Nightlife-Guru: Livingroom.fm in der Osteria Acqua, Basel

Nightlife-Guru

Die legendären Crate Digger Kon & Amir lockten unseren Nightlife-Guru gestern Abend zum Live-Radio-Event von Livingroom.fm in die Osteria Acqua nach Basel. Warum er enttäuscht zurück gekommen ist:

  

Die Jungs an der Tür

Vom Elisabethenparkhaus kommend, folge ich den Straßenbahnschienen aus der unmittelbaren Innenstadt heraus. Alte Stadthäuser mit Restaurantbereich im Erdgeschoss säumen meinen Weg. Die Schaufenster sind hell erleuchtet, und dennoch wirkt die Gegend trostlos und verlassen. Weder erblicke ich verwöhnungsbereite Gäste durch die Fensterfronten, noch begegne ich weiteren Fußgängern auf dem Weg in Richtung Osteria Acqua.

Unterstützt wird die triste, etwas beklemmende Atmosphäre durch kaputte Straßenlaternen. Wenige Minuten später stehe ich vor dem Eingang der Osteria Acqua, die mit bunten Lichterketten und allerlei farbigem Kitsch erleuchtet ist, ein mutiger Aufmerksamkeitsakzent in dieser alles andere als lebendigen Gegend. Security-Dienst schiebt hier niemand, auch wenn zwei bullige Typen in Regenoverall missmutig auf dem Gelände herumlungern.

Inneneinrichtung und Deko

Die Osteria Acqua ist in ihren Proportionen flach und langgezogen. Das alte, narbige Steingemäuer wurde freigelegt, der verbaute Beton schimmert in der Dunkelheit anthrazitfarben, Sitzmöbel aus leicht faserigem Holz, mit hellem Leder bezogen, laden zum Verweilen ein.

Die ehemalige Funktion des Gebäudes als Badehaus und Wasserwerk tritt im Innenraum heute nur noch als Zitat auf: ein überdeckter Wasserlauf führt durch die Mitte des Raumes, und der süßlich-modrige Geruch wird – Gott sei Dank - durch traumschwangere Duftwolken von Hugo Boss Deep Red überlagert.

Zwar knistert kein Kaminfeuer, erhellt kein sprühender Funkenschlag die Dunkelheit, doch zahlreiche flackernde Kerzen verbreiten eine Stimmung, in der man durchaus Lust am anderen – oder gleichen? – Geschlecht bekommen könnte.

Wer war da?

Zuallererst: auch wenn an diesem Donnerstagabend das legendäre New Yorker Plattensammler-Duo Kon & Amir auf dem Programm steht, fehlen kauzig-eigenwillige Musiknerds und Crate Digger, knorrige Charakterköpfe, die sich nur im Schutze der Nacht unter fremde Menschen trauen und vor jedem Disco-Klassiker eine innere Ehrfurcht zeigen und andächtig mit dem Kopf nicken.

Keiner der Anwesenden macht den Eindruck, als ob er tage- und nächtelang auf Musikblogs, Discogs oder DJHistoryabhängt. Niemand hat tiefblaue Augenringe oder einen nachtblassen Teint. Die Wangen von Urs Leibundgut und Simone Jäggi-Minders Gästen leuchten vielmehr winterurlaubsrot. Glattrasiert und weich ist das männliche Gesicht, das weibliche Antlitz schimmert zart gepudert.

Anyway. Den Gästen ist vielmehr nach After Work Socials denn nach Grenzverlust und Nebel im Kopf zumute. Schließlich ist das Acqua auch kein schummriger Hinterhofclub, sondern eine Osteria, um gepflegt den Feierabend bei zart-aromatischen Speisen aus dem Mittelmeerraum zu verbringen. Der einzige Vertreter einer prekären Boheme scheine ich zu sein und bin den meisten daher genauso fremd, wie mir der Lebensentwurf Festanstellung.

Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Wer heute Abend die Osteria Acqua aufsucht, beschreitet drei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Kaum betrete ich die Lokalität, befinde ich mich auf einem, naja, Ambient Floor. Junge Menschen lungern gelangweilt in schummerig dunklen Nischen auf bequemen lederbezogenen Sitzmöbeln herum. Nur selten dringen Gesprächsfetzen an mein Ohr. Beinahe beängstigend ist die Stille.

Unweigerlich fällt mir dazu eine Zeile eines weitläufig bekannten Spottgedichts ein: „Drinnen saßen stehend Leute, schweigend ins Gespräch vertieft“. Auch die Körperbewegungen sind derart entschleunigt, dass es schon als Ereignis gilt, wenn Mann oder Frau den kleinen Finger beim Anheben des Weinglases abspreizen. Nur diejenigen, welche kurz beiseite treten müssen, unterbrechen diese andächtige Ruhe. Denn der Weg zum Klo führt unmittelbar durch diesen Raum.

