Nightlife-Guru: Poetry Slam @ Kulturbörse

Nightlife-Guru

Poetry Slam boomt. Das Café Atlantik und die Mensabar können sich vor Publikum kaum retten, wenn auf der Bühne die Wortfetzen fliegen. Selbst unser Nightlife-Guru besucht ab und zu mal den Slam im Atlantik. Am Dienstagabend fand erstmals ein Slam im Rahmen der Kulturbörse auf der Messe statt. Und der Guru war zufällig dabei.

Die Jungs an der Tür


Die Jungs an der Tür sind Damen und tragen schwarze Kostümchen. Die zehn Stunden Messe-Hostess-Dasein des Tages stehen ihnen ins Gesicht geschrieben. Geduldig erklären sie den mit den Hufen scharrenden Poesie-Junkies, dass erst zehn Minuten vor Beginn Einlass sein wird, in einer Art höflichen Form von: „Du kommst hier nicht rein.“ Dabei wollte ich doch schon mal drinnen bei einem Bierchen chillen.

Erste Zweifel: Ist das wirklich ein Poetry Slam? Zwanzig Minuten vor Slam-Start sind die Kostümchen verschwunden und einige rüstige Mittvierziger öffnen vorsichtig die Tür zur heiligen Halle, spähen rein, treten ein – es folgt ein kurzer Blick zurück, ein schäbiges Lächeln. Viva la revolución!

Wer war da?

Das Publikum ist, wie man so sagt, „gemischt“. Pubertisten und ihre Eltern (die auch mal zeigen, wie cool sie sind) sind ebenso anzutreffen wie das übliche Studentenpack, dass überall hingeht, wo „Slam“ draufsteht und der ein oder andere Rentner, der begeistert erzählt, dass er mal Ernst Jandl „in echt“ auf der Bühne gesehen hat – und das war ja auch so was wie dieses Poetry Slam („nur besser“). Überproportional viele Zuschauer tragen Anzüge und sehen sehr wichtig aus, aber keiner Rastalocken. Ist das wirklich ein Poetry Slam?

Inneneinrichtung und Deko

Schön. Der von Vorhang umrahmte Teil der Messehalle hat tatsächlich große Ähnlichkeit mit einem Theatersaal, die Beleuchtung ist 1a, die Stühle bequem, die Bühne gut zu sehen. Leider gibt es kein Bier im Humpen und auch keine Spaghetti Bolognese. Ganz voll wird es nicht, aber wohl um die 200 Leute haben den Weg hierher gefunden – die Stimmung könnte gut werden...



Atmosphäre und Klangwagen-TÜV

… wird sie aber nicht. Die erste Frage, die ich mir stelle, ist: „Wo ist Sebastian23?!“ Auf dem Flyer stand „Freiburg Poetry Slam“, ich hatte mit ihm gerechnet! Ich bin traurig. Stattdessen kommt ein Mann ganz in schwarz mit bunter Fliege auf die Bühne. Huch, denke ich, was ist denn das? Ein Zirkusclown der sich im Raum geirrt hat? Anscheinend nicht, denn er kann nicht mal frei reden und lustig ist er auch nicht.

Die Poeten gehen unter Slow-Hand-Clapping auf die Bühne und wieder runter. Ist das wirklich ein Poetry Slam? Ich bin verwirrt. Aus dem Café Atlantik kenne ich frenetische Jubelstürme. Bei so einem „Applaus“ kommen da die Leute nicht mal auf die Bühne. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich laut nach Mama oder doch nach Sebastian23 schreien soll und verharre daher in derselben starren Lethargie wie alle anderen um mich herum.

Um halb neun auf dem Klo

Die Luft ist Deo-geschwängert, es klappern Stöckelschuhe vorbei, Eventmanagerinnen zupfen ihre Röckchen zurecht und überprüfen im Spiegel „unauffällig“ das Ausmaß der Schweißflecken auf ihrer Bluse. Passt schon. Kurz das Lächeln wieder aufsetzen und im Gesicht festschrauben, dann geht es wieder raus. Hilfe!

Aufregerle

Nach dem Finale verkündet der Clown/Moderator (stellte sich als „Ziro“ vor, nie gehört), dass der Sieger noch keinen Schlafplatz hat. Ob ihn jemand aufnehmen könnte? Ich frage mich: Behandelt man so seine Künstler? Im Rausgehen bekomme ich einen Eklat zwischen einem der Slammer und „Ziro“ mit. Worum es wohl geht? Ob auch er keinen Schlafplatz hat? "Freibier gab es auch nicht!", höre ich den Poeten noch verzweifelt schreien, während ich den Saal verlasse. Kein Schlafplatz, keine Fahrtkosten und vor allem kein Freibier für die Künstler– war das wirklich ein Poetry Slam?

Aufheiterle

Die Texte waren wirklich gut, manche sehr gut. Ab und ab haben die Leute sogar gelacht, vor allem, als Special Guest Nico Semsrott nach der Pause einen Auszug aus seinem Programm gelesen hat. An den Slammern hat's also wirklich nicht gelegen, dass die Stimmung eher mau war. Einige Poeten haben die Zuschauer auch mehrfach dazu aufgerufen, am Donnerstag zum Slam ins Café Atlantik zu gehen.

Fazit

… und das werde ich auch tun. Da gibt es dann wieder Bier und Spaghetti und echten Applaus und einen echten Moderator und einen echten Slam. Das ist mein Hoffnungsschimmer am Ende der dunklen Messehalle.

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