Nightlife-Guru: Plaza Culinaria 2013

Nightlife-Guru

Insgesamt 38 000 Besucherinnen und Besucher kamen am vergangenen Wochenende in die Messe Freiburg, um bei der Plaza Culinaria zu essen und zu trinken. Einer der Besucher: fudders Nightlife-Guru. Ein Abend mit Schnaps, Promis und Fischbrötchen-Atem:

 

Die Jungs an der Tür ...

... bekomme ich erst zu sehen, als ich die 50 Meter lange Schlange überwunden hab, die zum Kassenhäuschen führt. Ich zahle 11 Euro Eintritt; mit Ikea-Family-Card wär's billiger gekommen. Aber jene Karte besitze ich nicht mehr, seit mir die Kekse aus Sägemehl und die Pferdeköttbullar allzu sehr auf die Seele geschlagen haben.

Es regnet, der Parkplatz ist voll, offenbar haben viele Menschen dieselbe Lust wie ich, sich schamlos mit Kulinaria aller Art vollzustopfen. Mein Traum: von vier Dienern in weißem Lendenschurz und mit eingeölten Supermuskeln auf eine Sänfte durch die Messehallen getragen zu werden und hie und da anzuhalten, um mir von einem fünften Diener, einem Mundschenk, Spezialitäten reichen zu lassen.

Die Jungs an der Tür sehen mehr nach "Jungs an der Tür" aus, als ich das von einer solchen Veranstaltung erwartet hätte. Sie tragen zwar keine Biker-Kutten, Aufnäher irgendwelcher Chapter, verräterische Tätowierungen. Aber dennoch: Irgendwie kommen sie mir 'nen Tick zu bouncy vor. Und zu freundlich.



Inneneinrichtung und Deko

Die Plaza Culinaria ist eine Messe. Folgerichtig gibt es Messestände, und zwar nicht nur in den eigentlichen Messehallen, sondern auch im Foyer und den Fluren. Und weil es eine Lebensmittelmesse ist, sind ebendiese Messestände für Lebensmittel mit Lebensmitteln dekoriert. Mit Türmen aus Käse, Girlanden aus italienischer Esel-Salami, Reihen von Schnaps, äh, Edelbrandflaschen. Es ist ein Traum: Schlaraffenland.



Besonders viel Mühe haben sich die Kleinaussteller gegeben "Ich hab' 300 Luftballons aufgepustet", höre ich etwa im Vorbeigehen Essigmann Ireneus Frost einer Kundin erzählen.

Echte Inneneinrichtung gibt's allerdings auch: Im Messefoyer gibt's statt Wurst, Käse und Schnaps (gut!) Weihnachtsdeko, Kuckucksuhren im Strumbel-Look und Riesenpferde im HR Giger-Style (schlecht!) an den Ständen.  Warum nur, warum? Könnte man da nicht lieber auch Stände mit Käse, Schnaps und Schokolade hinmachen?



Wer war da?

Die Messehallen sind so voll, dass es manchmal richtig drängelig wird. Da ist - natürlich -, wer sich für Essen und Trinken interessiert - als Laie oder als Profi. Teilweise haben sich die Besucher für den Anlass richtig schick gemacht, Männer ihre schönste Jeans und das La-Martina-Hemd angezogen, Frauen ihre Lieblingsbluse und die sexy Wildlederstiefel vom Breuninger. Andere haben tatsächlich diese kleinen Oma-Einkaufswagen-zum-Hinterherziehen dabei, und laden sie mit Schnapsflaschen und Eiernudeln von schwarzwälder Bauernhöfen voll.

Außerdem Franzosen und Schweizer, ein bisschen mitteljunges Feiervolk, das die Südstar-Party am Abend mitnehmen will, ein paar Jungs und Mädels, die sich verlaufen zu haben scheinen und versuchen, Essen und Trinken zu stibitzen, wo's nur geht.



Die Freiburger Drag-Queen Betty Bbq zieht Blicke von vielen Messebesuchern auf sich, die noch nie eine Drag-Queen gesehen haben und hinter hervorgehaltener Hand herumtuscheln, Schmitz-Katze-Macher Jan Ehret führt Björn Beton alias Schiffmeister von Fettes Brot durch die Fressgassen - Künstlercatering mal anders.

Messeatmo & Fresswaren-TÜV

Eine Lebensmittelmesse ist natürlich eine Lebensmittelmesse und die Freiburger Messe die Freiburger Messe. Insgesamt herrscht aber gute Fresslaune, die Vielfalt der Angebote ist beeindruckend. Die Slowfoodisten, Vegetarier und Veganer kommen genauso gut weg wie die Fleischliebhaber und Schnapsdrosseln.



Apropos Schnapsdrosseln: Ich würde mich selbst nicht als eine solche bezeichnen (andere vielleicht schon), aber natürlich kann ich der Versuchung nicht widerstehen, hie und da sowie da und dort Alkohol verschiedenster Art zu degustieren. Von feinen Bränden aus Schwarzwald und Kaiserstuhl über Vodka aus Minsk und Tequilla mit Kaffeegeschmack bis hin zu Sekt und Wein. Auf nüchternen Magen knallt diese exquisite Melange natürlich doppelt. Und schon schwanke ich über die Plaza, quatsche Leute dumm von der Seite an, werde albern.

