Nightlife-Guru: Robag Wruhme in Schmitz Katze

Nightlife-Guru

Auf Robag Wruhme können Spex-Abonennten genauso gut tanzen wie der Tobi vom Tuniberg. Diese gesellschaftlich interessante Mischung und das Gerücht, in Schmitz Katze stehe eine Funktion One-Anlage, veranlassten den Nightlife-Guru, am Samstagabend trotz Regen und Wind in dem Freiburger Club vorbeizuschauen. Was er dort erlebt hat:



Die Jungs an der Tür

Gästeliste, Freundesliste, Freundevonfreundesliste, wer steht wo und mit wievielen Leuten drauf? Plus eins, plus zwei, plus vier - oder gar nicht? Das Mädel an der Kasse wühlt sich durch eine enorme Papierflut, gleicht genannte Namen mit ihrer Liste ab und prüft den einen oder anderen Ausweis.

Das macht auch ihre Kollegin, wenn sie sich beim Alter der Gäste unsicher ist. Mit Menschenkenntnis und gutem Einschätzungsvermögen hat sie's jedoch nicht. Von einigen Frauen, alles Anfangdreißigerinnen, verlangt sie den Personalausweis oder sonst ein Dokument, das Aufschluss über das Alter gibt.

 

Inneneinrichtung und Deko

 
Herbstblüher wie Chrysanthemen und Astern stehen in Tontöpfen. Ausgesamter Thymian wächst aus Steinfugen. Lichterketten schimmern und flackern in rot-blau-grünen Farben. "Voll schön, fast wie in Berlin", sagt ein Kerl zu seiner Freundin. Sie setzen sich auf eines der Sofas im Außenbereich von Schmitz Katze. Er erklärt ihr die Club- und Feierwelt Berlins, wie toll die sei, wie sehr Freiburg aufgeholt habe, blabla. Solche Vergleiche und eine damit einhergehende kompensatorische Selbstwerterhöhung nerven. Berlin ist Berlin. Freiburg ist Freiburg.

Bar, Bar-Floor und Auditorium habe ich in diesem Jahr schon bei Marek Hemman, Karocel und den Bunten Bummler und zahlreichen Besuchen 2012 ausreichend beschrieben. Da hat sich seither nicht so viel getan. Über der Bar hängen jetzt zusätzlich Ketten aus Perlmuttplättchen, solche, die meine Cousine, Studentin der Neueren Deutschen Literatur, Rhetorik und Kunstgeschichte, gerne als Ohrschmuck trägt. Von der Decke des Auditoriums hängen Lamettafäden herab, solche, mit denen meine Omma, Jahrgang 1924, ihre Wohnung für Weihnachten herrichtet.

 

Wer war da?

 
Auf ein Set von Robag Wruhme können Spex-Abonennten, die House und Techno gerne das Bourdieu'sche Theoriegebäude überstülpen, genauso gut tanzen wie der Tobi vom Tuniberg. Entsprechend groß ist die Bandbreite der Gäste. Sie geht von ebensolchen Tobis mit absonderlichen Gel- und Ausrasierfrisuren bis zum Frauentyp Myra.

Myra kommt aus Düsseldorf, eigentlich aus Neuss, ist in Freiburg in Germanistik und Kunstgeschichte eingeschrieben und sieht mit ihrer trutschigen Fusselpony-Frisur und der Lodenjacke schon sehr nach Spex aus. Habe ich schon erwähnt, dass sie Ohrschmuck aus Perlmuttplättchen trägt?

Hinter ihr stehen Jungs, die durch die harte Techno-Schule im Stinnes gegangen sind, den Fuß stets bereit zum Shuffle-Ausfallschritt. Und in einer schummerigen Ecke stehen ein paar Musiknerds. Sie stecken die Köpfe zusammen, blicken auf ihre Smartphones und shazamen das Set von Robag Wruhme.



Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

 
Auf einmal zucken diese Nerds zusammen. Warme Synth-Pads erfüllen das Auditorium. "Das Stück ist doch aus der RWE-Werbung", sagt meine Begleitung. Ist es auch. Wruhme spielt Paul Kalkbrenners Überhit "Sky & Sand". Doch statt der Stimme seines Bruders Fritz erklingen die ersten Zeilen des House-Evangeliums: "In the beginning, there was Jack, and Jack had a groove..." Das Fundament der House-Musik und ihren kommerziellen Auswuchs kann, darf nur ein Robag Wruhme vermählen. Barnts "Geffen" bringt er mit Roland Clarks "Speak To Me / I Get Deep" zusammen. Auf Stücke mit metallisch harten Snares und Rumpelbässen folgen Songs aus dem Kölner Pop-Techno-Universum. Mal dreht der Jenaer den Bass ganz raus, strapaziert an den Equalizern die Höhen und Mitten. Dann wieder verfremdet er die Basslines mit großzügigem Einsatz von Flanger und Delay. Das mag die Crowd. Sie pfeift, schreit, stampft. Je älter Wruhme wird, je länger er auflegt, desto besser wird er.

Ach ja, bevor ich's vergesse: Der Abend mit Robag Wruhme war wohl der erste, an dem in einem Freiburger Club eine Anlage aufgebaut war, die den Namen Soundsystem zu Recht tragen darf. In Schmitz Katze stand eine PA des britischen Herstellers Funktion One. Endlich mal Bassdruck, endlich mal klare Höhen und Mitten in Freiburg.

   

An der Bar

   
Bier, Cola, Gin Tonic, Joster, Jägermeister, das Übliche.

   

Auf dem Klo um halb vier

   
Ich habe den ganzen Tag über schon sehr viel getrunken, schon vormittags mit Sekt und Neuen Süßen angefangen. Zwischendurch gab es auch mal Wasser und Kaffee, doch abends noch mehr Bier, Wein, Sekt, Gin Tonic und Wasser. Dass man dann auch mal etwas länger muss, versteht sich ja von selbst.

Ich gehe also auf das Klo. Ich stehe zwanzig, dreißig Sekunden am Urinal. Da geht die Tür auf, ein Mitarbeiter der Security kommt rein und fragt, was ich so lange auf dem Klo mache. "Liebe", flüstere ich. "Liebe". Vielleicht versteht er mich, denn er schaut ziemlich böse drein.

   

Aufregerle

   
Jungs und Mädels laufen rein ins Auditorium, raus aus dem Auditorium. Sie laufen die Treppen zum Barfloor hoch und wieder runter und wuseln von einer Ecke des Clubs zur anderen. Sie nehmen weder Wruhmes Set noch das von Seven Saki und Eiskaltes Händchen, die auf dem Barfloor spielen, länger als zwanzig Minuten mit. Das Rumgelaufe, diese ADHS-artige Unruhe nervt. Tanzt, Leute, tanzt!

   

Aufheiterle

   
Die Funktion One ist nicht nur ein Aufheiterle. Ihr Klang macht mich high. Da braucht's auch kein MDMA.

   

Fazit

   
Robag Wruhme als Disc Jockey ist eine Bank, war er schon zu den Wighnomy Brothers-Zeiten. Das F1-Soundsystem ist ein Traum. Wer jedoch schon einmal über den Freiburger Clubtellerrand hinaus geblickt hat, weiß: Freiburg war und ist in Sachen PA immer noch Entwicklungsland. Was hier als neu und einzigartig gefeiert wird, ist vielerorts schon längst Standard. Umso schöner, wenn dennoch allmählich ein Verständnis für guten Klang aufkommt.

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