Nightlife-Guru: Lichtkick 1.0 im Werkraum

Nightlife-Guru

Die Werbung für Lichtkick 1.0 war 1A: Ein mit LEDs dekoriertes Holbeinpferd, tolle Fotos, eine Proberunde Licht-Grafitti auf der Theater-Front. Grund genug für unseren Nightlife-Guru, die Party im Werkraum des Theaters auszuchecken.



Die Jungs an der Tür


Voller Vorfreude bewege ich mich durch den kühlen Abend Richtung Stadttheater, in der Hoffnung, hier einen Sommernachtstraum zu erleben. Erinnerungen an das Jahr 2007 werden wach, an eine der besten, originellsten Partys, die ich in Freiburg je erlebt habe – „Orbit auf der Bühne“.

Zum Werkraum, wo die Veranstaltung stattfindet, gelangt man über das Theatercafé, dessen weitläufige Terrasse heute als Smoker’s Lounge dient. Ob albern oder witzig: schon sehe ich die ersten Partygänger mit Leuchtdioden im Haar. Immer dem Licht nach, muss es folglich heißen, und so kämpf ich mich durchs proppevolle Café und reihe mich in die Warteschlange ein. Es geht schnell. Unvermittelt stehe ich an der Kasse, zahle humane 3 Euro Eintritt, bekomme einen Stempel aufgedrückt („24.12.2010“) und darf mir – Weihnachten! – drei LEDs aussuchen.



Während eine stämmige Türsteherin die Frauenquote erfüllt, sorgt ihr untersetzter, glatzköpfiger Kollege für einen geordneten Einlass der Gäste. Freundlich werde ich gebeten, meine Tasche zu öffnen; ein Lächeln, ein „Vielen Dank“, signalisiert mir, dass ich die Prüfung bestanden habe. Im Musentempel weiß man, wie Gäste zu behandeln sind.



Einrichtung & Deko

Ich betrete den Ort des Geschehens und finde mich nicht sofort zurecht. Gibt’s eine Bar? Und: Wo ist der DJ? Alles sehr improvisiert heute. Macht aber nichts, empfinde ich eher als spannend, gehe sogleich auf Erkundungstour.

„Experiment, Lichtkunst, Clubbing“ hatte das Freiburger Nachtgestaltungslabor (in Kooperation mit Enter. Theater & Uni) sich vorgenommen, im Werkraum des Freiburger Stadttheaters zu inszenieren. Innovatives, Außergewöhnliches war versprochen worden. Die Tanzfläche sollte zu einem „bunten Lichtermeer“ werden; "Graffiti aus Licht" und Performance-Damen sollte es geben.



Die Idee mit den bunten LEDs, Throwies genannt, stellt sich als grundsätzlich gut heraus – lustig, Glühwürmer an Haar und Brille, an Schuh und Kragen zu sehen –, ist aber in ihrer Umsetzung irgendwie inkonsequent. Es reicht nicht aus, die Gäste mit drei Leuchtdioden auszustatten, und es kann auch nicht erwartet werden, dass sich jeder noch welche dazukauft, was angeboten aber verständlicherweise nicht genutzt wird.

Vergeblich halte ich nach Lichtapplikationen, Motiven, Mustern, einem Sternenhimmel Ausschau. Abgesehen von ein paar lieblos angebrachten LEDs: Nichts. Die beiden Performance-Damen stellen sich als früh gealterte Drag Queens heraus: Während Candygirl Skippy die ganze Nacht hindurch versuchen wird, die in ihrem Bauchladen untergebrachten Süßigkeiten – wenigstens for free – an den Mann zu bringen, wird es Gothic Lolita Artist’s Aufgabe sein, ihre beleuchtete Vogelnest-Frisur spazieren zu führen.



Gut gemeint, aber: Was soll das? Am interessantesten ist noch das aus Wien importierte Tagtool, ein virtuelles Zeichenbrett, dessen Ergebnisse per Projektor an die Wand geworfen werden. Mittels verschiedener an der Seite angebrachten Regler, die an ein Mischpult erinnern, kann die Farbe und Stiftstärke verändert werden; andere Buttons erlauben es, das Gezeichnete zu animieren.



