Nightlife-Guru: O(h)rbital im Jazzhaus

Nightlife-Guru

Techno im Jazzhaus? Warum nicht gleich Volksmusik in der KTS! Mit der O(h)rbital erklingen zum ersten Mal regelmäßig elektronische Sounds im altehrwürdigen Gewölbekeller. Kann so was klappen? Unser Nightlife-Guru steht Rede und Antwort.

Die Jungs an der Tür


Ich erscheine sehr zeitig an der Abendkasse und muss deswegen nicht lange anstehen. Die nachfolgenden Gäste übrigens auch nicht. Der Andrang war nicht ganz so stürmisch, wie von mir erwartet, aber an diesem Freitagabend werben wenigstens drei hochkarätig besetzte Veranstaltungen um die Gunst der Nachtschwärmer.

Während ich in Gedanken ein Club-Hopping in Erwägung ziehe, bekomme ich einen Stempel auf den Handrücken gedrückt. Im Vorbeigehen fällt mein Blick auf die Gästeliste: Auf wenigstens zwei A4-Seiten stehen Namen. Ob das von den Kosten her wohl aufgeht, frage ich mich. Bevor ich jedoch ins Grübeln über die Rentabilität der Veranstaltung verfalle, ziehen mich catchy Beats ins Tanzlokal.

Inneneinrichtung & Deko

Dort, auf der Tanzfläche, fällt mir auf: Es hat sich über die letzten Jahre nichts verändert im Jazzhaus. Das letzte Mal habe ich diesen Musikkeller zu Beginn der Nuller Jahre betreten; damals lockte eine Tarantino-Nacht, auf der alle, Jungs und Mädels, so aussahen wie tags zuvor in der sprachwissenschaftlichen Einführungsveranstaltung.

Dementsprechend schnell finde ich mich in dem kargen Backstein-Gewölbekeller zurecht. Zwei Bars säumen die Tanzfläche auf der linken und rechten Seite; ein paar Tische begrenzen den Raum zur Konzertbühne hin. Kein Minimal- und auch kein Retro-Futuristic-Chic; alles sehr "low-key" gehalten. Dem alten Nightlife-Guru hätte das bestimmt gefallen: Dark room, red light, feeling und so.

Einzig nervig: der Flyer-Salat im Eingangsbereich, an der Bar, auf den Tischen und den Treppenstufen. Mir doch egal, wer wann wo und mit wem zusammen auflegt. Überall vermischen sich die achtlos weggeworfenen Werbezettel mit dem Regenwasser oder verschütteten Bier; ölige Matschpfützen bilden sich, in denen man leicht ausrutschen kann.

Wer war da?

Lässig lehnt er am Eingang. Hoch aufgeschossen, seine gazellenschlanken Beine strecken in Jeans im Cheap Monday-Schnitt. Der V-Ausschnitt seines schwarzen T-Shirts gewährt Einblick auf sein Brustbein und eine dürftig definierte Brustmuskulatur. Darüber trägt er ein schwarzes Sakko, und der Pony fällt tief in das nachtbleiche Gesicht.

Sehen alle Jungs heute so aus wie er, bin ich definitiv auf der falschen Party gelandet. Typen wie dieser sind nämlich - erfahrungsgemäß - nur mit sich selbst beschäftigt, stehen rum und warten, dass etwas mit ihnen passiert, vorausgesetzt, es beeinträchtigt nicht das äußere Erscheinungsbild. Sie leisten aber kaum einen Beitrag für eine rauschhafte Party. Zu selbstverliebt für einen Flirt ist dieser Pfau obendrein, und so lasse ich ihn einsam auf seiner Hipster-Ebene schweben.



Auf dem Weg zur Bar begegne ich dem vieldiskutierten Stilfrage-Model Finn - oder einem gelungenen Klon von ihm. Nur die Sonnenbrille fehlt. An der Bar lehnen lässig ein paar Frauen und Männer. Sicher haben diese noch die ersten Ausgaben der Groove zuhause, auf dem Dachboden, zwischen den Spielsachen der längst ausgezogenen Kinder. Dünn und lichtdurchlässig ist das Haupthaar der Männer, tief zeichnen sich Lachfalten um die Mundwinkel der Frauen. Für einmal bin es nicht ich, der den Altersdurchschnitt hebt.

