Nightlife-Guru: Offbeat Festival @ Wagenplatz der Schattenparker

Nightlife-Guru

Noch bis einschließlich morgen läuft das Delicious Offbeat Festival auf dem Schattenparkergelände beim Flugplatz. Unser Nightlife-Guru war gestern Abend bei der Eröffnung vor Ort und hat sich die volle Subbass-Dröhnung gegeben. Jerusalem Love Jah,...



Früher Donnerstagabend. Die Hitze des Tages steht immer noch in den Gassen der Freiburger Innenstadt. Zusätzlich beengend wirkt die Alltagslast. Missmutig mache ich mich auf den Weg in Richtung Flugplatzgelände, zum Wagenplatz der Schattenparker. Unterwegs überholen mich zahlreiche Jungs und Mädels auf teilweise laut quietschenden, rostzerfressenen Drahtgestellen. Diese noch als Fahrrad zu bezeichnen, wäre leicht übertrieben. Sie lachen, erzählen sich über die sich zwischen ihnen auftuende räumliche Distanz irgendetwas, manch einer singt Melodiefetzen irgendwelcher Songs. Ihre gute Laune springt auf mich über. Meine anfängliche Gereiztheit verfliegt im Licht der untergehenden Sonne. Entspannt komme ich am Eingang des Festivalgeländes an.


Auch dort herrscht sommerliche Entspanntheit und daran ändert sich auch nichts, als der Andrang auf das Schattenparkergelände mit Einbruch der Nacht zunimmt. Zwei Mädels, die eine blond, die andere dunkelhaarig, stark behängt mit verspieltem Ethno-Schmuck aus Holz, Leder und – mit Sicherheit – bioaktiven Steinen, wickeln den Einlassverkehr lässig und dennoch sehr effektiv ab.

Ihr Lachen ist ansteckend. Behutsam, fast schüchtern, klären sie mich auf, dass es sich beim Eintrittspreis von fünf Euro (pro Festivaltag) lediglich um einen Betrag zur Deckung der Unkosten handele. Soll mir recht sein, ich sehe das sowieso nicht allzu eng mit dem Eintritt. Obendrein händigen sie mir ein ungemein liebevoll gestaltetes, höchst informatives, das Festival detailreich beschreibendes Programmheft aus.  Es ist für jeden - umsonst (!) - am Eingang erhältlich.



 

Inneneinrichtung

Das Festivalgelände präsentiert sich als fröhlich-bunter Abenteuerspielplatz. Entlang des Waldrandes stehen mehrere Büdchen und Stände in wild-kreativer Eigenbauweise. Bretter, Latten, Metallstangen, Teppiche, Ölfässer und sonstige Altwaren wurden dafür zusammengenagelt, -geschraubt und –geleimt, bunt angemalt, beschriftet, mit Girlanden oder Lichterketten umwickelt. Unter Bretter-Plastikplanenverschlägen stehen altgediente Sofas, ein Tischkicker, und hin und wieder wird man von phantasievoll zusammengebauten Schrottmännchen angegrinst.

Der Bereich der Dubstage ist mit einem rohen Bretterboden ausgelegt, der mit buntgemusterten Teppichen überspannt ist. Von tiefer Baumhaus-Sehnsucht und Spielzimmernostalgie erfüllt, lasse ich mich in einem der Sofas nieder und halte Ausschau nach Tom Sawyer und Huckleberry Finn, die jederzeit hinter einem Baum hervorspringen könnten.



Wer war da?

Natürlich begegne ich diesen kindlich ausgelassenen Rabauken an diesem Abend nicht. Dafür tauche ich ein in ein munteres spanisch-französisch-italienisch-deutsches Sprachgewirr. Aus Frankreich, Spanien und der Schweiz sind Besucher angereist, um das achte „Delicious Offbeat Vibration Festival“ zu erleben. Begeisterte Anhänger und Liebhaber der Reggae-Kultur zeigen sich mit Dreadlocks oder anderen Flechtfrisuren. Manche reichen bis zum Hosenbund, einige wenige ragen turmartig auf, wiederum andere sind mit gehäkelten oder gestrickten Wollmützen bedeckt. Die Röcke der Mädels sind weit fließend, gerne aus geblümtem Stoff oder mit einem filigranen Rankenmuster bestickt.

