Nightlife-Guru: JKF-Afterparty in der Elisabethenkirche Basel

Nightlife-Guru

Im Jahr 2000 war unser Nightlife-Guru noch Zielgruppe des Jugendkulturfestivals, das versuchsweise auch in Freiburg stattfand. Dreizehn Jahre später traut er sich auf die Afterparty der in Basel nach wie vor erfolgreichen Sause – denn sie findet in der Elisabethenkirche statt. Ein Bericht übers Zu-Alt-Sein und Mit-Allohol-Vergessen.



Die Mädels und Jungs an der Tür

Schon von Weitem sehe ich die bunten Lichter durch das Maßwerk des Elisabethenkirchturms leuchten - Discokirche, ich komme! Die Hauptpforte allerdings ist versperrt, ich werde umgeleitet und finde ein kleines Labyrinth aus Absperrgittern, gemacht zum Schlangestehen.

Doch außer mir und meiner Begleitung will niemand rein: Auf den Bühnen, die sich in der Großbasler Altstadt verteilen, gibt es bis in die Nacht Gratis-Konzerte und das Wetter spielt noch mal Sommer - wozu also 15 Schweizer Franken berappen? Weil die historistische Location im neugotischen Stil die perfekte Kulisse für den wochenendlichen Sündenfall ist.

Also vorbei an der Taschen- und Ausweiskontrolle, von den freundlichen Mittzwanzigern im Kassenhäuschen ein Papierbändchen ums Handgelenk kleben lassen und an gefühlten siebzehn weiteren Ordnerinnen und Ordnern vorbei endlich in die heiligen Hallen.

Inneneinrichtung und Deko

Das How-To des Lounge-Imitierens wurde genau befolgt und so stehen vor der Kirche dunkle Möbel aus geflochtenem Plastik mit weißen Sitzkissen neben bepalmten und bebambusten Blumenkübeln. Sogar im Hauptschiff befinden sich Pflanzen, ansonsten lässt man aber die Architektur sprechen: Die Lichter sind perfekt abgestimmt auf die verschiedenen Elemente des Kirchenbaus und betonen abwechselnd die Apsis, das DJ-Pult an der Stelle, an der ich einen Altar erwarten würde (aber Basel ist reformiert) und die Empore.

Nach dem ersten Wein finde ich das Lichterspiel so interessant, dass ich mich auf einer der schönen alten Holzbänke niederlasse und vor Zuschauen das Feiern kurzzeitig fast vergesse. Notiz ans E-Werk: Das Parkett hier ist noch schöner und ich sehe nur zwei fiese Partytäter, die es gern kaputtfeiern wollen. In Wahrheit sogar niemanden - freie Menschen sind friedlich.

Wer war da?

Ein heftig knutschendes Paar, dass sich rhythmisch gegenseitig ans Kirchengemäuer drückt, bevor es bemerkt, dass es nicht allein ist und dann lachend auf die Tanzfläche entschwebt, um einen Elfentanz aufzuführen. Außerdem der wohlfrisierte Marcel (oder Lukas) samt unfrisierter Gang, Leonie mit Rock und Leonie mit Jutebeutel, ein paar Abweichler mit Turnbeuteln und die üblichen Ausdruckstänzer, die im Musik-Fühlen unerklärlich fortgeschritten sind.

Ich würde ja sagen, der KJG veranstaltet ein Einführungswochenende ins Nachtleben, aber evangelisch, wie Basel ist, wäre das unpräzise. Vielleicht sind diese modisch-harmlosen Abiturientinnen und Abiturienten sogar gar nicht organisiert und nur zum Feiern gekommen. Als es sich gegen zwei in der Nacht langsam füllt, ziert sich jedenfalls niemand vor dem Sprung auf den Dancefloor.



Partyatmosphäre und Klangwagen-TÜV

Noch nie hat eine Lichtshow mehr Sinn gemacht und die Projektionen im Chor ziehen einen nach wenigen Gläsern Wein tief in die melodisch-treibenden House-Klänge hinein. Der Hall ist ungewohnt, aber der Sound haut schön rein, ohne monoton zu werden, und die müden Beine werden unvernünftig.

Catering und Getränke

In den Seitenschiffen stehen grüne Beck's-Stände und verärgern mein Auge, draußen eine weiße Bar passend zur temporären Lounge. Es gibt die gewohnten Softdrinks, alle Arten der österreichischen Taurin-Brause, Biere, Weine, Longdrinks und Shots zu okayen Preisen. Wer in der Schweiz betrunken werden will, muss im Schnitt wohl tiefer in die Tasche greifen, insofern meckere ich nicht. Prost!



Aufregerle

Als meine Begleitung und ich weit nach Mitternacht eintrudeln, tragen die meisten Anwesenden schwarze JKF-Shirts, später kommen junge Menschen mit weißen JKF-Lanyards hinzu und ich werde den Verdacht nicht los, dass kaum jemand bereit war, die umgerechnet 12,20 Euro zu bezahlen, wenn die komplette Innenstadt eine Draußen-und-umsonst-Party ist.

Aufheiterle

Meine Begleitung und ich versauen den Altersdurchschnitt gewaltig, aber die Dame am Eingang ist so freundlich, meinen Ausweis trotzdem gründlich zu studieren. Noch ein Mal Teenie sein, hach... Auch das oben erwähnte Pärchen erheitert mich: Trockensex in einem Gotteshaus hat was Erfrischendes, vorausgesetzt man erwartet bei dieser Art von Zweckentfremdung wenig Pietät.



Um zwei Uhr Nachts auf dem Klo

Ich fühle mich wie in einem alten Regionalzug: Überall nasses WC-Papier, keine Mülleimer und das komplette Häuschen wackelt. Knutschen will hier niemand, aber ein Mädchen schwört dem Freund, auf ihn zu warten. Das muss Liebe sein! Na gut, er will nur kurz pinkeln, aber sie hat es immerhin ernst gemeint.

Fazit

Dass Kirchen nicht für Parties erfunden wurden, irritiert, wenn man gesehen hat, wie gut es funktioniert. Zwar lag der Altersdurchschnitt der Feiernden bei ungefähr volljährig, aber wenn man sich erst mal ein paar Traubensäfte für Erwachsene in die untere Hälfte des Gesichts gekippt hat, ist das nicht wirklich ein Problem.

Lichtshow, Musik und Architektur ergaben ein stimmiges Ganzes und ich wünsche mir neben die monatlichen Ü30-Parties in der Elisabethenkirche noch eine Ü20-Reihe. Unter der Kanzel tanzt es sich eben andächtiger.

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