Nightlife-Guru: Semestereröffnungs-Schlagerparty in der Brauerei Ganter

Nightlife-Guru

Mallorca-Mucke, Schlagerstimmung und jede Menge Bier – das versprach die Ganter-Brauerei für den Freitagabend mit "Studenten Schlagern Freiburg". Warum der Nightlife-Guru trotzdem zwischen schunkelnden Mittvierzigern landete:



Jungs an der Tür

Als ich in Richtung der Ganter-Halle schlendere, sehe ich es schon von weitem: keine Schlange, kaum Andrang gegen 23.30 Uhr. Ein wortkarges Türsteherpärchen – sie, rothaarig und gepierct, er, mit Glatze im Rocker-Look und volltätowiert - scheint sich zu freuen, dass es endlich etwas zu tun bekommt, als ich an die Kasse komme. „Nabend“, grüße ich in die Runde und bekomme einen Stempel auf das rechte Handgelenk gedrückt.

An der Garderobe

Die Garderobe ist ein Provisorium. Gestapelte Ganter-Bierkisten als Tisch eingezäunt von meterhohen Paletten mit Ganter-Bierfässern, an denen Zettel mit dem Preis und der Aufschrift „Garderobe“ kleben. In der Mitte hängt eine blaue Ikea-Tüte, warum, verstehe ich nicht, aber irgendwie wirkt das ganze sympathisch.

Trotzdem steht niemand an der Garderobe, denn es ist kalt in der großen Halle und die meisten Mädels tragen ihre Jacke unterm Arm oder haben sie noch an. Dafür entscheide ich mich auch und spare so die zwei Euro für mein erstes Bier.

Deko

Außer einer Lichtprojektion, die eine tanzende Frau zeigt, und ein paar Bannern mit Ganter-Logos gibt es nichts. Vor der Bühne ist ein Gerüst aufgebaut, an dem die Schweinwerfer für die Tanzfläche angebracht sind. So wirkt das ganze irgendwie wie ein Boxring - der Rest des Raums ist stockdunkel.

An der Bar

...gibt es Gin Tonic für 7,50 Euro, Red Bull für 4,50 und natürlich Ganter-Bier in allen Variationen, alles sicher verstaut in Kühlschränken mit der Aufschrift „Ich bin cool“. Natürlich gibt es auch Papierpfandmarken – na dann Prost. Ich bestelle mir einen „Ganter Urtrunk“ und bewege mich in Richtung DJ. Als ich nichtsahnend meinen ersten Schluck nehme, höre ich hinter mir eine Stimme: „He, du hascht dei Pfandmärkle vergesse. Des isch ein Euro wert“, sagt eine der Barkeeperinnen. Ich lächle sie an und bedanke mich artig.



Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Die Besucherzahl bleibt auch nach Mitternacht noch sehr überschaubar, dementsprechend leer ist es auf der Tanzfläche. Ich frage mich, ob die Erstsemester den Weg in die Brauerei Ganter nicht gefunden haben, gar nicht erst von der Party gehört haben oder einfach niemand Bock auf Schlager hat.

Vereinzelt stehen Mädels in Gruppen beieinander und tanzen etwas schüchtern zu Wolfgang Petrys „Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle“. Von partywütigen Studenten und johlenden Azubis aber weit und breit keine Spur. Der DJ gibt sich die größte Mühe, die wenigen Mädchen, die sich auf die Tanzfläche getraut haben, bei der Stange zu halten und spielt Helene Fischers „Atemlos“. Doch selbst das kann die Stimmung nicht aufheitern. Später, wird der Veranstalter am nächsten Tag klarstellen, sei viel mehr losgewesen - bis um 1 Uhr werde ich davon allerdings nichts mitbekommen.

Nach meinem zweiten Bier und dem dritten DJ Ötzi-Song habe ich genug und gehe nach draußen an die frische Luft. Während ich in meiner Gauloises-Schachtel krame, sehe ich ein Schild mit der Aufschrift „Floor 1“ und einem Pfeil in Richtung der gegenüberliegenden Halle. Habe ich etwas verpasst? Es gibt also zwei Floors? Hat der Abend doch noch eine Chance? Mit meiner Zigarette im Mund trotte ich am Brauerei-Eingangstor vorbei über den Hof zum anderen Floor.

Als ich die Fetzen des Stoffvorhangs an der Tür zur Seite schiebe und in die Halle trete, kann ich meinen Augen nicht trauen: Auf Bierbänken tanzen Mittvierziger und strecken die Hände in die Luft zu „An Tagen wie diesen“. Daneben werden sonst unschuldige Hausfrauen zur Hobby-Shakira und grölen textsicher den Refrain von „Westerland“ mit.

An einer Wand der Halle erspähe ich auf der Bühne eine Coverband, hinter ihnen an der Wand hängt ihr Banner: „Eddy, Dietmar & Cita“. Ich komme mir vor, als wäre ich auf dem Cannstatter Wasen gelandet – pure Volksfestatmosphäre. An der Bar erfahre ich, dass der Bär hier schon seit 20 Uhr steppt.



Wer war da?

Während die Studentenparty auf dem anderen Floor eher den Umfang einer WG-Party hatte, ist hier die Halle prallgefüllt. Man trinkt Weißwein aus Wassergläsern und steht hüftekreisend um Stehtische. Um mich rum sehe ich bierbauchige Papas aus Breisach und Männer Anfang 50 mit Camp David-Polohemden. Die Frauen kaschieren ihre Speckröllchen gekonnt mit bunten Blusen von Esprit. Ich stelle fest, dass ich wahrscheinlich mit Abstand der jüngste bin, aber das ist dem Nightlife-Guru egal. Lieber mit den Alten abdancen als gelangweilt an der Bar an meinem „Freiburger“ zu nippen.

Auf dem Klo um halb 2

...finde ich über dem Pissoir eine Anzeige: „WG gesucht!“. Interessiert lese ich weiter: „Gebürtiger Freiburger sucht eine nette, aufgeschlossene und durstige WG zur Zwischenmiete für ein Semester! Wenn Ihr noch Platz im Kühlschrank und über ein Semester alle 14 Tage einen frischen Kasten Freiburger Pilsner als Mitbewohner haben möchtet, dann bewerbt euch…“. Schon leicht angeheitert halte ich das Angebot für keinen schlechten Deal und reiße mir einen der Schnipsel mit den Kontaktdaten ab.

Aufheiterle

Am Wurststand stelle ich fest, dass sich in meinem Geldbeutel anstatt der erhofften fünf Euro lediglich zwei Kassenbons befinden. Auch im Münzfach finde ich nichts. Da fragt mich einer der Ü60-Partyrentner: „Soll I dir ne Rote Wurscht ausgebe?“. Ich willige ein und zwei Minuten später habe ich einen Senffleck auf meinem neuen T-Shirt.



Aufregerle

Mädels, die auf der Studentenschlagerparty in der Gruppe im Kreis auf der Tanzfläche stehen, genervt auf ihre Handys starren und so tun als würden sie tanzen, obwohl sie nur leicht mit dem Fuß wippen.

Fazit

Ein verloren geglaubter Abend findet doch noch ein gelungenes Ende. Der Nightlife-Guru traut sich auf ungewohntes Terrain und mischt sich gekonnt unter das ältere Publikum. Für richtige Schlagerpartys sollte man aber lieber bei der gewohnten Schlagernacht im Karma mit Steve XLS bleiben.

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[Fotos: fudder]