Nightlife-Guru: Âme im Waldsee

Nightlife-Guru & Raffael Armbruster

Seit Wochen fieberte unser Nightlife-Guru auf jenen Abend hin: Âme im Waldsee - jedenfalls Frank Wiedemann, eine Hälfte des Karlsruher Produzenten-Duos. Als Âme dann um halb eins nicht auftrat, wurde unser Nightlife-Guru ziemlich nervös. [Mit Foto-Galerie!]



Die Jungs an der Tür

Eigentlich betrete ich einen Club nicht vor Mitternacht. Aber eigentlich kommt Âme auch nicht nach Freiburg - jenes glorreiche Produzenten-Duo aus Karlsruhe, das 2005 diesen Wahnsinns-Hit namens 'Rej' in die Welt gesetzt hat. Okay. Heute kommt 'nur' einer von beiden, nämlich Frank Wiedemann. Aber zieht man von 'super geil' fünfzig Prozent ab, bleibt immer noch wahlweise 'super' oder 'geil' übrig.

Also schon um elf vor Ort, weil Angst, dass die Schlange zu lang ist, man nicht mehr reinkommt und all der Käse. Käse, weil: noch kaum einer da, nur ein paar Hanseln und ich, die auf Insider machen, sich verschwörerische Blicke zuwerfen, so von wegen: 'Ah, du auch schon so früh hier? Âme, wa?' Die Freude ist groß, die Spannung ebenfalls, das Wetter ist gut, die Laune auch. Beste Voraussetzungen also, dass der Abend 'super' wird - oder zumindest 'geil'.

Inneneinrichtung & Deko

Mir fällt  nichts übermäßig Besonderes oder Innovatives auf. Irgendwo steht 'Âme' geschrieben, und zwei Pfeile weisen den Weg Richtung DJ-Pult - als ob man nicht wüsste, dass der Typ nachher da vorne seine Sounds produzieren wird und nicht hinter der Bar. Vorne werden Visuals an die Wand gestrahlt, die noch mal in Erinnerung rufen, wie die Veranstaltungsreihe heißt: O[h]rbital.

Wer war da?

Was ist mit dieser Stadt nur los? Da kommt Jesus himself ins Waldsee, um Freiburg von seiner Schuld zu erlösen, nicht Berlin zu sein, und keiner geht hin. Na ja, nicht keiner. Aber halt auch nicht jeder. Der Laden ist gut gefüllt, aber eben nicht bumsvoll. An einem handelsüblichen tageins ist mehr los. Zumal bei so 'nem Wetter.

Vielleicht liegt's an den Acts, mit denen Âme zusammengewürfelt wurde: Gebrüder Teichmann? Chris Milla? Vielleicht fehlt aber auch die Masse an Abiturienten, die am Montag halt ran muss und ein paar Tage vorher dann doch noch mal auf 'ne Party verzichtet. Vielleicht fehlen die Studenten, die ebenfalls sogenannten Prüfungsstress haben - oder die vorlesungsfreie Zeit in ihren Heimatstädten verbringen. Vielleicht isses der Preis: 14 Euro. Das ist happig - jedenfalls für Freiburg. Da kommt wahrscheinlich nur, wer wirklich Bock auf Âme hat.

Konkurrenzveranstaltungen gibt es heute eigentlich keine. Es sei denn, man versteht 'I Love Bravo Beats' in der Nachtschicht als Konkurrenz.

Ansonsten: Angenehmes Publikum, Szene, DJs, Nachtmacher.



Catering und Getränke

Getränk der Stunde: Puffbrause. Auf Eis.

Klangwaren-TÜV und Partyatmosphäre

Die Running Order des Abends sorgt für Verwunderung, denn Frank Wiedemann von Âme soll schon um halb eins spielen. Was hat sich der Veranstalter dabei nur gedacht? Wahrscheinlich nicht viel, denn die Spielzeiten der einzelnen Acts werden kurz nach Beginn der Clubnacht durcheinander gewirbelt. Nur Hendrik Vogel behält sein Zeitfenster und darf den Abend eröffnen.

Der Karlsruher tut dies mit einer angenehmen Mische aus herzwärmenden Electronica-Songs, Dubstep und House mit Tiefgang. Wer das Waldsee betritt, hält sich deshalb auch nicht lange an der Bar oder im Vorraum auf, sondern betritt zielstrebig die Tanzfläche, schließt die Augen und gleitet in die Schwerelosigkeit.

