Nightlife-Guru: rootdowntown im Theater

Nightlife-Guru

Party-Overkill in Freiburg – das gibt es auch nicht alle Tage. Unser Nightlife-Guru musste seine Glieder ganz schön strecken, ja verdoppeln und vervielfältigen, um sich die Highlights nicht entgehen zu lassen. Als eines derer entpuppte sich das Gastspiel von Kruder und Trüby im Stadttheater am Samstag.



(Die Jungs) An der Tür

… sind Malte plus ein Boy und ein Girl, allesamt sehr freundlich. Theater halt. Höflich grüßen sie, weisen auf den zweiten Eingang für die mit dem Stempel-zum-Tempel-Gezeichneten hin und kassieren selbst nach 23 Uhr noch den günstigeren Tarif von sieben Euro.

Als mir später ein Filter zu Boden kullert, zückt einer der versierten An-der-Tür-Steher pfeilschnell seine Taschenlampe und leuchtet das nächtliche Pflaster aus.

Note 1.

Inneneinrichtung & Deko

rootdown ruckelt stadtwärts und mutiert zum rootdowntown - die Abschlussparty zu den Baden-Württembergischen Theatertagen. Um es kurz zu machen: Hammer-Location! „Bühnenhaus“ steht auf der Tür, die in die heiligen Hallen des Theaters und des Abends führt: Bühne = Bühne.

Auf der einen Seite prangt eine riesige Leinwand, gegenüber lässt der samtrote Zuschauerraum des Großen Hauses tief blicken. Großartig! Nur eine durchgehende Sitzbank trennt den Zuschauerraum von der Tanzfläche. Und eigentlich ist alles im quadratischen Geviert der Bühne Tanzfläche.



Eine meterfeiste Discokugel in etwa zehn Meter Höhe rotiert mal sanft schimmernd, mal kräftig Licht sprenkelnd im Saal. Überhaupt, die Höhe! Ich weiß nicht, ob es 20 oder 30 Meter sind – der kathedralenartige Blick in die Höhe, wo lauter Kulissen hängen, ist atemberaubend. Die Bühnentechnik „schmückt“ den Saal auf angenehme Weise, ich aale mich in Erinnerungen an umgebaute Industriedenkmäler im Pott.

Ich, neben mir stehend, muss gestehen: Unser dröger und träger Nightlife-Guru, der ja eigentlich schon alles im Leben gesehen hat, kriegt den Mund vor Staunen nicht zu. Und nicht nur ihm geht es so.



Wer war da?

Fast alle. Primär Twentysomethings, sekundär Thirtysomethings – vom jungen Girlie über die hüftschwingende Abhottbraut – immer in Lauerstellung – bis hin zur mähnenwerfenden Blondine im weißen Unterhemd, Trägerin des schwarzen Gürtels. Vertreter des schwachen, also männlichen Geschlechts in jeglicher Preis- und Altersklasse, tätowierte Jungs aus Stuttgart (ohne Frisur), die „geschäftlich hier“ sind, viele Franzosen und Fotografen. Aber auch gehobene Altersklassen einschließlich des 50ers mit Bandscheibenvorfall. Und: fast nur Tänzer!



Klangwaren-TÜV & Partyatmosphäre

Deepe House-Beats von Trüby und Kruder himself. Auch wenn Peter Kruders Promofoto schon seit dem großen Wurf der K&D-Sessions von 1998 immer das gleiche zu sein scheint: Man erkennt ihn wieder. Obendrein ist er im Breisgau ja kein Unbekannter. Flott legt die Party einen Zahn zu, schnell füllt sich der Saal, und gegen Mitternacht – verglichen mit anderen Veranstaltungen erstaunlich früh – ist die Party schon gut besucht.

Kruders Set enthält auch chillige Momente, hat sich insgesamt aber sperrangelweit vom Downbeat der Wiener Schule entfernt. Der Meute gefällt’s, oh yes: Die Crowd pulsiert in einem fort, ganz dem Rhythmus hingegeben.

Eine Frau neben mir ist entgeistert, enttäuscht, ja persönlich gekränkt: Das ist Handtaschen-Techno!, entfährt es ihr. Und rennt allen Ernstes raus, ins Freie – und weint tatsächlich.



Draußen chillt die Trüby-Posse nikotinschwanger und schwabenlanddetailverliebt vor sich hin. Rainer, geh du rein, du kannsch es besser, raunt ihm eine Freundin zu.

Bruder Kruder bastelt weiter an seinem House-Set, streut ein paar Minimal-Anleihen und leicht trancige Einschläge ein. Fast alle tanzen, 90 Prozent der Leute bewegen sich rhythmisch zur Musik, nur am Rand tummeln sich ein paar licht- und bewegungsscheue Nachtschattengewächse.



Catering & Getränke

Das Pils wandert für 2,50 über den Tresen, 0,1l gegorener Rebensaft kosten 2 Euro und die Weinschorle – 0,2l – ist ebenfalls für schlappe zwo Euro zu haben. Das Viertele Taureau Rouge, der rote Bulle mit dem Flügel-Verleih also, kommt auf 3 Euro. Wer’s lieber alkfrei und trotzdem quietschbunt mag, bekommt zum selben Preis ’ne Bionade (0,33l). Die Essenskarte beschränkt sich auf Ein-Euro-Brezel und Anderthalb-Euro-Butterbrezel. Top-Kulisse, super Service – und faire Preisgestaltung obendrein.

Auf dem Klo (um halb drei)

Ja, hier ist kurzes Warten und Innehalten angesagt. Alle acht Pissoirs dienen ihrer Bestimmung, und auch die drei vollwertigen Bratzbuden sind restlos ausgebucht. Weder Harn noch Mensch sind ungehalten, die Stimmung ist friedlich. Hat man so was in den letzten Jahren schon mal erlebt?

Aufregerle

Keines. Oder sollte man sich deswegen aufregen?



Aufheiterle

Dialog vorm Theater. Ein Hut- und Brillenträger, Vertreter des selbst interpretierten Urban Lifestyle, nennen wir ihn Urban, fragt Trüby:
Sag mal, wie heißt der Typ, der auflegt? Kruder oder Dorfmeister?
Trüby: Des is der Kruder.
Urban: Und du?
Trüby: Ich bin der Trüby.
Urban: Ja, und wie heißt ihr?
Trüby: Kruder und Trüby.
Urban (begeistert): Kruder und Trüby – des klingt gut. Vor allem für ’nen Schwaben.

Abrechnung
Kulisse und Bühne einmal wörtlich genommen – eine 1A-Location mitten in der Stadt! Magnetische Musik, die auch notorische Nichttänzer konvertiert. Eine fabelhafte Nacht! Bitte mehr davon!

Fotos: Maurice Korbel und Nightlife-Guru

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