Nightlife-Guru: Kid Fresh im E-Werk

Nightlife-Guru

Donnerstagabend stand im E-Werk niemand geringeres als der bei diversen DJ-Contests ausgezeichnete Kid Fresh hinter den Plattentellern, um fröhlich durch die Musikgeschichte zu wildern. Wie sein Bastard-Sound beim Freiburger Publikum ankam, hat unser Nightlife-Guru analysiert.





Die Jungs an der Tür

Um Schlag Mitternacht betrete ich das Foyer des E-Werks. Der Weg hierher war lang und beschwerlich. Trotz des Nieselregens hängen drei, vier Cliquen vor dem Gebäude in der Eschholzstraße ab und rauchen.

Ich stehle mich an den grimmigen Türstehern vorbei, werde aber an der Kasse freundlich begrüßt. Noch sieht’s hier nicht nach Party aus, und so frag ich naiv, ob mir der Stempel angesichts der gähnenden Leere auch für die Hälfte aufgedrückt würde. „Nee, leider nich. Geht ja auch erst um 1 richtig los.“

7 Euro
wären vielen Freiburger Nachtschwärmern zu viel, gehen für einen Act wie Kid Fresh aber mehr als klar – für zweitklassige Blockbuster mit Überlänge zahlt man im Cinemaxx mittlerweile dasselbe.

Inneneinrichtung & Deko

Die kargen Räumlichkeiten des E-Werks verdanken ihre eigenartige Strahlkraft ihrer Vergangenheit als städtisches Elektrizitätswerk. 1901 floss hier der erste Gleichstrom, ab den 50ern lag das Gebäude brach, 1989 machten es sich Künstler zu Eigen. Heute gilt das ehemalige Dampfkraftwerk als Aushängeschild der alternativen Freiburger Kultur.

Im Lounge-Bereich verschmilzt eine alte Drehbank mit der Bar; weiter hinten zeugt ein riesiger Schaltplan von vergangenen Zeiten. Sowohl die unverkleideten Lüftungsrohre als auch die Stahltreppe, welche in die Büros auf der zweiten Ebene führt, unterstützen das industrial feeling. Auf die nackten Wände wird in gigantischen Dimensionen und vermeintlich urbanen Posen der Held des Abends projiziert: Kid Fresh.

Wer war da?

Anfänglich habe ich den Eindruck, auf einer Fete im benachbarten Jugendhaus gelandet zu sein: wenige Mädels, viele Jungs mit Acne vulgaris, Null-Bock-Atmo. Im Laufe der Nacht wird das Kontingent an X-Chromosomen aber glücklicherweise aufgestockt und reiferes Publikum hebt den Altersdurchschnitt. Die Hoodies und Baggies, Basecaps und B-Ball-Sneakers werden hingegen nur selten von alternativer oder glamouröser Klamotte abgelöst.



Ich schüttle so manchem Kamikaze- und Waldseegänger die Hand und sehe sogar das Freiburger DJ-Urgestein Elie Parker an den Tresen stehen. Später klärt mich ein Street Artist über die hiesige Graffiti-Szene auf.

Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV



Kurz vor 1 habe ich schon beinahe die Hoffnung aufgegeben, hier und heute noch richtig abzurocken. Die Black Beats alter Schule lassen das Publikum kalt, der Alkohol verliert an Wirkung, meine Kippenschachtel ist halbleer und der Hauptakt lässt auf sich warten.

Ich verfluche den Abend und will schon gehen – da legt DJ Empire Elektronisches auf und bringt die Crowd innerhalb kürzester Zeit zum kochen.



Kurz darauf kündigt sich scratchenderweise der dreifache ITF-World DJ-Champ an: Andreas Demeter a.k.a. DJ Kid Fresh. Ich bin gespannt, was der Göttinger Plattenjongleur zu bieten hat und stelle mich direkt vors DJ-Pult. Die Lautstärke ist mittlerweile fast unerträglich – aber ich krieg ja schon bei ’nem Symphoniekonzert einen Hörsturz.

Turnvater Jahn wäre stolz auf Kid Fresh, denn er macht dem Namen seiner Crew – Lordz of Fitness – alle Ehre: Schweißtreibend, Daft Punk und die Beastie Boys in einem Atemzug zu nennen, dann Guns ’n’ Roses mit Cyndi Lauper bekannt zu machen, um zuletzt Curt Kobain und Britney Spears ein Duett singen zu lassen.

Keine Platte wird länger als eine Minute gespielt; der lang gewachsene Soundakrobat schraubt und tüftelt nach allen Regeln der Kunst. Die Feiernden öffnen sich indes dem eklektischen Stil des DJs und tanzen entfesselt HipHop-Moves auf Elektro-Mucke. Heute scheint die Musikrichtung keine übergeordnete Rolle zu spielen – Hauptsache es rockt!



Um 2:15 Uhr legt Kid Fresh mainstreemigen House à la 18 Months auf und ich geh aufs Klo. Zum Glück findet er bald wieder zur alten Stärke zurück – und jetzt geht’s hier ab wie zuletzt in der Walpurgisnacht. Das E-Werk wird zum Hexenkessel und die Groupies drängen Richtung DJ.

Gegen 4 Uhr packt der Mann mit den wundertätigen Händen seinen Plattenkoffer und überlässt es den Freiburger Locals, die müden Körper wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen.

Getränkekarte



An beiden Bars – eine kleinere im Lounge-Bereich, eine größere neben der Tanzfläche – geht vor allem Freiburger Pilsener (2,50 Euro) über den Tisch, vereinzelt werden aber auch Longdrinks (4,50 Euro) getrunken. Ich werde schnell und freundlich bedient, was vielleicht daran liegt, dass eine alte Bekannte von mir hinter den Tresen steht.

Auf dem Klo um halb vier

Die sanitären Einrichtungen des E-Werk befinden sich in dessen Keller. Ein langer, hell erleuchteter Korridor sorgt für Ernüchterung. Kleine Gruppen diskutierender Partygäste säumen den Weg zu den WCs und rauchen. Dort ist es leer und still. Erst als ich mir die Hände wasche, stolpern zwei Alk-Zombies rein und stellen ihre Männlichkeit durch lautstarkes Rülpsen unter Beweis: „Wenn, dann hier,“ sagt der eine. „Vor allem, weil hier keine Mädels sind,“ entgegnet der andere. Stimmt, denke ich.



Aufregerle

Als die Stimmung gegen 3 Uhr ihren Höhepunkt erreicht, glauben manche, dem einstmaligen Punk-Musiker Kid Fresh durch harten Körpereinsatz ihre Ehrerbietung zu erweisen. Nervig, wenn man dies außerhalb des KTS tut.

Fazit


Der Ausflug in die Eschholzstraße lohnt sich! Inspirierendes Ambiente, innovatives Angebot, angenehmes Publikum und rauschhafte Nächte. Und für nächstes Mal: Pogo + HipHop = No-Go.

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