Abgelöst wird Hendrik Vogel von Andi und Hannes Teichmann. Die Regensburger Clubspatzen überraschen in mehrerer Hinsicht: Erstens setzen sie behutsam am Groove ihres Vorgängers an. Mit trocken-reduziertem House aus den ersten Playhouse-Tagen verstärken sie den Druck auf die Hüften und schaukeln sich und die Tanzenden mit Rave-Klassikern à la G Man's "Quo Vadis" hoch.

Zweitens spielen sie nahezu ausschließlich Vinyl - hervorhebenswert, da die Genre Minimal/Techno nahezu unwiderruflich Traktor-verseucht sind. Drittens übergeben sie an Frank Wiedemann mit Fuse vs. LFO, einer Techno-Nummer, die sowohl für das Schroffe, Kalte, Unbarmherzige, als auch für das Gefühlvolle, Melancholische und Träumerische dieser Musik steht. Den kurzen Applaus haben sie sich wirklich verdient.

Nun zu Âme. Frank Wiedemanns Finger flitzen flink über seinen Hardware-Controller. Er lässt die Synthesizer zwitschern, die Bässe blubbern und die Drum Pattern klopfen, bevor er sie zu seinem ersten Stück, "Rrose Selavy", zusammenfügt. In der Folge spielt er sich durch eine Auswahl so bekannter Âme-Tracks wie "Zuckerzeit" oder "Setsa", und auch der Sommerhit "Osunlade - Envision - Âme Remix" wird neu arrangiert und frisch serviert.

Âme (live) at Waldsee / Freiburg (03/16/12)

Quelle: YouTube


Den Abschluss macht Chris Milla, in diesem Frühjahr der wohl meistgebuchte Techno-DJ Freiburgs. Wie schön wäre es gewesen,, hätte er die Atmosphäre, aufgebaut von Hendrik Vogel, den Gebrüdern Teichmann und Âme, vertieft oder wenigstens aufrecht erhalten. Doch er peitscht die Geschwindigkeit hoch und knüppelt unbarmherzig auf den Nervensträngen vieler Gäste rum. Schade.  

Auf dem Klo um halb vier

Ich freue mich immer, wenn noch 'ne Kabine frei ist, in die ich mich verziehen kann. (Ich glaub, ich erwähnte schon mal, dass ich Ladehemmungen hab', wenn jemand beim Pinkeln neben mir steht.) Auf dem Weg nach draußen der obligatorische Blick in den Spiegel. Und das obligatorische Erschrecken. So wie jeden Morgen im Bad: Mann, siehst du heute wieder scheiße aus.  

Aufregerle

Wie gesagt: Um halb eins soll Frank Wiedemann von Âme loslegen. So war das im Vorhinein lang und breit kommuniziert worden. Und: playtime is holy time.

Als dann um halb eins die Gebrüder Teichmann den Sound übernehmen, macht sich Verwirrung, Ratlosigkeit und ein wenig Ärger in der Feiergemeinde breit. Zwei Freundinnen von mir sind extra und nur für Âme gekommen - wer nicht? -, haben den satten Eintritt bezahlt und sich darauf eingestellt, den Laden um drei wieder verlassen zu können. Der Grund: nicht etwa Feierunwilligkeit - darauf steht heute Abend die Todesstrafe -, sondern die Tatsache, dass sie am Samstag früh aufstehen und arbeiten müssen.

Irgendwann wird klar, dass Âme jetzt doch nicht um halb eins, sondern erst um drei auftreten wird. Und: Die Info macht per Buschfunk die Runde. Offiziell, von vorne, wird nichts verlautbart. Weder 'dass', noch 'warum'.  

Aufheiterle

Eigentlich tragisch, statt komisch: Immer wieder setzt die Anlage aus. Mal fallen die Mitten, mal die Bässe, mal die Höhen aus. Liebes Waldsee-Team, das nervt! Doch wenn selbst Gott, in diesem Fall Frank Wiedemann, darüber lacht, kann auch ich nicht anders, als in dieses Lachen Gottes einzustimmen.  

Fazit

Die O(h)rbital funktioniert im Waldsee - natürlich und zum Glück - besser als im Jazzhaus. Mit Âme hat sie es geschafft, einen überaus tollen Act nach Freiburg zu holen - dafür gebührt ihr Dank und Anerkennung. Jetzt noch ein schlüssigeres Line-up, eine vertrauenswürdige Playtime und ein paar Euro weniger Eintritt und das Freiburger Nachtleben hat einen neuen Hochkaräter. Da verzeiht man dann sogar solche Daneben-Bookings wie Markus Kavka.



Mehr dazu:


 

Foto-Galerie: Raffael Armbruster

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