedoch nur auf zehn. Sie beanstandet dies umgehend, die Mitarbeiterin an der Bar will davon jedoch nichts wissen. Ich will der jungen Frau hilfreich beistehen, da ich gesehen habe, wie sie einen Zwanziger über den Bartresen gereicht hatte. Doch leider ohne Erfolg.

Fazit

Das Shift-Festival hat sich in sehr kurzer Zeit als familiäre Plattform für zeitgenössische elektronische Kunst entwickeln können. Das Dreispitz-Areal ist ein intimer Ort, wo sowohl die nationale als auch die internationale Szene ihre Werke der elektronischen Musik, Video- oder Internetkunst, digital oder analog, einem großen Publikum präsentieren und mit diesem in Austausch treten kann. Wesentlich dazu beigetragen hat meines Erachtens das mit Feingefühl erarbeitete musikalische Rahmenprogramm, das unterschiedliche (Sub-)Kulturen angezogen und zusammengeführt hat.