Nightlife Guru: Ricardo Villalobos im D.O.G.

Nightlife-Guru

Ricardo Villalobos. Der deutsch-chilenische Marathon-DJ und Produzent steht wie kein Zweiter als Synonym für minimalen Techno und die Afterhour-Clubkultur. Aus Anlass des Sunset Festivals beehrte er erneut das Universal D.O.G. Grund genug für den fudder-Nightlifeguru, sich auf den Planet Rave zu begeben.



(Die Jungs) An der Tür

Das Universal D.O.G. ist kein kleiner, intimer Kellerclub, sondern ein Ort für Großevents. Der einzelne Besucher wird sehr schnell wie eine Abfertigungsnummer behandelt. So sprechen die Türsteher heute Abend auch eine deutliche Sprache.

Kühl geht es zu, fast unfreundlich. Die 16 Euro an der Abendkasse scheinen für nur einen Headliner zunächst etwas überzogen. Doch ist Ricardo Villalobos ein Ausnahmekünstler, für den auch einmal etwas tiefer in die Tasche gegriffen werden darf.

Inneneinrichtung / Deko

Das DOG dürfte den meisten regionalen Nachtschwärmern bekannt sein. Der Garten, im Winter Chillout-Zone im wahrsten Wortsinn, wird aufgrund des Rauchverbots von vielen Nachtschwärmern stark frequentiert. Hingucker in der großen Halle ist ein quadratischer Stahlkäfig, der drohend über der Tanzfläche hängt. Wer darin jedoch eine Wildkatze erwartet, die sich tierisch benimmt, wird enttäuscht. Der Käfig bleibt die ganze Nacht über leer und unbenutzt.



Wer war da?

Ein schwer süßlicher, fast schon schwülstiger Duft strömt mir entgegen. Nicht Purple Haze oder Orange Bud, sondern Oriental Dream und Vanilla Musk. Die vielen Mädels, die diesen Geruch verbreiten, tragen ihr Haar bevorzugt wasserstoffblond, den Mini-Rock sehr knapp, und das Top bauchfrei, damit ihr Bauchnabeltattoo, der Stern von Vergina, von jedem bewundert wird.

Sie zählen sich zum harten Kern der Universal-Dogger, sind jedes Wochenende hier am Start und jährlich an der Street Parade in Zürich. Wer ihnen heute Abend einheizen wird, ist ihnen egal. „Ricardo wer? Den kenn’ ich nit.“

Neben diesen unbedarften Partymäusen finden sich ein: busweise Franzosen, ein Villalobos-Nerd, der ihn in diesem Jahr bereits zwei Mal in London und auf Ibiza gehört hat, sowie nicht gerade wenige Partyleichen und Techno-Diven gesetzeren Alters. Unter den Jungs suche ich vergeblich nach Trägern eines Minimal-Schals. Dieses modische Accessoire konnte sich im Südwesten Deutschlands wohl noch nicht durchsetzen.



Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

„Jasses! Da kannsch eifach nit tanze.“ Zwei muskelbepackte Mittdreißiger, beide mit einem schwarzen Netzshirt bekleidet, verlassen die grosse Halle. „Der söll härter spiele“, höre ich sie wutentbrannt in die kalte Nachtluft schnauben. Auslöser ihres Unmuts? Soeben hat Ricardo Villalobos, der Main Act der heutigen Partynacht, das Zepter an den Plattentellern übernommen. Er drosselt das Tempo und lässt das dröhnende Bassgewitter, mit dem sich der Warmup-DJ Sascha Ciccopiedi verabschiedet, abklingen.

Minutenlang erfüllt den Raum nun eine ferne Stimme. Zaghaft wagen sich druckvoll reduzierte Beats aus den Lautsprechern und erst nach einer Weile bringt Ricardo Villalobos den Bass zu seinem – bisher – unveröffentlichten Remix eines lateinamerikanischen Klassikers. G.D.B.D. von Rubén Blades.

Harte, treibende Beats, lateinamerikanische Perkussionselemente, Gitarren- und Bläserfragmente; Leidenschaft, Temperament, Sehnsucht und Melancholie, das ist, wofür Ricardo Villalobos und seine Musik steht. Klar, dass das den ewiggestrigen Schranznasen nicht gefällt.



