Nightlife-Guru: Popstars-Casting im InterCityHotel

Nightlife-Guru

Popstar werden! Dieser Lebenstraum scheint bei jungen Menschen immer noch nicht ausgerottet zu sein. Denn beim Freiburger Casting für die Prosieben-Show Popstars am Dienstagmittag in einem Innenstadthotel ließen sich junge Männer und Frauen reihenweise begutachten. Klar, dass unser Nightlife-Guru diese Gelegenheit zum Fremdschämen nicht auslassen konnte. Sein Bericht über Wartezeiten, gestörte Miktion und die transzendentalen Momente der Casting-Realität:



Die Jungs an der Tür ...

 
... sind klar in der Unterzahl. 25 Minuten zu früh haben sich schon etwa 30 Möchtegern-Popstars und -sternchen vor der Schiebetüre des InterCityHotel am Freiburger Bahnhof eingefunden. Hibbelig wird von einem auf das andere Bein getreten und die verbliebene Packung Kippen weggeraucht - am Stück.



Ein paar coole Kerle lehnen lässig an der Wand. Wenn keiner hinschaut, nippen sie von ihrer im Bahnhofsladen erstandenen Vodka-Flasche. Punkt 14 Uhr geht endlich die Türe auf: Die Hotel-Portiers verfallen in ungläubiges Staunen ob der nicht gerade typischen Gäste. Die mittlerweile angewachsene Meute drängt auf die zwei Aufzüge zu. Voll. Warten. "Killing me softly", krächzt es plötzlich in mein rechtes Ohr. Der Fahrstuhl kommt wieder: Schnell weg hier, ich muss da rein!  

Wer war da?

Menschen, die während eines Disputs dreimal innerhalb von zwei Minuten "Endeffektlich" sagen. Menschen, die sich als Zeichen ihrer Musikalität einen großen Violinenschlüssel in den Nacken tätowieren haben lassen. Menschen, die bei allen bekannten und weniger bekannten Castingshows schon ihr Glück versucht haben und den großen Traum vom Popstar-Dasein einfach nicht ad acta legen können.

Außerdem: Mütter mit Kinderwägen, Schulschwänzerinnen mit Mascara-gestählten Augenwimpern und ganze Cliquen, die zwar nur eine brauchbare Stimme in ihren Reihen haben, alle aber mitsingen möchten.

Eines eint jedoch alle Kandidaten: Sie sind nervös. Die aufsteigenden Versagensängste werden von den Anhängseln durch gutes Zureden und aufopferungsvoller Fürsorge zu bekämpfen versucht: "Du bist doch die Beste! Willst du einen kiffen? Bier? Wodka?" - "Nee, ich will lieber ein Eis!"    

Inneneinrichtung & Deko

 
Der Spiegel im Aufzug nach oben tut seine Dienste: Frisuren werden gerichtet, Zähne gebleicht (!) und das Dekolleté fixiert. Das Casting findet in den Konferenzräumen im ersten Stock statt. Popstar-Plakate versprechen den Kandidaten "den Sommer ihres Lebens".



Bevor man eine handgeschriebene, vierstellige Nummer erhält, muss jeder Teilnehmer noch eine Verschwiegenheitserklärung abgeben und unterschreiben, dass man sämtliche Rechte an seiner Darbietung an die Produktionsfirma abtritt.

Kein Ding, alles für den großen Traum! Der offizielle Wartebereich verfügt nur über 15 Stühle, weswegen der Gang bevölkert wird. Jetzt heißt es abwarten - Tee gibt es keinen.

 

Atmosphäre und Klangwaren-TÜV

Aus jeder Ecke jodelt, krächzt und brummt es. Durchschnitten wird der Lärm nur durch die bayerisch klingende Orga-Dame, die im Zehn-Minuten-Takt Zahlen durch den Raum schleudert: "0078, 1164, 3852, 5271. Mitkommen!"

