Nightlife-Guru: Minus-Nacht auf dem Alten Stinnes-Areal

Nightlife-Guru

Techno-Sounds und alte Fabrikgebäude sind wie Gregorianische Choräle und Kathedralen: für einander gemacht. Kein Wunder, dass die Partys der Sinnestäuscher auf dem Alten Stinnes-Areal voll sind wie sau. Am Freitag legten dort die Minimal-Techno-Größen Gaiser und Barem vom Minus-Label auf. Unser Nightlife-Guru hat die Veranstaltung auf Herz und Niere geprüft und sich dabei eine Staublunge zugezogen.



Die Jungs an der Tür

Füße scharren, Oberkörper wippen freudige Begrüßungsrufe werden ausgestoßen. „Alda, Du au hier?“ - „Ja, Mann!“ - „Boah, Alda, wie fett!“ Die Security ist ganz schön lasch. Meine Umhängetasche wird nicht durchsucht. Hätte ich mir erwartet bei dem großen Event.

Inneneinrichtung & Deko

Die alte, verlassene Industriehalle erodiert mit jeder Basswelle, die das Gemäuer erfasst, ein weiteres Bisschen. Die Luft durchrieselt daher feiner Mörtelstaub. Weil sich die Hitze des Tages in dem Gebäude aufstaut, setzt er sich auf der schweißig-öligen Körperhaut fest. Man fühlt sich wie in einem Fabrikgebäude in der Mutterstadt des Techno, nur noch ruinöser.

Ganz in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt das Zusammenspiel von Licht und Klang, denn die Sinnestäuscher verzichten auf jeglichen Deko-Schnickschnack. Diesen würde beim wilden Abfahrtstanz sowieso kein Mensch bewundern. Altes Stinnes-Areal, neues Raver-Paradies.

Wer war da?

Die Veranstalter haben sich in nur kurzer Zeit eine große Fanbase im jungen Feiervolk erarbeitet. Über 25 Jahre alt sind an diesem Freitagabend daher nur die Türsteher, Barem, Gaiser und ich.  Nicht ganz. Auch ein paar Oktan- und Parkhaus-Veteranen haben sich auf ein stilles Tänzchen eingefunden. Bei ihnen haben die vielen langen Nächte Geschichten ins Gesicht geschrieben. Gerne würde ich sie lesen. Doch dazu bleibt mir keine Zeit.

An dieser Stelle noch ein kleiner Tipp an die jungen Mädels: In Zukunft keine Smokey Eyes mit dem Make Up-Set „Schmetterling“ aus dem Discount-Warengeschäft auftragen. Verläuft, verschmiert, verkrustet. Vor allem in der Clubhitze.

Feieratmosphäre & Klangwaren-TÜV

Es zischt, und zischt, und zischt. Ein metallisches Kratzen und Klackern durchdringt die Halle. Mit der Anlage ist jedoch alles in Ordnung, auch wenn das Zischen nunmehr hochfrequent und damit unerträglich wird. Dann ein Paukenschlag. Er erschüttert das alte Gemäuer, die tanzwarmen Leiber und meine morschen Knochen. Sekundenlange Stille tritt ein. Das Spiel beginnt von vorne. Zisch! Klacker! Bumm! Minimal-Techno 2011. Gaiser oder Barem.

Unzählige Hände fliegen in die Luft. Die Crowd zuckt hektisch und schreit wie Fledermäuse. Die Feiernden gehen ab, allerdings mit ernststarren Gesichtern. Gelacht wird nur, wenn ein Partyfotograf vorbeirennt. Bei den Locals und Althelden der Freiburger Szene geht’s lockerer zu. Hier nimmt sich niemand wichtig. Gefeiert wird aus Spaß an der Freude, oder der puren Selbstzerstörung wegen.

Catering & Getränke

Vodka Bull ist alle. Um kurz nach halb zwei macht dieses Gerücht die Runde auf dem Veranstaltungsgelände. Angst, aber auch Wut und Enttäuschung machen sich auf den Gesichtern breit. Ganz schlechter Scherz, den sich zwei Jungs da erlaubt haben. Den „Flügler“, das Raver-Tonikum schlechthin, gibt’s nämlich bis die Lichter angehen.

Aufheiterle

Früh morgens laufe ich nach Hause, genieße die frische Morgenluft und die Stille. Auf einmal höre ich das laute Klackern von Stöckelschuhen auf dem Asphalt. Ein junges Mädel kommt angerannt. Sie holt mich ein, fragt nach Zigaretten und Feuer. Ich suche in meiner Tasche nach beidem. Währenddessen stützt sie sich an meiner Schulter ab und zieht ihre Schuhe aus. „Die lass ich jetzt hier. Sind eh durchgelaufen.“ Sprach’s und läuft barfuß weiter.

Aufregerle

Sprüche wie „Lach doch mal“, „Geh mal dancen, Alda“ sowie die Testosteronwallungen der jungen Kerls, die irgendwann einmal in Aggressivität kippen können – die Aufregerle wiederholen sich.

Fazit

Eines muss man neidlos anerkennen: Die Sinnestäuscher haben in der Freiburger Techno-Szene ein Feierfeuer entfacht, dass kaum mehr heller brennen kann. Ausgewähltes Booking, straff durchorganisierte Veranstaltung, und dennoch genug Freiraum für Selbstexperimente jeglicher Art. Wer’s minimal und technoid mag, gehe hin.

[PS: Unser Nightlife-Guru hat heute leider keine Fotos für euch. Grund: Bislang ungeklärt.]

Mehr dazu:

[Bild: Promo]