Zeit für einen Raumwechsel. Beats pluckern wie Regentropfen. Hier ein dubbiger Hall, da ein Zischen, dort ein Zirpen. Ich bin im Klick-Klack-Club, im ehemaligen Mantis. Der Sound der TR-909 und ein paar wenige Effekte, mehr gibt’s hier nicht zu hören. Zu sehen ist Kat-ja, eine DJane aus Stuttgart, deren Aufgelegtes mich stark an Richie Hawtins M_nus-Label erinnert.

Sie schiebt die Tracks auf den virtuellen Decks ihres Mac Books hin und her, und ab und an schraubt ein Bass-Sklave für sie an den Reglern. So kann jeder auflegen.

Dies bleibt von der Crowd unbemerkt, der allgemeinen Stimmung tut dies keinen Abbruch. Die Leiber zucken, und ich gehe erst einmal in den Garten. Dort ist nichts los, nur die Raucher haben sich eingefunden, um ihrem Laster zu frönen.



Zurück auf den großen Floor. Gerade zur rechten Zeit. Ein einfacher House-Beat, Delays & Dubs, der dunkle und warme Klang von Waldhörnern. Ricardo Villalobos blendet ein in seine eigene Produktion Fizheuer Zieheuer (Video live aus dem DOG!), die wie keine zweite für die Techno- und Afterhour-Kultur der Naughties steht.

In diesen mäandrierenden und hypnotisierenden Sounds geht die Crowd auf. Es sind Momente, von denen man sich wünscht, sie würden Stunden dauern. So geht kaum merklich Licht an. Ricardo verabschiedet sich, ganz Charmeur und Latinlover, mit Kusshändchen und übergibt nach fast viereinhalb Stunden an den nächsten DJ. Auch für mich wird es Zeit, nach Hause zu gehen.

Catering / Getränkekarte

Das Verlangen nach Trinkbarem kann an unendliche vielen Bars gestillt werden. Ein normales Mineralwaser, Apollinaris (0,2 l), ist mit zwei Euro zu veranschlagen. Longdrinks werden mit drei Euro verbucht. Das hört sich günstig an, ist es auch, aber dementsprechend schmecken die Flüssigkeiten. Alkohol-Promillegrenzen können hier nicht ausgelotet werden.

Zum Ausgleich der beim Tanz verbrannten Kalorien werden an den Cateringständen Pizza und Grillwurst angeboten. Der Mann hinterm Grill hat heute den Titel „Mitarbeiter des Abends“ verdient. So freundlich und aufmerksam wie er war sonst keiner.



Auf dem Klo um halb vier…

Ich dachte immer, dass Techno-Jünger nach dem Prinzip Love, Peace & Happiness leben. Dieses ist zumindest auf dem Klo des Universal D.O.G. abhanden gekommen. Konflikte oder Unstimmigkeiten werden lautstark und teils handgreiflich gelöst. Das Aggressionspotential unter den Jugendlichen ist leicht erhöht.

Aufregerle

Genauso bei der Security. Ihre Neigung, Konflikten mit Körperkraft zu begegnen, kann sie nur schwer zurückhalten. Für Raucher auf der Tanzfläche hat sie eine messerschafte Wahrnehmung. Diesen tritt sie teilweise mit harten Beleidigungen und groben Beschimpfungen gegenüber. Keinen Blick übrig hat sie jedoch, wenn ein Partygänger benommen in sich zusammensinkt oder mit wächsernem Teint in einer Ecke liegt.

Aufheiterle

Im Eingangsbereich, unmittelbar nach der Kasse und der Garderobe, kann sich der Besucher des Universal D.O.G. an mehreren Tischfußballkästen zerstreuen. Bälle dazu gibt es jedoch keine. Ich werde von zwei Algeriern zum Spiel aufgefordert. Gespielt wird mit einem zur Kugel zerknüllten Flyer. Der Einsatz ist ein Bier an der Bar. Ich gewinne. Auch die Revanche und nehme lachend zwei Bier entgegen.

Fazit

Für’s nächste Mal wünsche ich mir besser geschultes Sicherheitspersonal, verständnisvolleres Publikum und Ricardo Villalobos all night long.