Nightlife-Guru: Rap des Nibelungen

Nightlife-Guru

Der Ring des Nibelungen ist ein Mix aus Oper und HipHop, der zur Zeit im Theater Freiburg zu sehen ist. Inwiefern die Rapper Prinz Pi und Chefkoch mit ihrer Performance in dieser gewagten Inszenierung überzeugen, hat sich unser Nightlife-Guru etwas genauer angesehen.



 

(Die Jungs) An der Kasse

Ein Mann, eine Frau - ganz traditionell in Hemd und Hose. Keine Baggy Pants, keine grellen XXL-T-Shirts, keine Goldketten. Sie überreichen dem Nightlife Guru die Eintrittskarte mit einem freundlichen „Bitteschön.“ Auf ein „Yo, hier die Karte für das fette Spektakel“, wartet man vergebens.

Wer war am Start?

Beim ausverkauften HipHop-Theater sieht man HipHopper mit entsprechender Kleidung so gut wie keine. Nur einer kommt mit Kappe. Alle anderen sind zu Hause geblieben oder in zivil unterwegs. Die zahlreichen Schüler im Publikum drücken nicht nur den Altersdurchschnitt, sondern ziehen auch den Applausregler nach oben. Als der Vorhang aufgeht, schreien und klatschen sie euphorisch. Wahrscheinlich, um ihre Klassenkameraden und Freunde von der singenden und tanzenden Youth Crew anzufeuern. Doch nicht alle halten die zweieinhalb Stunden Raptheater durch. Eine halbe Stunde vor Schluss kommt Unruhe auf, da einige Schüler aufstehen und gehen.

Inneneinrichtung und Deko

Das Bühnendesign ist simpel. Auf der rechten Seite steht ein riesiges Gerüst mit mehreren Plateaus. Bei hellem Licht erinnert es an eine Baustelle. Bei Dunkelheit verwandeln es blaue Leuchtstäbe in ein Lichtgerüst. Schöner Effekt. Auf der linken Seite der Bühne steht eine kleine Hütte, deren Dach einige Schauspieler mehrmals besteigen, um zu singen, zu rappen und sogar zu tanzen.

Die vordere Wand der Hütte wird für eingespielte Videoprojektionen benutzt. Der Rest der Bühne ist frei - die Jugendlichen braucht den Platz für ihre Breakdance-Einlagen.

Links und rechts oberhalb der Bühne hängen zwei Bildschirme. Dort werden regelmäßig Bilder und Text gezeigt, die dem Zuschauer helfen sollen, die schwierige Handlung zu verstehen. Um Rückblicke zu erklären, wird „Rewind“ (zurückspulen) und „Fast Forward“ (vorspulen) eingeblendet. Die Idee ist gut, aber die Bildqualität lässt zu wünschen übrig. Teilweise kann man den Text nicht lesen, da er zu klein und zu unscharf ist. Da sind wir vom Public Viewing Besseres gewöhnt.



Die Rapper

Für das Theaterstück wurden zwei bekannte Berliner Rapper engagiert: Prinz Pi (ehemals Prinz Porno) und Chefkoch. Dass Ersterer als Siegfried beim Nibelungen-Rap mitmacht, ist keine große Überraschung. Auf seinem 2006 erschienenen Album Donnerwetter! hat er bereits mit einem Orchester gespielt und sich im Erzählen von mythischen Geschichten geübt.

Chefkoch ist hingegen eher bekannt für etwas härtere Texte, seine Rollenbesetzung als Hagen daher eine Überraschung. Als Rapper / Sänger tritt außerdem der mehr oder minder bekannte Rockmusiker Joachim Deutschland in Erscheinung, sowie einige weitere Schauspieler, die kurze Rapeinlagen haben.

Rap-Qualität

Prinz Pi und Chefkoch bringen ihre Texte gut rüber, rappen klar und verständlich. Die jahrelange Erfahrung merkt man ihnen an. Chefkoch ist in seiner Wortwahl recht unverblümt. Ausdrücke wie „Atze“, „Digger“ und „Alter“ kommen häufig. Und sogar das F-Wort nimmt er in den Mund: „Ey, ich hol mir den Ring, und dann seid ihr gefickt.“ Mit seiner stämmigen Statur, einer breiten Hose und einem schrägen Helm wirkt er authentisch. Seine Stimme ist sehr kräftig, ihm zuzuhören macht richtig Spaß.

Prinz Pi tut sich in seiner Rolle etwas schwerer. Seine teils poetischen Texte wirken manchmal schwerfällig und schwunglos. Sein Auftreten ist insgesamt weniger überzeugend als das von Chefkoch.

