Nightlife-Guru: Poetic Jazz Vibez der International Christian Fellowship

Nightlife-Guru

Was ist eine poetische Jazzstimmung? Insbesondere, wenn sie in den Räumen einer stark missionierenden Freikirche stattfindet? Fragen, die bei unserem Nightlife-Guru am Samstagabend einiges Interesse hervorriefen. Immerhin, er durfte die Schuhe anlassen. Hier kommt sein Rapport.



Vorspiel

„Du bist herzlich eingeladen“ - diesen Satz hört selbst Ex-Freiburgerin und Berghain-Phantastin Helene „Copy&Paste“ Hegemann wohl nur, wenn Sie den Laden selbst gemietet hat.

Trotzdem bin ich ziemlich sicher, dass mich der verbindliche Mittvierziger, der heute Abend „die Tür macht“, mindestens genauso prüfend taxiert wie die Münchner Baby!-Türsteher. Denn hauptberuflich ist Jörg Gräfingholt einer der beiden sogenannten Senior Pastors der Freiburger ICF (International Christian Fellowship), einer evangelikalen, charismatischen und stark missionierenden Freikirche, die vor knapp 15 Jahren in der Schweiz gegründet wurde und in Deutschland, außer in Freiburg, in einem Dutzend weiterer Städte eigene Kirchen und Gemeinden betreibt.

Schon die teure 1a-Lage direkt an der Ecke Rempartstraße/Kajo zwischen Uni und Altstadt unterscheidet die ICF von anderen evangelikalen Teestuben, die, wie die „Jesusfreaks“, wohl nicht nur aus missionarischen, sondern mehr aus finanziellen Gründen neben einem Sexshop an einer Hauptverkehrsstraße logieren müssen.

Die ICF finanziert sich aus Spenden und dem „Zehnten“, das bedeutet, die Mitglieder sind gehalten, zehn Prozent ihres Einkommens an die Gemeinde abzutreten. Die Freikirche betont selbst die Transparenz ihrer Finanzierung, hat allerdings auf ihrer Freiburger Internetpräsenz nur einen Monat exemplarisch ausgewiesen. Immerhin kann die Gemeinde aus diesen Beiträgen zwei Senior Pastors finanzieren, der andere ist Gräfingholts Frau Tini.

Dass die ICF unter den Freikirchen, die ja alle gezielt Jugendliche und junge Erwachsene missionieren und rekrutieren, dennoch eine Sonderstellung einnimmt, hatte mir schon der professionelle multimediale Hochglanz-Internet-Auftritt angedeutet, den die Freiburger Sektion der ICF unterhält, und von dem sich manch ein Freiburger OB-Kandidat noch was abgucken könnte.

Hier kann man sich übrigens auch die Predigten der letzten Gottesdienste anhören, um sich ein Bild zu machen, wie die ICF-Pastoren arbeiten: Die Teilnehmer werden sehr direkt angesprochen, es werden Witze gerissen, die auch schon mal ein bisschen schwulenfeindlich sein dürfen, kurz: Der Anspruch ist, junge Leute „in ihrer Sprache“ anzusprechen, je mehr Anglizismen, desto besser.

So viel zur Theorie - ich bin also durchaus nicht vorurteilsfrei, als mir der „Türsteher“ mit dem breiten Schwizzerdütsch, den ich schon von den Predigt-Podcasts kenne, freundlich den Weg über eine Windlicht-beleuchte Treppe in den Gemeindesaal im ersten Stock weist.



Einrichtung

Vor Beginn des Poetry-Musik-Slam läuft im Parkettboden-Saal loungige Musik, zwei Leute sitzen an einem großen und teuer aussehenden Mischpult, ein weiterer am Laptop. Der Club-Raum ist angenehm und modern ausgestattet, es gibt Stehtische, Barhocker, Sofas, Sitzkissen und in der Ecke eine große Bühne. Auch die Bühnenbeleuchtung und Lichttechnik sind vom Feinsten.

Aufregerle

Die Bar ist das erste Aufregerle des Abends: Wie zu befürchten war, muss ich bis zur fudder-PingPong-Party, die nebenan in der Mensabar stattfindet, nüchtern bleiben. Im Angebot: US-amerikanische und österreichische Lifestyle-Dosengetränke zum Spottpreis von einem Euro. Verschiedene Teesorten sind natürlich auch im Angebot, werden aber kaum gekauft.