Die Open Session, während der jeder – auch ich – einmal ran darf, scheint mir die ganze Nacht anzudauern, und so gibt’s statt professionellen Visuals Pseudo-Graffiti und Kindergarten-Gekrakel. Schade, dass man auch diese Chance verspielt.



Auf der Galerie wird in einen großen, verschnörkelten Bilderrahmen Werbung der Sponsoren projiziert. Gute Idee, toller Effekt - doofe Motive.

Wer war da?

Das Publikum ist einseitig und heterogen zugleich. Es sind die Kulturschaffenden und Theatergänger, die Schauspieler und Galeriebesucher. Sehen und gesehen werden. Wer was auf sich hält, sitzt wenigstens im Theatercafé und trinkt seinen Spätburgunder. Theodor Adorno trifft auf Marc Jacobs; runde Hornbrillen werden mit hippen Nerd-Gestellen konfrontiert. Die Breisgau-Bohème, wenn man so will. Angereichert mit einem Schuss Berlin-Friedrichshain.

Party-Atmosphäre & Klangwaren-TÜV

Dass keine Stimmung aufkommt, liegt wahrscheinlich nicht so sehr am hinter seinen Möglichkeiten zurückgebliebenen Konzept, sondern eher an zwei anderen Faktoren. Erstens sind der Raum und die Tanzfläche zu groß. Zwar sind genügend Partygänger vor Ort, diese verteilen sich aber auf Werkraum, Theatercafé und Terrasse, und ich habe das Gefühl, draußen ist mehr los als drinnen.



Auch der Sound ist alles andere als dazu geeignet, den Dancefloor zu füllen und die Crowd zu rocken. Nicht, dass die DJs ihre Sache nicht gut machen. Loco legt bis halb eins gediegenen Old School HipHop à la Gangstarr und Cypress Hill auf; der Plastic-Pop-Soldier Francois Super U serviert elektronische Feinschmeckerkost aus dem Hause Kitsuné und Ed Banger – ein erster Höhepunkt ist gegen 1:30 Daft Punks Technologic im Digitalism Remix.



Aber warum stellt man in diese riesigen Räumlichkeiten eine Anlage, die weniger Saft hat, als meine unterdurchschnittliche Aiwa-Kompaktanlage aus den 90ern? Die Bässe übersteuern, der Klang ist „schrottig“. Ich stehe direkt neben einer der Boxen und höre dennoch nichts. Viele flüchten sich lieber ins Kulturgeschnatter nebenan.

Catering

Wie so vieles, ist auch die Bar improvisiert. Ein vereinzelter Barkeeper versucht diese zu schmeißen und ist dabei derartig überfordert, dass die meisten auf die Bar des Theatercafés ausweichen. Dort wird man schnell und gewohnt freundlich bedient. Um halb Zwei gibt’s hier in Flaschen nur noch das Mönchengladbacher Kultbier Hannen Alt für 2,50 Euro. Ansonsten steht die gesamte Getränkekarte des Cafés zur Verfügung – ein Plus, dass auf die Erfahrung und Kompetenz dieses eingespielten Teams gebaut werden kann. Ein Mädchen, Typ: Kunstgeschichte im Hauptfach, beschwert sich: „Warum bin ich um Zwei noch nüchtern?!“

Auf dem Klo um halb Vier & Aufheiterle

Die Party soll bis Fünf gehen, in Anbetracht der schlechten Stimmung beschließe ich aber, schon um Drei abzuhauen. Vorher noch mal aufs Klo – war viel Bier, heute Abend. Pfeile weisen mir den Weg zur Erleichterung. Ich schließe mich in eine Kabine ein, und da: ein Lichtblick! Die Kreativen enttäuschen mich nicht! Jemand hat unartig eine Toilettenpapierrolle in die Kloschüssel geworfen. Mitten drinnen: eine Leuchtdiode.

Fazit



Tolle Idee, gutes Konzept – schlechte Umsetzung. Wenn so etwas in Freiburg schon nur alle paar Jahre stattfindet, dann doch bitte richtig. Das gilt auch für den Sound: gute DJs, tolle Musik, aber mehr als schlechte Beschallung. So kann keine Stimmung aufkommen.

Positiv: die durch Café und Terrasse vergrößerte Räumlichkeit und das angenehme Publikum.