Nightlife-Guru: Pure Energie Bad Taste Sommer-Sause im Waldsee

Nightlife-Guru

Unser Nightlife-Guru war an diesem Wochenende ganz besonders fleißig: Gleich drei Veranstaltungen hat er für Euch dem Check unterzogen. Am Freitag war die Pure Energie Bad Taste-Party im Waldsee fällig. Wie unser Guru die absurden Outfits der Partygäste und den aus Berlin eingeflogenen Trash-Live-Act "The toten Crackhuren im Kofferraum" bewertet, lest ihr hier.



Die Jungs an der Tür

Ohne langes Anstehen wird mir gegen 5 Euro das Mahlzeichen schlechten Geschmacks aufgedrückt. „Fleischbeschau“ lautet der Orakelspruch – und noch lach’ ich über die blauen Buchstaben auf meinem Handgelenk. Außerdem lese ich den Warnhinweis: „Wer kotzt, der putzt.“ – Das geheime Motto der Party?

Einrichtung & Deko

Ein Bauzaun umgrenzt den Biergarten des Waldsees, so dass nur zahlende Gäste das Privileg haben, sich auf den giftgrünen IKEA-Plastiksesseln (Modell: „Kimme“) niederzulassen. Oder den mechanischen Bullen zu reiten, der für 50 Cent zum abendlichen Rodeo einlädt. Viele werden sich heute auf ewig in die Herzen ihrer Angebeteten schreiben. Und genauso viele sich den immerwährenden Spott ihrer Clique sichern.

Die Mischung aus Kindergeburtstag und mallorquinischer Sommersause wird drinnen konsequent weitergeführt: eine Hängematte, aufblasbare Delphine und Luftmatratzen treffen auf bunte Luftballons und selbstgebastelte Flower-Power-Applikationen.

An die Wand oberhalb der Bühne wird eine TV-Serie projiziert. Nein. Falsch. Nicht irgendeine. Sledge Hammer rennt im Elvis-Kostüm durch San Fransisco und redet auf seine 44’er Magnum („Susi“) ein! Trash in Reinkultur – der mir aber nicht so gut ins Konzept zu passen scheint wie etwa Miami Vice.



Wer war da?

Segelschuhe von Timberland, dunkle Tommy-Hilfiger-Jeans und hellblaues Ralph-Lauren-Hemd? Nein, heute wird schlechter Geschmack anders definiert, wobei man sich vor allem an den 80ern orientiert: Leggings, Bodys, Hawaii-Hemden und Fußballshorts.

Accessoires: Schweißbänder, Taucher-, Sonnen- und Nerdbrillen, Kinderrucksäcke, Krawatten, Fliegen, Flügel, Fühler, Fliegenklatschen und Leuchtstäbchen.

Farben: Neonorange, -grün, -gelb, Pink, Gold und Silber.

Muster: Tigerstreifen und Leopardenflecken.

Frisur: Oliba.

Unmöglich, diese Vielfalt an Formen und Farben zu beschreiben. Es ist ein bisschen wie zu Fasnet: Als geschmacklos gilt, in seinen Alltagsklamotten zu kommen. Die wenigen, die sich zu fein sind, modetechnisch Modern Talking nachzueifern, ernten einerseits schräge Blicke, andererseits aufrichtiges Mitleid.

Falls die Breisgaumetropole eine „Szene“ hat, ist sie heute Abend hier versammelt. Einige kenne ich aus der Jackson Pollock Bar, andere sind regelmäßig im Kamikaze.



Party-Atmosphäre & Live-Act

Gespielt werden – wer hätte es geahnt – Bravo Hits 1 bis 27. Müßig, Interpreten wie Rednex, Culture Beat oder Scatman John aufzuzählen. Was wir in den 90ern gehört haben, worauf wir im Hobbykeller zum 13. Geburtstag abgegangen sind – all das legt das Pure-Energie-DJ-Team heute Abend auf.

„Seid ihr noch da?“ fragt der Pornoladenerbe a.k.a. „Willston Shaven“ die am schlechtesten angezogene Crowd südwestlich von Frankfurt an der Oder. Wir sind noch da. Und tanzen uns unsere Jugend wieder herbei. Ein paar Mädels wagen sich an eine MTV-Choreographie, Jungs versuchen sich an Tanzschritten à la MC Hammer. Die Tanzfläche ist voll und das Partyvolk suhlt sich bis in die frühen Morgenstunden im lang vermissten Stroboskob.



Um 1:30 Uhr betritt der groß angekündigte Live-Act die Bühne: The Toten Crackhuren im Kofferraum. Sieben trashige 17jährige aus Berlin reimen „Mini Playback Show“ auf „Fi**en, Bu***en, Bl**en“ und finden sich dabei originell.

Anders das Publikum. Schnell verfliegt die anfängliche Neugierde und wird durch verständnisloses Kopfschütteln ersetzt. „Wir wollen den DJ hören!“ skandiert jemand – noch harmlos – aus dem Off. Nach einer dreiviertel Stunde ist’s endlich vorbei und war „so scheiße, dass es fast schon wieder geil war,“ wie der Vanilla-Ice-Verschnitt neben mir meint.

Aus Berlin-Zehlendorf zu kommen und sich auf Elektropopklängen über Harz-IV-Empfänger lustig zu machen, reicht halt nicht aus. Das können unsere Gundelfinger Mädels besser. Zum Glück erlaubt das gute Wetter die Flucht nach draußen.



Aufheiterle & Aufregerle  

Manchmal fällt es nicht leicht, zu entscheiden, ob etwas aufgeregt, oder ob es der Party ihre Besonderheit, ihre Würze verliehen hat. So zum Beispiel The Toten Crackhuren im Kofferraum. Oder auch der alte Flitzer, der den ganzen Abend über in seinem getigerten Stringtanga durch die Menge tanzt, um sich gegen zwei Uhr auch noch diesen Fetzen vom Körper zu reißen.

Da wird selbst ein Bad-Taste-Guerillero zum Spießer und dreht sich angewidert weg. Geschmacklos. Später – er ist wieder „angezogen“ – fragt er mich, ob ich mein T-Shirt für ihn ausziehen würde. Im Gegenzug würde er sich auch seines Höschens entledigen.

Kurz darauf schmeißen ihn die Sicherheitsmänner raus. Schade?


 

Fazit

Es lebe der Trash! Auch wenn die Bad-Taste-Partys sicherlich nicht das Neueste sind, verbreiten sie immer noch guuude Laune und fördern das Kreativpotenzial. Live-Acts können die Qualität einer Party steigern – können aber auch das Gegenteil bewirken. Die Pseudo-Schicksen aus Berlin sollten aber lieber weiterhin ihren Sommer auf dem Reiterhof verbringen.

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Pure Energie: MySpace

[Fotos: Bastian Wenz]