Nightlife-Guru: Prosumer im Drifter's

Nightlife-Guru

Vergangenen Freitag fand die erste Auflage von "Pure", einer neuen Veranstaltungsreihe im Drifter's statt. Zu Gast war der Berliner Berghain-Resident Prosumer. Klar, dass bei diesem illustren Besuch unser Nightlife-Guru mit von der Partie war.



(Die Jungs) An der Tür

Kaum habe ich die leicht ausgetretenen Stufen der Betontreppe zum Drifter’s überwunden, werde ich Zeuge einer Diskussion. Ein schlank gewachsener Mittzwanziger gibt den Türstehern zu verstehen, dass er am heutigen Abend auf der Gästeliste eines DJs stehe. Davon wollen die Bouncer jedoch nichts wissen. „Gästeliste gilt sowieso nur bis ein Uhr“, knurren sie ihn giftig durch die Zähne an und ziehen die Augen zu engen Sehschlitzen zusammen. „Entweder du zahlst oder du gehst nach Hause“, legen sie nach.

Hilfesuchend blickt er sich nach mir um. Doch mit viel mehr als einem mitfühlenden und verständnisvollen Blick sowie einem ratlosen Schulterzucken kann ich ihm nicht beistehen, höre auch ich zum ersten Mal, dass Gästelisteplätze einer zeitlichen Gültigkeitsbegrenzung unterliegen. Aber das Drifter’s ist für seine manchmal etwas eigenwillige Tür bekannt, und so hoffe ich, dass das Eintrittsgeld meines Vormannes wenigstens in die clubeigene Kasse und nicht in die Tasche der Bouncer wandert.

Inneneinrichtung und Deko

Vorbei an der linkerhand gelegenen, völlig überbelegten Garderobe, führt ein langer, schlauchartiger Gang in das Innere des Clubs. Hellviolettes Licht taucht die Gesichter der Nachtschwärmer auf dem Weg dorthin in eine schummrig-düstere Verfallsatmosphäre. So wirkt noch jeder alt und zerfeiert, selbst wenn er sich vor Antritt der Nacht einen Krafttankschlaf gegönnt hat.

Auch im Clubinneren weht ein leichter Wind des Verfalls. Die nackten Betonwände, der raue Boden sowie die schon etwas zersessenen Sitzmöbel vermitteln jedoch einen morbiden Hinterhofcharme, der vom anrüchigen Rotlichtschimmer zusätzlich unterstützt wird. Unangenehm, weil viel zu hell, stoßen am heutigen Abend die Visuals, Videoschnipselprojektionen auf zwei Wandbereichen, auf. Jünger der Dekadenz lieben die Dunkelheit.



Wer war da?

Wer nur im Schutze der anonymen Masse feiern kann und will, sollte das Drifter’s nicht vor halb zwei, zwei Uhr morgens aufsuchen, denn davor ist der Club lange Zeit nahezu menschenleer. Lediglich vereinzelt stehen oder sitzen kleine gemischt geschlechtliche Grüppchen an der Bar oder in den linsenförmig ausgeschnittenen, in der Wand eingelassenen Sitznischen und spülen die zurückliegende Arbeitswoche mit Bier und Kurzen den Fluss des Vergessens hinab. Brechend voll wird es auch in dieser Nacht erst zur Peaktime.

Da es unmöglich ist, die Crowd umfassend zu beschreiben, soll eine kleine Auswahl genügen.

An der Bar begegne ich Thomas, etwas über Vierzig, Alt-Raver. Seine Feier-Falten bekommt er auch mit Ayurveda-Ernährung, Öl- und Trockenbehandlungen nicht mehr weg. Oberkörper und Arme zieren zahlreiche Tätowierungen, „zu jeder Nature One ein neues“, wie er sich lachend selbst auf den Arm nimmt. Vor einigen Jahren überlegte er ernsthaft, etwas kürzer zu treten und sich eine feste Freundin zuzulegen. Doch nach einem halben Jahr Rave-Entzug beendete er seine Beziehung und kehrte reumütig in den Kreis der Nachtschwärmer zurück.

Hier hat er vor einigen Wochen Jenny kennen gelernt. Asymmetrische Ponysträhnen fallen ihr leicht ins Gesicht, die hautenge Jeans sitzt perfekt an ihrem durchtrainierten Körper, der bis in die frühen Morgenstunden auf der Tanzfläche von bewundernden Blicken gestreichelt wird. Diese beiden werden kontrastiert von einem jungen Mann, der seine Arme und Beine in exaltierten Bewegungen vom Körper abspreizt und immer ein wenig hysterisch schreit.

