Nightlife-Guru: Onra im Harmonie-Keller

Nightlife-Guru

Am Samstagabend war der französische Underground-Hiphop zu Gast im Harmonie-Keller: Onra und sein Kumpel Buddy Sativa. Klar, dass da die gesamte Freiburger Hiphop-Szene am Start war - und natürlich unser kundiger Nightlife-Guru. Der hielt den ganzen Abend lang verzweifelt Ausschau nach "Bitches". Ob er welche fand?

An der Tür


Samstagnachts durch die Grünwälder Strasse zu laufen, ist echt kein Zuckerschlecken. Das Spalier bilden haufenweise aggressive Typen, die vor einem auf die Strasse rotzen oder wahlweise ihre Glasflaschen auf dem Boden zertrümmern. Sehr bedrohlich hier. Nun gut, würde ich in Brooklyn auf eine Hiphop-Party gehen, hätte ich es nicht einfacher.

Leider setzt sich dieses Bild an der Kasse zum Harmonie-Keller, wo wir um Mitternacht ankommen, fort. Meine Begleitung und ich werden von einer Armada finster dreinblickender Türsteher empfangen, die selbst die unschuldigen 19-jährigen Mädels vor uns mit Röntgenblicken durchleuchten und knallhart alljene nach Hause schicken, die keinen Ausweis vorzeigen können. Bei uns gestaltet sich der Prozess glücklicherweise einfacher: Wir legen jeder 6 Euro auf den Tisch und schon laufen wir die Treppe in den Gewölbekeller hinab.

Deko & Einrichtung

Von Deko lässt sich hier heute Abend eher nicht sprechen. Der Harmonie-Keller sieht genau so aus wie immer. Zugegeben: Es ist auch eine echte Herausforderung, sich hier dekorativ auszutoben, da das alte Gemäuer in dem Laden nicht angerührt werden darf. Wenigstens ist die Bar im vorderen Bereich nett beleuchtet, und der große Kronleuchter tut sein Übriges.

Der hintere Raum, der Dancefloor, ist in ein wohliges Discolicht getaucht - für meinen Geschmack viel zu hell. Dann muss der Sound halt überzeugen.



Wer war da

Natürlich Freiburgs Hiphop-Szene und wahre Musikkenner, die sich stilgerecht in Trainingsjacken kleiden - vor allem in Adidas. Das obligatorische Cap darf natürlich auch nicht fehlen, genau so wenig wie Ketten, Ringe, überdimensionale Ohrringe und Armreife. Bling-Bling at it’s best. Hier und da sind auch die zum Bling-Bling dazugehörigen Möchtegern-Pimps zu beobachten; vermutlich alles Typen, die sich auch über Ice-Cube-Filme schlapplachen.

Selbstverständlich fehlen auch die wahren B-Boys nicht, die anfangs noch mit gespielter Langweile und Coolness auf dem Boden herumhocken, sich dann später aber nach amerikanischem Block-Party-Vorbild im Kreis aufstellen und nacheinander ihre vor dem Spiegel neu erlernten Moves zeigen: Robo-Dance, Floor-Spins oder Krumping (nur ohne Gesichtsbemalung) - hier geht so einiges!

Die eingeschworene Party-Veranstalter-Posse ist an ihrem „I Love Funk & Rap“-Shirt zu erkennen, das oben an der Kasse für 20 Euro zu erwerben ist. Zwei Typen in Arsenal- und ManU-Trikots haben es leider missverstanden: Wenn schon Hiphop-Party, dann auch bitte ein old-schooliges L.A.-Raiders- oder 49ers-Trikot - Michael Jordans "23" wäre auch akzeptabel.

Ansonsten: Ein paar stadtbekannte DJs, die für anderen Sound als Hiphop stehen, und viele Normalos - wie ich. Onras Sound funktioniert halt Genre-übergreifend. Angenehmerweise ist schnell spürbar, dass es hier jedem um die Musik geht. Ob Style oder nicht, hier sind heute wirklich die Headz am Start - alle haben Bock auf Hiphop. Nur eins frage ich mich: Wo sind eigentlich die Bitches?



Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Gegen 24 Uhr ist noch recht wenig los, was sich aber innerhalb der nächsten Stunde schnell ändern wird. DJ Funky K spielt coolen Underground-Shit; jeder ist am Kopfnicken. Er baut sein Set wunderbar auf und streift jedes Hiphop-Subgenre: Old-School, alte Gangster-Tunes, Laid-Back-West-Coast-Grooves und J-Dilla inspiriertes Zeug. Die Basslines rollen derbe durch den Raum, der Beat bounct unwiderstehlich und zieht nach und nach immer mehr Tänzer auf den Floor. Die Tunes stammen von den Beastie Boys, A Tribe Called Quest, Roots Manuva oder Grandmaster Flash („White Lines“) und Co. Gelegentlich mischen sich sogar alte Disco-Songs zwischen den Hiphop.

Um halb zwei übernimmt dann Onra mit seinem Kollegen Buddy Sativa das Ruder. Bis dahin haben die beiden Franzosen, die eher wie zwei Austauschstudenten aussehen und höchstens noch als hippe Arte-„Tracks“-Moderatoren durchgehen würden, das Geschehen von zwei Barhockern neben dem DJ-Pult aus beobachtet.