Vielleicht liegt das an seiner weniger coolen Kleidung (enges, ärmelloses Shirt, Stirnband, braune Hose, Wanderstiefel). Vielleicht liegt es aber auch an den vielen Duetten mit Brünnhilde, die nicht rappt, sondern Oper singt. Der Kontrast der beiden Stile ist gewöhnungsbedürftig. Das hohe Vibrato des Operngesangs kann auf Dauer anstrengend sein, wenn man kein großer Fan davon ist.

Joachim Deutschlands Auftritt ist insgesamt wenig berauschend. Beim Singen trifft er nicht immer die Töne und beim Rappen tut er sich schwer. Mit seinen langen Dreads bringt er zwar Exotik ins Stück, seine Performance ist aber ausbaufähig. Eine schlechte Note bekommen auch die Nicht-Profi-Rapper, die sich beim Rap des Nibelungen im Sprechgesang versuchen. Sie wirken bis auf ein paar Ausnahmen hastig und sind schwer zu verstehen. Einer der jungen Rapper wackelt so sehr mit dem Mikrofon, das nur die Hälfte seiner Raps beim Zuschauer ankommt. Dass da wochenlang geübt wurde, ist nicht immer zu sehen.

Das Experiment: Rap trifft Nibelungen

Die Aufführung des gesamten Wagner-Rings dauert normalerweise 18 Stunden. Das Werk wurde für den Rap des Nibelungen auf zweieinhalb Stunden gekürzt. Trotz ausführlicher Broschüre und trotz mittels Video eingespielter Hilfen kann man der Geschichte nur schwer folgen. Die Handlungsstränge sind komplex und die Opernsänger für ungeschulte Ohren schwer zu verstehen. Wer sich das Stück anschaut, sollte sich vorher in die Thematik einlesen.

Dafür ist die Bühnenshow mit zahlreichen Breakdance-Einlagen sehr abwechslungsreich und die musikalische Inszenierung richtig gut gelungen. Ein großes Orchester spielt die Musik von Richard Wagner, für die HipHop-Passagen mischt ein DJ das nötige Schlagzeug dazu. Die Übergänge von klassischer Musik zu HipHop sind teils abrupt, aber immer spannend. Gewöhnungsbedürftig ist vor allem die Abwechslung von Rap und Operngesang. Da treffen zwei Welten aufeinander, die nicht viel gemeinsam haben. Für die Ohren des Nighlife Guru wurde jedenfalls zu viel geträllert.



Aufregerle

Chefkoch verabschiedet sich vom Publikum mit einem ausgestreckten Mittelfinger. Das ist unverschämt. Sie klatschen ihm Beifall – er beleidigt sie. Alle Zuschauer, die mit einem negativen HipHop-Bild in die Veranstaltung gekommen sind, werden dieses wohl wieder mit nach Hause nehmen. Schade.

Aufheiterle

1. Die Kopfbedeckungen von Siegfried (Prinz Pi) und Hagen (Chefkoch) sind ulkig. Prinz Pi trägt manchmal eine silberne Kappe, die irgendwo zwischen Helm und Baseballkappe einzuordnen ist. Chefkochs Haupt ziert ein schräg sitzender Wikingerhelm. An den Spitzen der zwei angebrachten Hörner hängt ein blaues und ein gelbes undefinierbares Etwas.

2. Nach der Auffühung kommt es zu einer spontanen Zugabe der Breakdancer. Ausgelassen zeigen die jungen Akrobaten was sie drauf haben und lassen sich vom Publikum feiern. Nach über zwei Stunden schwerer Nibelungenkost ein lockeres, erfrischendes Ende.

Auf dem Klo in der Pause

Unaufgeregter Betrieb. Keine im Kreis stehenden Rapper, die sich zu einer Beatbox batteln, wie früher bei HipHop-Partys im Z.

Fazit

Schon nach einer halben Stunde fangen einige Zuschauer an, in ihren Programmheften zu blättern. Und viele Schüler verlassen den Saal vorzeitig. Begeisterung sieht anders aus. Doch phasenweise war das Stück mitreißend, insbesondere bei den gelungenen Tanzeinlagen der Youth Crew und den Raps von Prinz Pi und Chefkoch. HipHop ist theaterfähig – das wurde gezeigt.

Ob der Ring des Nibelungen dafür das richtige Werk ist, darf bezweifelt werden. Die Chance, mit Raptheater ein junges Publikum zu erreichen, ist groß; die Möglichkeit, es durch allzu komplexe Inhalte abzuschrecken, aber auch.

[Fotos: Maurice Korbel]

Nächste Vorstellung: Samstag, 17. Juli 2010, 20 Uhr, großes Haus

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