Er kann hier jedoch genauso unbehelligt feiern wie die Musik-Nerds, die bei jeder neu eingespielten Platte die Köpfe zusammenstecken und das Stück gemeinsam erörtern, ist doch das Drifter’s mittlerweile einer der wenigen Freizeiträume für die verschiedensten Subkulturen in Freiburg.

Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Ein pumpender Four-to-the-Floor-Beat gepaart mit einer Hammond Orgel-Melodie sowie einer predigergleichen Stimme wummern aus den Boxen. Der Freiburger DJ Kowski, der am heutigen Abend gemeinsam mit dem DJ-Haudegen Bertram das Warm-Up bestreitet, blendet ein in „Foundation“ von Hunee.

Vier Partymäuschen tanzen dazu mit raumgreifenden, hüftbetonten Schritten, sprechen einige Primärreize an und locken somit auch die ersten Jungs auf die Tanzfläche. „Viel zu schnell spielen die beiden diesen Song“ spricht mich, der ich noch etwas abseits stehe, ein kauzig-bärtiger Kerl an. Er schüttelt den Kopf, klopft eine Zigarette aus der Schachtel, steckt sie in Brand und wiederholt, dichten Rauch ausstoßend, seine Worte.

Kowski und Bertram halten von Anfang an das Tempo beachtlich hoch. Nur sehr wenige können sich der Sogwirkung ihrer Plattenauswahl entziehen. In der Zwischenzeit ist auch Achim „Prosumer“ Brandenburg im Drifter’s eingetroffen.

Der DJ und Produzent aus Berlin hat im vergangenen Jahr mit „Serenity“ ein Künstleralbum voller rauer, kraftstrotzender House-Perlen abgeliefert. Live präsentiert er an diesem Abend eine energiegeladene Mischung aus klassischem Chicago-House und Detroit-Techno. Auf den Plattentellern landet Material legendärer Label wie Dance Mania, Djax-Up oder Cajual, allerdings, den Besonderheiten des Drifter’s angepasst, ein wenig hochgepitcht. Druckvolle Beats, spannungsgeladene Flächen und ein Chicago-typisches Clap-Inferno bringen die Tanzfläche zum Kochen.

Ich blicke in verschwitzte, verfeierte und glücklich verstrahlte Gesichter, die sich einfach nur noch schwerelos zum Takt der Musik durch die Nacht treiben lassen wollen.



Catering & Getränkekarte

Auch wenn ich schon sehr oft im Drifter’s feiern war, bin ich jedes Mal aufs Neue angenehm überrascht von der Schnelligkeit und nüchternen Freundlichkeit des Barpersonals.

Zumindest das Mädel und die beiden Jungs, die am heutigen Freitagabend ihren Dienst tun, scheinen stressresistent. Kurze, ob Vodka, Tequila, Sambuca oder Jägi wandern für 2 Euro über den Tresen, eine (Afri)Cola kostet 3 Euro und für Longdrinks wie Gin Tonic bezahlt man 6 Euro.

Letztere schmecken zwar ausgezeichnet, doch frage ich mich, ob ich mittlerweile so abgehärtet bin, dass selbst das dritte Glas keine Wirkung bei mir zeigt, oder ob’s am hauseigenen Mischungsverhältnis liegt.

Auf dem Klo um halb vier

Prosumer’s Set ist derart schweißtreibend, dass mir, gänzlich dehydriert, kein Tropfen Wasser übrig bleibt, um ihn an die Drifter’s-Toiletten abgeben zu können.

Aufregerle

Für einen kurzen Augenblick lehne ich an der Betonwand des Drifter’s, schließe die Augen und hole tief Luft. Keine Sekunde vergeht, kommt ein Enddreissiger auf mich zu und schreit mir ins Gesicht: „Ey, Alda, jetzt lach halt mal. Immer feiern, immer gute Laune, Alda!“

Da sein Stimulanzien-Grinsen von unten deutlich zu mir hoch strahlt, nicke ich zunächst geduldig. Er wird jedoch derart aufdringlich und handgreiflich, dass ich ihn in seine Schranken weisen muss. Solchen Leuten das nächste Mal bitte keinen Einlass gewähren, auch wenn sie zur vermeintlichen Stammbesetzung des Clubs gehören.

Aufheiterle

Wenige Minuten zuvor kommt ein junger Kerl auf mich zu. Sein T-Shirt ist vorne und hinten komplett nass geschwitzt. Er nimmt mich in den Arm, küsst mich auf beide Wangen, ruft laut „Breakdance!“ und zieht lachend weiter.

Fazit

Wer im Nachtleben gerne mit Menschen unterschiedlichster Lebensentwürfe in Kontakt tritt, wer sich gerne zu elektronischer Clubmusik durch die Nacht bewegt, und das nicht nur bis drei Uhr, der ist im Drifter’s bestens aufgehoben.

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