Für ihr Live-Set ist extra ein Tisch aufgebaut worden, auf dem ein kleines Keyboard, zwei MPCs und diverse Effektgeräte stehen. Die Crowd drängt sich dicht an die „Bühne“, und der ganze Raum ist in Bewegung. In der ersten Stunde spielen die beiden fast das komplette Onra-Album „Long Distance“ runter - natürlich das hitverdächtige Titelstück und andere Knaller wie „Rock On“, „Sitting Back“ oder „High Hopes“. Der Sound und die Beats, die Onra aus seiner MPC raushämmert, wummern ordentlich, kommen teilweise rough und dirty daher und sind extrem funky, um dann bei nächster Gelegenheit das Tempo rauszunehmen und von eher zarten und crispen Electro-Boogie-Klängen abgelöst zu werden, wie sie selbst in den 80er Jahren nicht besser hätte klingen können.



Onra zeigt einmal mehr seine beachtliche musikalische Bandbreite sowie die vielen unterschiedlichen Einflüsse auf seinen Sound auf. Kumpel Buddy Sativa seinerseits setzt Onras Treiben durch sein verzerrtes, synkopisches und zuweilen disharmonisches Keyboardspiel noch die Krone auf - ganz große Kunst! Leider ist spürbar, dass das Interesse bei vielen Besuchern zur Hälfte der Live-Performance deutlich nachlässt. Wenigstens gibt's so wieder mehr Platz zum Tanzen.

Gegen Ende seines Live-Auftritts gibt Onra noch ein paar Tracks aus seinem mit asiatischen Klängen durchsetzten Album „Chinoiseries“ zum Besten - und plötzlich steht die Bude wieder Kopf. Komplett. Es folgt ein kurzes DJ-Set Onras mit Tracks, die sich nahtlos seinen eigenen Songs anfügen. Den eindrucksvollen Abschluss seiner Performance bildet die wuchtige politische, sozialkritische Hymne „(It’s Bigger Than) Hip-Hop“ von dead prez. Die Menge bounct, hüpft und fast jeder schreit den Refrain mit; die Stimmung liegt weit oberhalb des Siedepunkts.

Im Anschluss übernimmt direkt TekxBe die Plattenspieler und setzt genau da an. Der prall gefüllte Dancefloor nimmt jeden neuen Song prächtig auf, und die super Stimmung bleibt noch lange bestehen. Kein übertriebenes Gescratche, keine überhasteten Übergänge im Minutentakt, wie sonst leider von vielen Hiphop-DJs praktiziert. Hits wie Aloe Blaccs „I Need A Dollar“ und Biggie Smalls „Hypnotize“ lassen den Dancefloor hingebungsvoll schwingen.



Catering

Die Getränke in der Harmonie sind nicht ganz billig, aber gerade noch im Rahmen. Die Specials des Abends, Whiskey Cola für 5 Euro und Wodka Energy für 4,50 Euro sind nicht so der Hit. Alle anderen Longdrinks bewegen sich preislich zwischen 6 und 7,50 Euro; das Beck's gibt's für runde 3 Euro und den Gutedel für 4 Euro - aber den trinkt hier sowieso niemand. Immerhin arbeiten die Servicekräfte halbwegs zügig, nur die Sache mit dem Lächeln sollte dringend noch mal geübt werden.

Auf dem Klo um 3 Uhr

Auf den Toiletten herrscht im wahrsten Sinne des Wortes tote Hose. Es sieht zwar aus wie Scheiße, und irgendein Held hat erfolgreich alle Papiertücher auf dem Boden verteilt; los ist hier aber gar nichts. Ich kann enttäuschenderweise noch nicht mal 'nen frischen Tag an den Wänden entdecken.

Aufregerle & Aufheiterle

Es gab sie dann doch noch, die Bitches. Zwei Tussis, die dem zwar vom Style her überhaupt nicht, von ihrem Verhalten her aber dafür umso mehr entsprechen, haben es sich sehr offensichtlich zum Ziel gesetzt, diese Nacht von Onra und Buddy Sativa flachgelegt zu werden. Die Protagonisten des Abends werden von den beiden nicht mal 20-jährigen Mädels ungelenk und plump angetanzt, angeflirtet und bezirzt.



Es ist nicht zu übersehen, dass die beiden Franzosen sichtlich Spaß an dieser Szenerie haben - allerdings bestimmt nicht im erotischen, sondern viel mehr im belustigenden Sinne. Während des Live-Acts "tanzen" die beiden Girlies wahlweise vor, neben oder hinter den Jungs herum, glotzen alle paar Sekunden zu ihnen rüber und fahren sich dabei peinlich lasziv durch die Haare. Die Krönung: Die beiden legen sich direkt vor dem Pult voll auf die Fresse. Tja, das kommt halt davon, wenn man versucht, eng umschlungen und knutschend zu tanzen und à la Shakira mit den Hüften zu wackeln.

Fazit

Ein absoluter Spitzenabend. Gute Anlage, super Sound, coole Leute und beste Stimmung! Der Mut der Veranstalter Checkmate und TekxBe muss hervorgehoben werden. Mit dem Booking von Onra sind sie sicherlich ein großes Wagnis eingegangen; was den musikalischen Anspruch angeht, haben sie aber ein ordentliches Statement gesetzt. Onras Sound war so komplex wie fabelhaft und wurde von der Menge begeistert gefeiert. So war der Harmonie-Keller an diesem Abend mit Sicherheit The Place to be in Freiburg, was die beiden Jungs dazu ermutigen sollte, ihren Weg weiterzugehen und ihre Clubnacht „I Love Funk & Rap“ weiter zu pushen. Well done! Ich komme gerne wieder.

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