Im Übrigen ist das Publikum die ganze Nacht über sehr angenehm und entspannt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass heute die Techno-Kinder zum Kinder-Techno von Super Flu tanzen.

Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Die Nacht ist noch jung, doch der Warm up-DJ drückt bereits mächtig aufs Tempo. Kann ich verstehen: Freiburger Nächte sind bekanntlich kurz, und jeder Nachtfalter möchte seine zwei, drei Stunden um die Diskokugel flattern. Abfahrt pur, egal zu welcher Uhrzeit er in das Geschehen einsteigt. Getanzt wird noch etwas unkoordiniert. Die Crowd scheint auf die eine magische Platte zu warten, mit der der DJ den Hebel umlegt und den Tanzenden einen Euphorieschub verpasst.

Die abwartende Haltung des Publikums ist mir in letzter Zeit auf Partys öfters aufgefallen. Man geht zwar weg, nimmt jedoch eine abwartende Haltung ein, bleibt dadurch passiv und merkt nicht, dass die eigentliche Feier an einem vorüberzieht.

Auf einmal brechen Synthesizer-Arpeggi über die Tanzfläche herein. Erst zögerlich, dann immer heftiger greifen die Arme in die Luft. Vereinzelt fallen schrille Pfiffe. Ein kurzer Break und die Bassdrum hat ihren Auftritt.

Allerdings wird er getrübt durch die Musikanlage im Jazzhaus. Sie ist - leider! - nicht für Tiefbass-Erfahrungen ausgelegt. Der Sound wird dadurch kaum körperlich wahrnehmbar. Dennoch übergibt Hendrik Vogel eine gut aufgewärmte Tanzschar an DJ T, den Headliner der ersten O(h)rbital. Mit ihm stehen zweieinhalb Jahrzehnte DJ-Erfahrung an den Reglern. Diese spielt er aus, indem er mit einem warmen Tech-House-Sound am Spannungsbogen seines Vormannes anknüpft und der Crowd weiter einheizt.



Einige Jungs zeigen sich davon jedoch unbeeindruckt. Lieber balzen als bouncen lautet ihr Motto. Tatsächlich stehen sie später jeder mit einem Mädel knutschend auf der Treppe. Dort, am Eingang, lehnt auch noch der blonde Hipster. Immer noch alleine, in Langeweile aufgegangen.

Catering und Getränkekarte

Bier, offen und in der Flasche, sowie jede Menge Kurze wandern über den Tresen. Ab und zu auch ein alkoholhaltiges Mischgetränk. Vodka Energy, das Teenie-Speed schlechthin, wird nur selten bestellt.

Auf dem Klo um halb vier

Clubwechsel. Drifter's. "Ey, Zottel, die andere Tür!", schreit ein Türsteher des Drifter's Club und weist einen Mann mit dichten, dicken Dreadlocks freundlich darauf hin, sein Geschäft bei den Vertretern seines Geschlechts zu verrichten.

Aufheiterle

Keines.

Aufregerle

Keines.

Fazit

Aus meiner Partygänger-Perspektive ist den O(h)rbital-Veranstaltern der Auftakt zu ihrer neuen Event-Reihe gut gelungen. Mit dem Jazzhaus haben sie in Sachen elektronische Clubmusik eine weitgehend unverbrauchte Location gefunden, deren rohe, archaische Atmosphäre wie geschaffen ist für diesen Sound.

Dies, zwei musikalisch gut aufeinander abgestimmte DJs und ein wirklich sehr entspanntes Publikum durch mehrere Feiergenerationen hindurch haben zu einer angenehmen Clubnacht beigetragen. Wenn sich im Bassbereich noch etwas tut, halte ich beim nächsten Mal beide Daumen hoch.

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