Nightlife-Guru: Jahreswechsel-Schlussverkauf im schwedischen Möbelhaus

Nightlife-Guru

Kampfmütter, Rentnerriegen, Kötbullar: ein schwedisches Möbelhaus am Tag nach Neujahr zu besuchen, wird für unseren Nightlife-Guru zur Bewährungsprobe. Wen er zwischen Ektorp-Sofas und Fintorp-Besteckständern getroffen und was er dort erlebt hat:

Die Jungs an der Drehtür

Zuerst spüre ich einen Schlag auf die Ferse, dann einen stechenden Schmerz bis ins Rückenmark. Ich drehe mich um und sehe einen Einkaufswagen. "Langsam, Luca, langsam", schreit ein Mann. Er ist Anfang dreißig. Ein sportlicher Typ, groß gewachsen, der seine Sportlichkeit mit Sportrucksack, Multifunktionsjacke mit Fellkapuze, Sportglatze und Schweißperlen auf seiner gut durchbluteten Stirn unterstreicht.


Und Luca? Das ist sein Sohn, etwa fünf Jahre jung. Er schiebt den Einkaufswagen. Die Rufe seines Vaters beeindrucken ihn nicht. Erst der Flügel der Drehtür bremst ihn aus. Er stolpert, fällt hin und weint.



Inneneinrichtung und Deko

Bevor der Lemminglauf durch die verschiedenen Raumarten beginnt, wird man betäubt. Tausende Duftkerzen in Rot, Grün, Braun und Weiß stapeln sich am Anfang des Verkaufsbereichs. Sie verströmen würzig-holzige und fruchtig-blumige Düfte, Vanille, Erdbeer, Moos und Glögg. Es soll bereits Süchtige geben, die für den Kick aus dem Tindra-Pack über hundert Kilometer anreisen.

Zurück zur Deko: An den Wänden hängen ganze Chargen irgendwelcher Porzellanhersteller. Auf den Tischen stehen lange, dünne und große, discke Kerzenständer. Ganz benebelt von dem Kerzenduft erwachen sie für mich zum Leben, zu Giacometti-Figuren und Nanas von Niki de Saint Phalle. Zwischen ihnen spazieren Elche, deren Namen ich vergessen habe.

Auf dem Boden liegen Flokati-Teppiche und -Brücken, in den Ecken und entlang des Laufwegs stehen die berühmten Poäng-Sessel und Ektorp-Sofas. Vom Einkauf erschöpfte Väter und redselige Rentnerpaare nehmen sie in Beschlag. Ich will mich setzen, einen kurzen Augenblick verschnaufen, wieder zu Sinnen kommen, doch: "Sie können hier nicht sitzen, das ist mein Platz", schreit eine Frau, Ende fünfzig, Anfang sechzig. Ich zucke zusammen, sehe mich um. Tatsächlich. Auf Ektorp Nummer 34 liegt eine schwarze Einkaufstasche. Seit wann bietet Ikea Trainingseinheiten im Liegestuhl-Belegen an?



Wer war da?

Eben jene erschöpften Väter, die entrüstete Fast-Rentnerin, junge Paare und Jugendliche, die verzweifelt über die Touchscreens ihrer Smartphones wischen. Der Netzempfang ist wirklich grenzwertig. Durch sie hindurch wuseln Luca und seine hundertfünfzig neuen Freunde. Sie lachen, schreien und kreischen durcheinander. Sie springen auf Sofas, rutschen unter Tischen hindurch, stolpern, fallen, schlagen sich die Stirn an, rennen zu den erschöpften Vätern, wollen getröstet werden.

Dazu kommen noch: Rentnerriegen, die Doppelherz-gestärkt durch alle hindurch marschieren, das Restaurant fest im Blick; Pärchen, die zwischen den Jahren zusammengezogen sind und sich neu einrichten wollen; Studentinnen und Studenten, die alles für "teuer" und "überhaupt nicht Fair Trade" erachten, die gelben Hinterherziehtaschen trotzdem befüllen: Herr und Frau Schweizer, Herr und Frau Elsässer; deren Kinder, die fluchen, was die Straßensprache her gibt.

