Nightlife-Guru: Redshape im Drifter's

Nightlife-Guru

Wenn Redshape hinter die Plattentellern tritt, trägt er eine rote Maske, die sein Gesicht verbirgt. Aber nicht nur wegen des Boheis um seine Identität eilen Menschen in die Clubs, in denen er seine Musik macht: dieser Mann schraubt live hochklassigen Techno. Am Freitag war Redshape im Drifter's. Klar, dass unser Nightlife-Guru ebenfalls am Start war.

 

Die Jungs an der Tür...

...und die Mädels an der Garderobe haben an jenem Freitag alle Hände voll zu tun. Der Andrang auf das Drifter’s ist enorm. Zu vorgerückter Stunde müssen Besucher sogar auf Einlass warten. Der Stauraum der Garderobe quillt über vor Jacken, Mäntel und Schals. Das Interesse an der Musik desUnbekannten mit der roten Maske scheint auch in Freiburg groß zu sein. Oder hat doch der Geheimniskult um seine Person das Feuer der Neugier geschürt?

Inneneinrichtung und Deko

Venezianische Masken und Gesichtslarven im Kabuki-Stil hängen von der Decke herab. Die Wände sind mit bordeauxrotem, puffigem Samt bekleidet. Beamer werfen Bilder mit lasziv-erotischen Inhalten an aufgespannte Leinwände. Hier hat sich ein Raumausstatter ausgetobt und seiner Fantasie freien Lauf gelassen. Das Drifter’s ist kaum wieder zu erkennen. Ist es doch. Drifter’s bleibt Drifter’s. Ohne seine raue Garagenatmosphäre kann man sich diesen Club nicht mehr vorstellen.

Wer war am Start?

Gleichgesinnte Musik-Heads, House- sowie Technoliebhaber, laufen im Drifter’s ein, kaum dass der Club seine Schiebetür geöffnet hat. Man erkennt sie zum einen an ihrem äußeren Erscheinungsbild.

Resistent gegen sämtliche Hipster-Trends tragen sie mit dem Stolz der Wissenden irgendein Kleidungsstück - Pullover, T-Shirt oder Mütze -, welches das Logo oder den Schriftzug eines Labels oder den Namen eines Produzenten ziert. Zum anderen tauchen sie entweder alleine oder in kleinen Gruppen von höchstens drei Mitgliedern auf. Sie positionieren sich vornehmlich in der Nähe der Plattenspieler, halten aber ehrfurchtsvoll Abstand zu den DJs. Nie würden sie es wagen, diese mit Titelwünschen zu belästigen.  Letzteres machen am Freitagabend jedoch ein paar Clubber, die sich mit Sicherheit in der Tür geirrt haben. Sie drängeln sich durch die tanzende Menge, fordern lautstark ein schnelleres und härteres Spiel und suchen Verbündete in den umstehenden Gästen. Doch die eigene Langeweile ist kein legitimer Grund zum meckern. Schon gar nicht, wenn um sie herum der Tanzkessel brodelt. Nervige Quengelkinder!

Zwei Jahre Somebody Scream mit Redshape als Headliner lockt außerdem ungewöhnlich viel Nachtmacher-Prominenz an die Schnewlinstraße. Von Anfang an dabei ist ein Techno-Connaisseur aus dem Umfeld des White Rabbit. Chris Milla und Mandibula vertreten Sinnestäuschung. Ibiza hat mit Robert Heart und Acoma jeweils einen Beauftragten für House und einen für Techno geschickt. Diese erscheinen jedoch erst zu vorgerückter Stunde.



Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Schmetternde Snares und Bauchtritt-Bassdrums erfüllen den Raum. Redshape feuert einen harten, metallisch kalten Techno auf die Tanzenden ab und beschwört damit die gute alte Detroiter Schule, die in den frühen Neunziger Jahren Legenden wie Plastikman oder DBX hervorgebracht hat. Behutsam und ganz langsam mischt der Maskenmann flächige Synthesizerklänge darunter. Er bauscht sie allmählich auf und lässt sie wie Feuerwalzen über das Publikum hereinbrechen. Kein Bein bleibt mehr ruhig, keine Pore bleibt mehr trocken, Pfiffe durchschneiden die vom Schweiß feuchtwarm gewordene Luft. Doch Redshape kann auch anders.

Ganz zu Beginn seiner Performance hüllt er das Drifter’s in organische, melancholisch-schöne Harmonien ein. Man möchte dazu die Augen schließen und auf den psychedelischen Klangwolken schweben. Schön, dass auch das Publikum diesen stimmungsvollen, beatlosen Moment zu genießen weiß.

Für Musikgenießer sind auch die Sets der Somebody Scream-Residents. Kowski legt den musikalischen Grundstein des Abends mit tiefenentspanntem House. Auf diesem Sound baut Agent Schwiech mit düsteren, schwelgerischen House und Dubtechno-Tracks auf, um allmählich zu schroffen House-Techno-Hybriden überzuleiten. Überragend: Das schroffe, atmosphärische „The Planets“ von Aroy Dee. Shaddy rundete die Nacht mit hochenergetischer Bassmusik zwischen Techno und 2Step ab. Das verlangt nach einer Wiederholung.

Redshape live at Drifter's / Freiburg (01/13/12)

Quelle: YouTube
[youtube N6srObyuzew nolink]  

An der Bar

Auch an der Bar haben die Mädels alle Hände voll zu tun. Für einen kurzen Augenblick ist zu befürchten, der Getränkevorrat könnte zur Neige gehen. Doch das Lager ist gut bestückt.

Auf dem Klo um halb vier

Wer um halb vier Uhr morgens auf dem Klo ist, hat entweder eine schwache Blase oder feiert im Crash. Denn zu dieser Zeit dauert der Live Act von Redshape noch immer an – und da verlässt man den Club einfach nicht!

Aufregerle

Die einzige Aufregung hat mich schon im Vorfeld des Abends gepackt: Endlich Redshape in Freiburg.

Aufheiterle

Ein Kerl verlässt zeitgleich mit mir den Club. Sichtlich euphorisch-überdreht beginnt er, auf mich einzureden. Er scheint anhänglich und nähebedürftig zu sein, denn er besteht darauf, mich nach Hause zu begleiten. Unterwegs erzählt er mir seine Lebensgeschichte. Jedes Mal, wenn er gefühlssensible Ereignisse schildert, nimmt er mich in den Arm. Solche Begegnungen machen die Nacht so lebenswert.

Fazit

Zwei Jahre Somebody Scream war eine Nacht, die vor allem musikalisch auf höchstem Niveau stattfand. Wieder einmal hat sich bestätigt, wie wichtig ein gutes und gefühlvolles Warm Up-Set für den Verlauf einer Nacht ist. Und, was die Gäste betrifft: Schön, dass das Drifter’s auch einmal schon vor halb eins ganz gut besucht war, und das auch von Mädels. Bitte mehr von diesen Nächten!