Nightlife-Guru: Säule der Toleranz @ August

Nightlife-Guru

Die Säule der Toleranz ist dieser Tage das Aufregerle Nummer 2 in unserer beschaulichen Bildungsstreikstadt Freiburg. Bürgermeister Ulrich von Kirchbach hat die Säule gestern in Betrieb genommen und war sich währenddessen seiner Krawatte nicht sicher. Alles weitere hat unser Nightlife-Guru beobachtet.



Die Jungs an den Ausfallstraßen

Auch heute Abend ist der Augustinerplatz für Fußgänger und einen britischen Kfz-Fahrer frei zugänglich. Keine Gesichtskontrolle durch das "Infoteam".

Außeneinrichtung

Freiburgs zentraler Platz in der oberen Altstadt, August genannt, ist ein städtebauliches Juwel auf historischer Bausubstanz. Gesäumt von hohen, schmalen Häusern, dem ehemaligen Kloster und jetzt Museum, einem Kinderspielplatz und dem Terrassencafé, sucht er in Freiburg seinesgleichen.

Noch bis vor kurzer Zeit galt er als mustergültiges Beispiel für das vielbesungene südländische Leben im öffentlichen Raum. Denn der August lädt ein, vom Alltag abzutauchen, Augenblicke oder Stunden zu verweilen und zur Ruhe zu kommen. Braucht diese Institution etwa zusätzlichen Dekokram?



Wer war vor Ort?

Braungebrannt sitzt sie neben mir, Sina, das blonde Bachelor-Babe, Anglistik, viertes Semester. Sie träumt vielmehr vom vergangenen Wochenende, als dass sie an die Pflichtlektüre und das Referat für Donnerstag zu denken vermag. Snowboardfahren auf einem Gletscher in den französischen Alpen liegt ihr näher als die Figurenkonzeption bei William Faulkner.

Neben ihr sitzt Frederik, seines Zeichens Alt-Linker und Demo-Tourist. Noch immer nicht ist er über den Baden-Badener G8-Gipfel hinweggekommen und die Tatsache, dass ihm dort ein Platz auf der Gästeliste verweigert wurde. „Schweine, ihr verdammten Schweine“, murmelt er vor sich hin.

Wen er damit meint, mag er mir nicht verraten. Auch zu später Stunde nicht, als er schon längst „kein Bock mehr auf das alles“ hat. Auf der Terrasse des Cafés am Augustinerplatz haben sich ein paar Männer und Frauen mittleren Alters versammelt. Sie stehen in kleinen Grüppchen beisammen, genießen ihr goldgelbes Pils und unterhalten sich über das Reiseziel für die Sommerfrische. Das rote Meer.

So ist der Augustinerplatz frühlingshaft bunt bevölkert, wie an jedem anderen (Früh-)Sommerabend auch. Den anarchistischen, linken Mob, der mir versprochen wurde, suche ich hingegen vergeblich.

Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Ein paar Jugendliche bekleben Freiburgs neue Hauptattraktion, die Säule der Toleranz, mit Aufklebern, deren Aufdrucke sich für „Marx neu entdecken“ oder für die Abschaffung der Studiengebühren aussprechen. Enttäuscht wende ich mich ab. Freiburgs Sticker-Kultur ist so vielfältig, und hier werden ewiggestrige Slogans zum wiederholten Mal breitgetreten. Langweilig!



Wenig später wird Bürgermeister Ulrich von Kirchbach bedeutungsschwere Worte in die Mikrophone und den Nachthimmel sprechen. „Sie wird gut aufgenommen.“ Gemeint ist damit natürlich die Stele, die den Konflikt zwischen Augustinerplatzhockern und Anwohnern befrieden soll. Wie recht er doch hat, denn vor ihr hat heute Abend kaum einer Berührungsängste.

Ansonsten ist alles ruhig und das Kunstobjekt im öffentlichen Raum steht etwas vereinsamt da, in allen Regenbogenfarben schillernd. Der Soundtrack dieser Stunde? Frommes Murmeln, dumpfes Raunen, vereinzelt kurze Lacher, hier ein weinendes Kind, da ein bellender Hund, lediglich unterbrochen vom Klackern hoher Absätze auf dem Kopfsteinpflaster.



Plötzlich passiert etwas. „Du Schwein!“ Aufgebracht und möglicherweise vom Alkohol etwas enthemmt, eilt ein junger Mann auf den Bürgermeister von Kirchbach zu. Der junge Mann benennt ihn mit einer Reihe weiterer Begriffe aus dem Tierreich, akustisch nur schwer verständlich. Von Kirchbach ist auf diese Begebenheit kaum vorbereitet und sichtlich bemüht, die Fassung zu bewahren.

Auch Deeskalationstechniken scheint er nicht zu kennen, denn der junge Mann geht verbal weiter auf ihn los. Diesem jungen Mann ist, abgesehen vom inakzeptablen Tonfall, jedoch in einem Punkt Recht zu geben, so sehr seine Aktion auch zu einer Lagerspaltung führen mag: „Wo bleibt die Bürgernähe? Sprich' doch mit uns und nicht in die Kamera!“



Auch ich frage mich, weshalb sich von Kirchbachs Auftritt lediglich an ein paar handverlesene Gäste richtet und nicht an diejenigen, die den Augustinerplatz als sozialen Treffpunkt nahezu täglich nutzen. Hier ist die kommunale Informations- und Kommunikationspolitik und insbesondere das Auftreten ihrer Vertreter in der Öffentlichkeit nur wenig überzeugend.

Mittlerweile hat die „Säule der Toleranz“ die Regenbogenfarben abgelegt und ihr Farbspiel, den Wechsel von Grün zu Rot, begonnen. 23 Uhr. Mit tosendem Applaus, Buh-Rufen und Gelächter wird die nun anbrechende Zeit der Ruhe und Besinnung willkommen geheißen. Das rote Licht vermittelt Wärme, Unbeschwertheit und Frohsinn. Jetzt Musik, denke ich, und der öffentliche Raum würde zusätzlich an Leichtigkeit und Dynamik gewinnen.

Catering & Getränkekarte

Jeder bringt mit, was er selbst verzehren möchte. Wer auf dem Trockenen sitzt, braucht jedoch nicht allzu lange warten. Er wird von Freiburgs fahrender Institution freundlich bedient.

Aufregerle

Irgendwann erscheint doch noch die Polizei. Wer sie gerufen hat und aus welchem Grund, muss hier nicht diskutiert werden. Auch nicht, dass die Polizei Maßnahmen zur Personenfeststellung trifft. Momentan prüft sie noch, ob die Tatbestände der Nötigung, der Sachbeschädigung und der Beleidigung erfüllt wurden. In Gewahrsam genommen wurde niemand. Abzuwarten bleibt, ob von Kirchbach Anzeige erstatten wird.

Was mich jedoch regelmäßig verwundert, ist, dass die Beamten die Personalausweise über einen so langen Zeitraum bei sich behalten. Personalien sind schneller aufgenommen.



Aufheiterle

Kaum, dass die Polizei den Augustinerplatz betritt, legen sich ein paar Jugendliche mit auf dem Rücken verschränkten Armen auf das Kopfsteinpflaster. Stiller Protest oder geniale Ad-hoc-Performance? Ich weiß es nicht. Doch muss ich herzhaft lachen.

Fazit

Der „August“ ist und bleibt mein liebster Platz in Freiburgs Innenstadt, um sich im Sommer unter freiem Himmel aufzuhalten. Das rote Licht kann die familiäre und gemütliche Atmosphäre nur befördern. Der Stadt sei für dieses Geschenk nur gedankt.

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