Ein paar Schritte weiter, an der Bar, herrscht hektischer Hochbetrieb. Emsige Hände rühren Longdrinks, schütteln Cocktails, füllen Biergläser am Zapfhahn, leeren vollgequalmte Aschenbecher. Um das in einer Ecke stehende DJ-Pult drängen sich die allerbesten Freunde und Bekannten des Gastgebers und Livingroom.fm-Machers Thomas Brunner, schauen ihm beim CD-Wechseln und Plattenauflegen zu.

Geschäftsleute unterschiedlicher Branchen eilen an den Tresen, bestellen sich ein Bier – Feldschlösschen, schmeckt ähnlich lasch wie Kölsch –, schütten sich zwischen zwei großen Schluck gegenseitig ihr Herz aus und verschwinden wieder in die Dunkelheit. „Wann spielen denn die beiden Jungs“, werde ich auf einmal angesprochen. Ein älterer, stark ergrauter Herr mit ausgebeulten Cordhosen, ausgetretenen braunen Lederschuhen und schwarzem Rollkragenpullover hat sich zu mir gesellt und fragt, ob und wann Kon & Amir ein paar Platten drehen werden. In seiner linken Hand hält er einen Jute-Beutel, darin befinden sich ein paar 7“- und 10“-Schallplatten.

Nervös raucht er eine Zigarette nach der anderen. „Das wird heute nichts mehr“, knurrt er. „Die machen nur die Radiosendung. Scheißdreck!“ Er zahlt sein Bier und zieht enttäuscht ab.

Von der Bar reicht der Blick über die offene Küche in den Restaurantbereich. Dort ist das Publikum ein wenig älter, gesetzter, mit sich selbst und allerlei appetitanregenden Speisen einer stark italienisch beeinflussten Küche beschäftigt. Eine kross gebratene Bistecca Fiorentina liegt ihnen mehr am Herzen denn krispe Funk-Beats, ein mit Kräutern gefüllter Branzino bedeutet ihnen mehr als Basslines.

Die Völlerei in Ehren, doch ich will endlich Soul Food aus den Händen von Kon & Amir. Diese jedoch stehen der Moderatorin von Livingroom.fm geduldig und ausdauernd Rede und Antwort. Nach der zweiten Interview-Session, die zudem auch immer noch auf Schwyzerdütsch übersetzt wird, habe ich die Schnauze voll von Livingroom.fm. Dreieinhalb Stunden „Sendung“, ohne dass das bekannte New Yorker DJ-Duo eine Platte spielt. Ich ziehe den Mantel an und verschwinde, ebenfalls enttäuscht, in die Nacht.



Auf dem Klo um halb elf…

…trete ich wutentbrannt gegen die Tür. Kindische Ersatzreaktion und Ausgleichhandlung, ich weiß. Ist mir zu dieser Zeit aber scheißegal, und ich trete nochmals zu.

Catering & Getränkekarte

Bei Gott, die Preise sind fürwahr nicht niedrig, wenn man einen Cocktail trinken möchte. Bier, Cola & Co. halten sich dagegen mit sechs Schweizer Franken durchaus im Bereich des Erträglichen.

Aufregerle

Klar, das Künstler-Interview gehört zum Konzept von Livingroom.fm. Aber dass die dazu eingeladenen Gast-DJs während dreieinhalb Stunden nicht an die Turntables gehen, ist schade, zumal wenn Größen wie Kon & Amir vor Ort sind. Zu gerne hätte ich ihre Auswahl ungeschliffener Funk- und rauer Soul-Platten gehört, anstatt das glattgeleckte, massenmedientaugliche Geschwätz der Moderatorin.

Aufheiterle

Basel, Badischer Bahnhof. Ich helfe einer weizenblonden, Cameron-Diaz-gleichen Frau Anfang Vierzig, ihr schwere Gepäck die Treppen hochzutragen. Darüber entwickelt sich ein Gespräch, um nicht zu schreiben Flirt, der uns beide den Zug verpassen lässt. Wir nehmen’s beide mit Gelassenheit, trinken einen Caffè Corretto im Les Garecons, und ich merke, dass ich über die Jahre doch etwas älter geworden bin.

Fazit

Livingroom.fm ist eher Dine & Wine mit namhaften Gästen denn schweißtreibende Party.

[FYI: Fotos machen ist im Acqua nicht erwünscht.]

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