Auf einmal sehe ich meine Rettung: den Stand eines regionalen Fischzüchters, der seine Ware auch auf Brötchen feilbietet. Wunderbar!, denke ich mir. Was gibt es besseres zum Runterkommen als 'ne Fischfrikadelle! Um 2,50 Euro kaufe mir eine solche - und werde es noch bereuen. Denn: Den Rest des Abends verbringe ich damit, Dinge zu trinken und zu essen, die den Fischmundgeruch überdecken. Erst ganz am Ende gelingt es mir: mit einem elsässischen Käseteller.



Dazwischen degustiere ich Käse aus Österreich, ein pervers großartiges Passionsfrucht-Dessert und ein Petit Fours aus Staufen, Tofu aus dem Mooswald, eine neue Sorte Booja-Booja-Pralinen (OMG!), Fruchtleder (häh?), hervorragende Macarons aus Frankreich, ein Pastagericht mit Gorgonzola, Radiccio und Walnüssen (alles geil!) aber leider auch ein Rucola-Pesto, das erst gut schmeckt, im Nachgeschmack aber ranzig.



Danach lasse ich mir von meiner Begleitung eine Handvoll Bullerich-Salz-Tabletten geben.

Um 22 Uhr auf dem Klo

Ich steh am Pissoir und lass Wasser. Vor mir bewirbt ein welliges Plakat den Comedy-Irgendwas (Sommer? Herbst? Winter?) mit Mario Barth, Cindy aus Marzahn und Bülent Ceylan. Mir wird übel, und die Fischfrikadelle macht sich bemerkbar. Der weißrussische Vodka hat es nicht vermocht, sie aus meinen Eingeweiden zu brennen. Was für ein Luschenvodka. Über 200 Preise soll er eingeheimst haben. Ha! Weißrussische Preise vielleicht! Dass ich nicht lache.



Aufheiterle

Die Sache mit dem Fischbrötchen eskaliert. Ich komme zwar absolut runter, bin wieder voll dabei, aber mein Atem fängt an zu riechen wie ein sardischer Fischmarkt in praller Mittagssonne. Wenn ich rede, halte ich mir die Hand vor den Mund. Wenn ich mit Standpersonal flirte ... ich flirte nicht mehr mit Standpersonal.

Schließlich wendet sich auch meine Clique von mir ab. Kleingeister!, schelte ich sie. Seid ihr schon mal auf den Hamburger Fischmarkt gegangen, nach einer durchzechten Nacht, und habt dort ein Fischbrötchen gegessen, morgens um sechs? Nein? Dacht' ich mir. Das wirkt nämlich Wunder!

Ein Typ stellt sich mir vor, klein, mit Brille und Basecap, er komme aus Hamburg. "Hamburg!", sage ich begeistert und wittere einen Verbündeten. "Dann gehst du doch bestimmt auf den Hamburger Fischmarkt, nach einer durchzechten Nacht, und isst dort Fischbrötchen, morgens um sechs, oder?" Sag's meinen kleingestigen Freunden! Sag's ihnen!

"Nein", sagt der Typ. Auf dem Fischmarkt sei er noch nie gewesen, das sei was für Touristen.

"Ja, stimmt!", rudere ich zurück. Damals war ich auch echt mies unterwegs, in Hamburg, auch partytechnisch. Hamburger Berg und so. Puh. Übel. Heute würd' ich das nicht mehr machen.

Meine Clique hört zum Glück nicht mehr zu, unterhält sich untereinder über anderes. Als der Typ weg ist, meint einer: "Das war Björn Beton von Fettes Brot! Ist dein Celebrity-Alarm nicht losgegangen?" Irgendwie nich'.

Aufregerle

Der bärtige Typ hinterm Old-Amsterdam-Tresen hat keine Manieren. Kaum hat er mein Fischbrötchen erblickt, fängt er an, herumzupöbeln. "Boah, ist das eklig. Boah, musst du 'nen kaputten Magen haben."

1. Ich kenne Sie nicht. Warum duzen Sie mich?

2. Eklig sind hier vor allem zwei Sachen: Ihr Almöhibart, der so ausschaut, als ob Sie ihn seit Ihrer Geburt nicht mehr gewaschen haben, und der holländische Industriekäse, den Sie hier als hochwertig verkaufen.

3. Ich will gar nicht wissen, wie kaputt Ihr Magen ist - bei der Laune. Wahrscheinlich noch kaputter, als Ihr Benehmen. Wobei das ziemlich schwer ist.

Fazit

Ich bin satt, müde, trunken, habe berühmte Leute getroffen und Freiburger Partynasen. Ein sehr erfolgreicher Abend also, eine großartige Messe, gerne wieder, nächstes Jahr. Eigentlich wollte ich danach noch ausgehen, aber mit diesem Fischbrötchen-Atem?

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