Auch wenn ich dieser Szene nicht angehöre, fühle ich mich in keiner Weise ausgeschlossen oder befremdlich angeschaut, denn die Zugehörigkeit zur Festivalgemeinde definiert sich – wenigstens an diesem Abend - nicht über eine Kleiderordnung oder sonstige Äußerlichkeiten.



Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

    Dunkelheit umgibt mich. Nur vereinzelt flackert ein indigoblauer Lichtschimmer auf. Menschen und Bäume verschmelzen auf dem lichtarmen Weg zur Dubstage beinahe zu einer Einheit. Worte wie „Chicago“, „Jerusalem“, „Love“ und immer wieder „Jah“ dringen an mein Ohr. Wovon der MC erzählt, erschließt sich mir nur bruchstückhaft. Die Klangfarbe des jamaikanischen Patois ist mir zu fremd. Ich tauche ein in eine mir fremde Musikwelt. An der Tanzfläche halte ich ehrfürchtig inne. Die Subbasstiefen hüllen mich ein, verschlingen mich gar. Ein paar Mädels und Jungs bewegen sich vollkommen entschleunigt zu dem synkopierten Beat.

Schüchtern stehe ich am Rande. Noch nie zuvor habe ich auf Reggae, Ragga oder andere Roots-Musik getanzt, kannte Dub bisher nur als Roh- und Ausgangsmaterial für Rhythm & Sound- oder Basic Channel-Klangskizzen. Das offene Lächeln der Mädchen ermutigt mich jedoch, meine ersten Schritte darauf zu tanzen. Wahrscheinlich wirke ich recht unbeholfenen, doch irgendwann einmal gebe ich mich den druckvollen Basswellen hin reite auf ihnen durch die Nacht.

Irgendwann einmal löse ich mich aus der vertraut gewordenen Umgebung und begebe mich zur Mainstage, vorbei an dicht beisammen stehenden und gedämpft sich unterhaltenden Gruppen. Eine Liveband heizt hier mächtig ein, in deren Musik sich zahlreiche Stileinflüsse erkennen lassen. Ein wenig reizüberflutet mache ich mich auf die Suche nach etwas Ess- und Trinkbarem.

Catering & Getränkekarte

    Chili con Tofu. Auch durch den allmählich aufsteigenden Alkoholschleier hindurch erkenne ich diese drei Worte auf der buntbeschriebenen Holztafel am Crêpes-Stand deutlich. Ich zögere. „Ziemlich scharf gewürzt“, versucht mich das Mädel an der Ausgabestelle zu überzeugen. Kurzerhand entschließe ich mich zur Teilnahme an diesem Entkarnifizierungsprogramm. Die Chilischärfe ist ganz nach meinem Geschmack, die Crêpe ebenfalls. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, auf kleinen Radiergummistückchen herumzukauen, was mich bestätigt, auch in Zukunft nicht auf den ausgewählten Genuss von Fleisch zu verzichten.



Aufheiterle

    "Du bist alleine hier?“, spricht mich eine Stimme aus dem Dunkel heraus an. Ich wende mich der Herkunftsrichtung zu. Schemenhaft nehme ich eine schmale, feingliedrige Frau wahr. Kaum habe ich ihre Frage bejaht, ergreift sie meine Handgelenke. Während ich mich behutsam aus ihrem Klammergriff löse, textet sie mich mit autobiografischen Ausschnittserzählungen zu. Ich erfahre, dass sie bereits in Portugal, Peru, Schweden und Polen gelebt hat, am allerliebsten nach Neuseeland auswandern und dort „irgendetwas mit Mode“ machen wolle.

Auch dass ihr Freund irgendwo auf dem Festivalgelände unterwegs sei, teilt sie mir mit, und dass beide einen sehr offenen Beziehungsansatz verfolgten. Ob ich es mir mit ihr vorstellen könne, fragt sie mich in der Folgezeit mehrmals. Auf meinen ehrlichen Einwand, dass ich selbst nicht polyamourös lebe, hält sie in ihren Ausführungen inne, wirft mir ein leicht verächtliches „Ey, wie bist’n du drauf“ an den Kopf, und verschwindet in der Nacht.

Fazit

Bereits zum achten Mal findet das Delicious Offbeat Vibration Festival statt, dessen Veranstalter einen breitgefächertes Programm bereitstellen und eine Plattform für die Roots-Kultur mit all ihren feinen Verästelungen bieten. In dieser entspannten und aufregungsfreien Atmosphäre lässt sich noch bis einschließlich morgen, Samstag, 12. Juni 2010, feiern.

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