Um sicher zu gehen, dass die Performance vor der Jury nachher läuft, werden die gewählten Songs von vielen Kandidaten nochmals auf dem Handy angehört - selbstverständlich auf Lautsprechern. Zu meiner Freude mache ich Bekanntschaft mit einem Sänger, der mir sein Musikvideo auf dem iPhone vorspielen möchte. Das Unterfangen scheitert leider: "Fuck, Mann! Mein Internet ist ziemlich arschgefickt". Aha.

Zu meiner Rechten steht ein Grüppchen im Kreis, mittendrin eine Dame im zarten Alter von geschätzten 16 Lenzen. Ihre Sangeskünste werden von drei hingehaltenen Smartphones konserviert. Nach dem Ständchen, Respekt von allen Seiten. "Schwör', Alta, die hat so viel Gefühl in der Stimme!" Gereicht hat es für sie später dann doch nicht.

Wir sind weder in einem Gotteshaus noch in einem Gerichtssaal: Das ist eine Castingshow des Privatfernsehen. Der inflationäre Gebrauch des Wortes "schwöre" lässt einen allerdings manchmal zweifeln.  

Um 15:30 Uhr auf dem Klo

"Hallo, ich würde gerne die Toilette benutzen!" Die Damen im Herrenklo öffnen die Türe nur nach mehrmaligem Klopfen. Böse Blicke werden mir entgegengeschleudert: Was mir einfiele, sie bei ihren vokalen Warm-Ups zu stören?!

Einigermaßen sprachlos schlängel ich mich an der miezenden Meute vorbei zu den Pissoirs. Nur: Wie soll man denn bitte pinkeln, wenn einem ein ungewollt mehrstimmiges Chart-Potpourri in die Ohren geprügelt wird? Puh, schnell wieder raus, Türe zu.

 

Aufregerle

Das größte Aufregerle für die meisten der etwa 100 Kandidaten waren die Juryentscheidungen. Wut, Hass und Enttäuschung ist den meisten beim Verlassen des Raumes anzusehen.

Für viele platzt im Intercity-Hotel der große Traum vom Popstarleben. Andere hat der Mut noch nicht verlassen: Sie fahren noch zu einem weiteren Casting. Konstruktive Kritik gibt es von der Jury keine, dafür reicht die Zeit nicht. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn die Gescheiterten bei der Fehleranalyse vielleicht in den falschen Bereichen suchen: "Ich bin rausgeflogen - wegen meinen Schuhen." Färbte die No Sneaker-Policy des Nachbarturms etwa auf das Hotel ab?

 

Aufheiterle

Da sitzt er also im Wartebereich - bekifft und betrunken. Auf meine Frage, was er denn vor der Jury singen will, kassiere ich einen verachtenden Blick. Zwei Minuten später verrät er es mir trotzdem: "Entweder einen eigenen Song oder 'Mein Block' von Sido." Ob er mir etwas vorrappen kann? Schnell wird durch Stampfen und Klatschen ein Beat gebaut - der ganze Wartebereich macht euphorisch mit. "Des isch kei Kanon, Mann!" wird das anfängliche rhythmische Durcheinander von einer jungen Dame genervt kritisiert. Dann geht's los, er performt den 'Arschficksong'. Tosender Applaus, anerkennendes Kopfnicken. "Cooler Flow!"

 

Fazit

Ich bin schockiert. Man mag von Castingshows ja halten was man möchte, die Hoffnung aber, dass es sich bei einigen der darin dargestellten Personen um drittklassige Schauspieler handelt, ist nach einem solchen Besuch unwiderrufbar zerstört. Gleiches geschieht mit den großen Popstar-Träumen der meisten Anwesenden: Nur vier Kandidaten konnten in Freiburg die Jury überzeugen und eine goldene VIP-Karte erringen.



Die ist die Eintrittskarte zu den nächsten Castings - diesmal dann auch vor der echten Jury. Viel Erfolg dabei! Und an all die anderen: Tut euch nicht weh. Der Aufprall auf den harten Boden der Realität ist manchmal sehr schmerzhaft.




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