 

Einkaufsatmosphäre und Waren-TÜV

"C'est bien, c'est bien chez les autres." Ein Mann, nennen wir in Pierre, begleitet seine Frau. Sie zeigt ihm Kistchen und Kästchen, Stühle und Schränke, Lampen, Vorhänge und Spiegel. Er nickt zu allem, lehnt alles ab, blickt auf die Uhr und gibt seiner Frau zu verstehen, dass es schon spät sei. Die Frau protestiert. "On vient juste d'arriver", sagt sie. Sie bleibt stehen und beginnt eine Tirade über ihr stressiges Leben und ihren an allem uninteressiertem Mann. Die Stimmung ist angespannt, gereizt.



"Jungs, aus dem Weg, s' nechscht mol bleibet ihr bei der Oma! Hergozack!" Ein Mann schreit seine zwei Söhne, ungefähr neun und elf, an. Die Mutter will beschwichtigen. "Du bisch grad ruhig", schreit der Mann und stampft in Richtung Einbauschrank- und Schlafzimmer-Abteilung. Dort hingegen ist es ruhig. Männer und Frauen sitzen an den Rechnern. Vor ihnen stapeln sich Zettel mit Skizzen, Zahlen und Berechnungen. Die Profis unter ihnen haben ein iPad mit Fotos von der Wohnung dabei. Sie flüstern. Es fallen Sätze wie "Wann schließt eigentlich Obi?", "Haben wir noch Abdeckfarbe im Keller?", "Können wir das sofort mitnehmen?". Gutes deutsches Heimwerkertum. Dazu passt auch der Geruch der Kötbullar, der durch die Gänge zieht.

Bei Tellern und Klobürsten im Untergeschoß staut sich die Lemming-Karawane. Klar, essen und defäkieren, die Grundbedürfnisse. "Nein, Leonie, lass das liegen, das brauchen wir nicht", sagt eine Frau neben mir zu ihrer Tochter. Leonie gefällt das gar nicht. Sie schmeißt den Pfannenwender auf den Boden, stampft auf und weint. Ihrer Mutter ist das egal. Sie schaut sich Schwingbesen, Tortenheber und Schöpflöffel an.

Catering und Getränkekarte

Köttbullar, Pepparkaka, Kaffee, Kartoffel mit Spinat und Lachs, gefüllte Pfannkuchen, Geflügelhotdog, alkoholfreier Glögg: Ikea bietet alles, um Sinnfragen und verkrachte Beziehungen mit Fett und Zucker zu kitten.

Auf dem Klo um halb zwei (13:30 Uhr)

Kampfmütter, die sich um Kloschüsseln streiten; Rentnerinnen und Rentner mit schwacher Blase, Schreikinder, junge Französinnen, die sich zu zweit und zu dritt in einer Kabine einschliessen.

Aufregerle

"Das ist mein Parkplatz, du Affe", schreit ein Mann. Soeben saß er noch am Steuer irgendeines Sportwagens. Jetzt reißt er die Tür auf und rennt auf mich zu. "Siehst du nicht, dass ich hier stehe und warte?". Er ist außer sich. Sein Wangen färben sich rot, seine Augen schwellen an wie bei einer Bindehautentzündung. "Der Parkplatz war frei, sie haben den Richtungsanzeiger nicht betätigt", sage ich. Der Mann atmet schnell und flach. Er steht kurz davor, handgreiflich zu werden. Und ich sehe zu, dass ich schnell in Richtung Drehtür komme.



Aufheiterle

Beim Eingang links abbiegen, an den Kassen vorbei ins Innere des Möbelriesen gehen und den Lemming-Parcours aus der Gegenrichtung laufen.

Fazit

Ikea am Tag nach Neujahr zu besuchen, bietet viele Möglichkeiten, um sich in Alltagssituationen in Geduld und Gleichmut zu üben.

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