Publikum

Überhaupt ist das hier ein völlig anderes Publikum als die Klischee-Klientel der mir bekannten Teestuben. Hier sind keine Latzhosen- und Batik-TrägerInnen unterwegs, sondern gute 50 bis 60 trendige und moderne Twens, die auch bei den „Was-ist-Dein-Stil“- Fans von fudder ohne größere Schäden durchkommen würden. Alle scheinen sich irgendwie zu kennen.

Musik

Der Auftritt der Band Gonzo Gonzales ist sicher ein künstlerischer Höhepunkt des Abends. Die intensive und starke Stimme der zierlichen Sängerin bewegt sich souverän durch alle Höhen und Tiefen, reißt mit. Ich bin versucht mir eine CD zu kaufen, vielleicht hole ich das noch nach.



Anschließend gibt’s noch Poetry-Slam, vorgetragen werden Lyrik und Prosa, Erlebnisse und Gedanken, und die sind nicht schlecht, einige der Künstler haben auch schon Preise gewonnen.

Ganz offensichtlich hat sich die ICF Freiburg bei der Auswahl große Mühe gegeben und dabei durchaus die künstlerische Qualität berücksichtigt und nicht (nur) nach Gesinnung gecastet: Einer der Dichter kommt ins Stocken, als er aus dem Donald-Duck-Buch, in dem sein Text liegt, vortragen will: "Ja, ich weiß nicht, ob ich das jetzt bringen soll, ich wusste nicht, dass das hier kirchlich ist, aber ich mache es mal einfach.“

Es folgen die Gedankenspiele eines „Atheisten“. Das Publikum bleibt aber genauso freundlich und gelassen wie bei den anderen Künstlern, wenn auch der Zwischenapplaus kaum hörbar knapper ausfällt, aber vielleicht bilde ich mir das auch bloß ein.

Zu diesem Zeitpunkt macht mir der Abend richtig Spaß, für die zwei Euro Eintritt, die ich freiwillig als Eintritt gespendet habe, wird verdammt viel geboten. Und das alles aus dem „Zehnten“ der Studentinnen und Studenten finanziert, aus denen die Gemeinde sich wohl in erster Linie zusammensetzt? Nicht schlecht.



Dann folgt die eigentliche Spezialität der ICF: Nach einer kurzen Pause, „5 Minuten“, mehr sitzt nicht drin, wechselt der Schauplatz neben die Bühne, wo Sofas zu einer Talkrunde aufgebaut sind. Hier interviewt der Pastor höchstpersönlich und die Fragen, die er stellt, sind immer ähnlich: „Was möchtest Du uns mit Deiner Kunst mitteilen, was bedeutet für Dich Hoffnung?“ Und: „Musik. Was bedeutet für Dich Musik. Oder anders gefragt, woran hältst Du Dich fest, was gibt Dir Hoffnung?“

Oder auch: „Du warst ja beim Weltverbesserungskongress, das hört sich total geil an. Erzähl uns doch mal.“ Die Antworten lauten entsprechend, kommen sehr routiniert und klingen glaubwürdig, ich denke mir: Wow, die geben richtig viel preis. Die sind ehrlich. Vielleicht ist es auch, bei aller persönlichen Ehrlichkeit, vor allem die Realisierung des charismatischen Konzepts, das viele aus den evangelikalen Mammutveranstaltungen kennen, die sonntags auf Bibel-TV laufen.



Von Gott oder Jesus ist hier allerdings kaum direkt die Rede, Religiosität und verbindlicher Anspruch an die Zuhörer schwingen eher im allgegenwärtigen umarmenden Pathos mit. Da verteilt einer „Gutscheine für Lächeln“, und fast alle haben die vom Moderator verlangte „Botschaft“ abrufbar auf Lager, und der findet´s „super und zählt weiter auf Dich“. Applaus. „Ihr habt einen wichtigen Teil Eures Lebens heute gegeben, und vielleicht sogar das Leben ein Stück weit verändert.“

Dann geht es auf der Bühne weiter.



Toilettencheck

Ich entschließe mich, schnell noch den Toilettencheck zu machen, um die Ösi-Plörre dahin zu befördern, wo sie besser ohne Umweg über meine Geschmacksnerven gelandet wäre.

Die Toilette – eine für Männchen und Weibchen - ist eingerichtet wie in einer Studenten-WG, mit Kronleuchter und Postkarten an der Wand und verschiedenen Marken-Deos zur Auswahl. Da ich noch auf die fudder-Party nebenan will, entscheide ich mich für den herben Duft. Eigentlich bräuchte ich jetzt ein kühles Bier.

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