Nightlife-Guru: Markthalle Freiburg

Nightlife-Guru

Die Markthalle in der Innenstadt ist in der wochentäglichen Mittagspause ein beliebter Anlaufpunkt für hungrige Büroarbeiter. Doch was geht da abends, am Wochenende? Unser Nightlife-Guru war am Samstag auf Kontrollbesuch.

 

(Die Jungs) An der Tür

Von einem Augenblick auf den nächsten dreht sich eine junge Frau in blauseidenem Etuikleid und knöchelhohen Stiletto-Stiefeln um. Hoch in die Luft greifen ihre Hände. Mit ausladenden Bewegungen unterstreicht sie ihre Erzählung, begleitet von übertriebenem Gelächter. Die Sektflöte, die sie in ihrer rechten Hand hält, hat sie vergessen. Es kommt zum Beinahezusammenstoß. Gerade noch kann ich ausweichen, bevor sich der Schaumwein auf das Kopfsteinpflaster des Martinsgässles ergießt.

„D’ Claudi het scho eine sitze“, höre ich die Männer um sie herum grölen, während ich das Innere der Freiburger Martkhalle über fünf, sechs Stufen und eine verglaste Flügeltüre erreiche. Ansonsten sind die Zugangsbedingungen denkbar einfach. Keine Gesichtskontrolle breitbeinig stehender Leute in schwarzer Funktionskleidung und mit Knopf im Ohr. Kein Dresscode, und Eintritt wird auch nicht verlangt.

Inneneinrichtung & Deko

Die Freiburger Markthalle befindet sich zwischen Grünwälderstraße und Gerberau in den Räumen der ehemaligen Druckerei von Poppen & Ortmann. Daran erinnert heute noch die Inschrift „Freiburger Zeitung“ über dem Torbogen in der Grünwälderstrasse. Wurde hier vor knapp drei Jahrzehnten noch die „Badische Zeitung“ gedruckt, kann sich der Besucher nun von Montag bis Samstag an zwanzig Ständen nach Herzenslust und Geldbeutelgröße den Ranzen vollschlagen.

Die Betreiber des indischen Essstandes „Udaipur“ beispielsweise vertreiben das Alltagsgrau klischeegerecht mit einem psychedelischen Farbenrausch in Gelb und Orange. Zwei (hoffentlich nicht) tropenhölzerne Götterstatuetten gemahnen den Gast, dass dies vielmehr ein Ruhe- und Kraftplatz denn ein Ort ausgelassener Feierei sei. Mit den entsprechenden Landesfahnen beflaggt und einer Unmenge an Nippesfiguren dekoriert, die teilweise albtraumhaft verzerrte Formen aufweisen, begrüßen die Vertreter südamerikanischer Länder den Besucher.



Die Jungs und Mädels vom „Canoa Brasil“ beschwören den Strand von Ipanema und den Geist von Caipirinha, indem sie einen Teller Sand sowie Unmengen an Limetten in einer Vase auslegen. Pampafeeling gibt’s dagegen bei der argentinischen Steakbraterei gegenüber. Blickfang dort ist unbestritten der Cowboysattel. So neu und unverbraucht, wie er aussieht, hat er bestimmt noch nie als Auflage gedient.

An der „Badischen Bar“ hingegen ist Minimal Chic angesagt. Deren Inhaber präsentieren lediglich Farbfotos ihrer Köstlichkeiten auf dezent rotem Grund. Die Raummitte der Freiburger Markthalle beansprucht passend zum sonnenköniggleichen Auftreten seines Inhabers „Champagner Express“. Über diesem edlen Saufstand schwebt ein üppiger Kristallleuchter. Er taucht die dekadente Abendgesellschaft in ein organisch warmes Licht. Fehlen nur noch schwere Teppiche, dichte Samtvorhänge und die Aufhebung des Rauchverbots.

Wer kitschaffin ist, bewertet die Essensstände sicher als „voll schön dekoriert“.



Wer war da?

Von Ferne glaube ich, Sascha Fiek und Daniel Sander im orange-rötlichen Schein der SuSa-Bar zu erkennen. Doch meine Begleitung, eine ausgewiesene Kennerin der örtlichen Polit- und Gossipszene, winkt ab und schüttelt den Kopf. Schade.

Meine Enttäuschung verfliegt jedoch sehr schnell. Auch ohne diese beiden aufstrebenden Freiburger Jungpolitiker ist die Markthalle am heutigen Samstagabend ein reichhaltiges menschliches Biotop. Vieles gibt es hier zu entdecken. Mir begegnen eine Handvoll Nürnberg-Fans, die alle ein wenig traurig und verloren dreinblicken. Vielleicht liegt es auch nur am Bier und nicht an der kassierten Niederlage, denn sie bringen ihre Gläser halbvoll zur Geschirrsammelstelle. In deren unmittelbarer Nähe lehnen ein paar Männer um die Vierzig. Sie tragen marineblau-weiß gestreifte Hemden mit Stickereien auf der Brusttasche und die Haare zur Business-Frisur nach hinten gegeelt. Der baumwollfeine Pullover um die Schultern soll Lässigkeit vermitteln. Sie haben eine Gruppe Frauen ins Visier genommen, die vom äußeren Erscheinungsbild sehr gut zu ihnen passen könnten. Denn bei diesen bestimmt ebenfalls der Marine-Look die Abendgarderobe

Ein wenig gesetzter, etwas weniger auf Äußerlichkeiten bedacht, ist das Publikum an der Champagner-Bar oder in der langen Schlange vor der „Sorbetteria Zuccolotto“. Hier wird niemand mehr von Frühlingshormonen aus der Bahn geworfen, ganz im Gegensatz zu der Gruppe junger Mädels, die sich mit pastellfarbenen Spaghetti-Kleidchen und Strassverzierung am Décollete für irgendeine Party feingemacht haben. In jugendlichem Überschwang und mit unstillbarem Lebensdurst rauschen sie durch die Menschenmenge und eilen zu der Cocktailbar, die am Eingang zur Grünwälderstraße gelegen ist.



Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

„Gopferdammi!“ Ein Endvierziger, der unüberhörbar aus der Schweiz kommt, flucht laut auf. Soeben hat er sich zu seinem „Bife de Chorizo“, einem argentinischen Rumpsteak, ein Glas Rotwein geholt. Dabei hat er seinen Geldbeutel irgendwo liegen gelassen, vermutlich am Ausschank. Er bahnt sich seinen Weg durch das Menschendickicht, in der Hoffnung, seine Geldbörse wiederzuerlangen.

Davon sichtlich unbeeindruckt geben sich die beiden Frauen am Nebentisch. Sie schenken Sekt nach und überlegen auch für alle Umstehenden unüberhörbar, ob sie später noch Cocktails trinken wollen. Der Alkohol verfehlt bei diesen seine Wirkung nicht, genauso wenig wie die Auflegekünste des DJs. Sie fühlen sich noch einmal wie achtzehn Jahre jung, fangen an, sich hüftintensiv zu irgendeinem Chartklassiker zu bewegen und stimmen lautstark in den Refrain mit ein. Keine Rücksicht nehmen sie dabei auf alle diejenigen, die mit ihrem Essensteller auf der Suche nach einem freien Stehplatz durch den Raum irren.

Inzwischen hat der DJ aus den Untiefen seiner CD-Sammlung„Can’t Get You Out Of My Head“ von Kylie Minogue zu Tage gefördert. Ein geheimnisvolles, energetisches Knistern geht durch den Raum. Durch Sashas „Please Please Please“ wird es verstärkt.

Ein zuverlässiger Allrounder und wahrer Garant der ultimativen Partystimmung scheint dieser Jock zu sein, denn eine Vielzahl Frauen und Männer, deren Diskothekenbesuch schon einige Jahre in der Vergangenheit liegt, wippen zum Beat seiner aufgelegten Songs intensiv mit. Dass der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull am Wochenende das internationale DJ-Business zum Erliegen gebracht hat und viele Veranstaltungen auf ihre Headliner verzichten mussten, interessiert hier nicht.

Betritt man dagegen die Bar im Eingangsbereich zur Grünwälderstraße, taucht man ein in matten Kerzenlichtschein und Brazil Beat-geschwängerte, mit lateinamerikanischen Downtempo-Themen angereicherte Sounds. Gebrochene Rhythmen treffen auf Flamenco-Gitarrensamples und Stimmfragmente. Ein mit Dub-Hall-Effekten versehenes „Te quiero mucho mi corazon“ soll wohl einen Hauch von Erotik verbreiten. Die Gäste sitzen und stehen am Bartresen und unterhalten sich mit gesenkter Stimme. Gesprächsfetzen verlieren sich sehr schnell in den unaufdringlichen, auf Dauer aber stinklangweiligen Klängen.



Catering & Getränkekarte

In der Freiburger Markthalle beeinträchtigt ein Überangebot an Speisen und Getränken meine Entscheidungsfreiheit. Soll es ein argentinisches Steak, eine brasilianische Feijoada, verschieden gefüllte Enchiladas oder doch lieber eine Süßspeise sein, die der sizilianische Zuckerbäcker Zuccolotto jeden Tag frisch zubereitet? Reizüberflutet irre ich von Stand zu Stand. Ich kann mich nicht entscheiden.

Abstoßend wirken jedoch die Käsewürfel, die in der Vitrine am Feinkoststand ausliegen. Wahrscheinlich sind sie schon seit den frühen Morgenstunden Licht- und Lufteinwirkungen ausgesetzt, denn ihre Oberfläche überzieht ein schwitzig-nasser Film. Cocktails werden ab 3,90 angeboten. Ebenfalls 3,90 kostet ein Glas „Kaiserstühler Secco“, erhältlich am Ausschank des Weingutes Burkhardt.



Auf dem Klo um halb zwölf

Ein ersichtlich bedudeltes Pärchen eilt schwankenden Schrittes und laut kichernd die Treppen hinab zu den Toiletten. Verzweifelt weist sie die Reinigungskraft darauf hin, dass das Geschäft geschlechtergetrennt zu verrichten sein. Seine Stimme und Ermahnung verhallen ungehört. Eine Viertelstunde später steht das Pärchen in der Frühlingsnacht, eine Zigarette rauchend.

Aufheiterle

Siehe oben.

Aufregerle

Unerträglich unangenehm fällt ein Rudel Männer auf, die jeder Frau mit gierigen, sexdurstigen Blicken nachstellen. Diese schrecken am heutigen Samstagabend auch nicht davor zurück, jungen Mädels, deren Väter sie sein könnten, aus dem Gedränge heraus über den Rücken zu streichen beziehungsweise an den Hintern zu fassen. Ekelhaft!

Fazit

Die Freiburger Markthalle ist eine gute Anlaufstelle, um fernab von Pizza (die es auch gibt) oder Döner (den es nicht gibt), eine Kleinigkeit zu essen und im Vorübergehen einen Cocktail zu genießen. Bemerkens- und lobenswert ist die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Standbetreiber, sich im Speiseangebot zurechtzufinden.

Wer zudem auf Klänge einer SWR3-Party- oder Oldies-Nacht besonders gerne feiert, wird sich rundum wohlfühlen.