Nightlife-Guru: It's yours featuring Jon Cutler im Atlantis, Basel

Nightlife-Guru

Kerri Chandler im Mai, Frankie Feliciano im Oktober, am vergangenen Samstagabend: Jon Cutler. In diesem Jahr bereits der dritte stilprägende House-DJ und Produzent aus New York, der in Basel einen Auftritt hat. Feiern zu feinstem Sound aber unter House-Geeks und –Nerds? Der fudder-Nightlifeguru fuhr in die Stadt am Rhein, zog sich seine Tarnkappe über und mischte sich unter die Party-Buebe und –Maitli der Stadt.



Die Jungs an der Tür

Ein feiner Nieselregen erschwert das Warten in dieser eisig kalten Novembernacht. Und dennoch: kaum halb zwölf, reihe ich mich ein in die lange Schlange ausgehfreudiger Basler und Baslerinnen. Nervös trete ich von einem Bein auf das andere und frage mich, ob ich bei diesem starken Andrang überhaupt eingelassen werde.

Erstaunlich zügig geht’s voran. Der Einlass erfolgt meist paarweise, höchstens vier gleichzeitig. Über ein drahtloses Headset geben die finster dreinblickenden aber zuvorkommend höflichen Türsteher Anzahl und Geschlechterzusammensetzung der ankommenden Gäste an das Sicherheitspersonal im Innern des Clubs durch. Der heutige Abend kostet mich 20 Schweizer Franken, umgerechnet also etwas mehr als 13 Euro. Für einen Headliner wie Jon Cutler und ein überaus gewinnendes Lächeln der jungen Frau an der Kasse – geschenkt!

Inneneinrichtung & Deko

Das Atlantis, von 1957 bis Ende der 1970er-Jahre legendäres Jazz- und Rocklokal, befindet sich am Klosterberg, einer kleinen gegen Ende steil ansteigenden Gasse eingangs der Basler Altstadt. In seinem historischen Gemäuer befinden sich ebenerdig zwei Bars und zwei Foyer- bzw. Loungebereiche. Sie umschließen die Tanzfläche, die etwa zweihundert Personen Platz für ausgelassenes Feiern bietet.

Im ersten Stock befindet sich die Garderobe – das Abgeben und Aufbewahren von Jacke, Tasche & Co. kostet zwei Schweizer Franken – eine weitere Bar sowie zahlreiche Tische und Stühle aus massivem Holz. Von hier oben lässt sich das Treiben auf der Tanzfläche gut beobachten. Dementsprechend begehrt ist ein Platz unmittelbar an der Balustrade.

Blickfang und Hingucker: ein orientalischer Leuchter unvergleichlichen Ausmaßes, der drohend über der Tanzfläche hängt und eindrückliche Licht- und Schattenspiele entstehen lässt. Für einmal keine Spiegelkugel!



Wer war da?

Das Publikum der heutigen Clubnacht beschränkt sich keineswegs auf Stammgäste, auch wenn es wie eine große Familie erscheint. Mann und Frau, Jung und Alt begrüßen sich mit festem Handschlag, umarmen sich herzlich und verteilen Müntschi auf die Wangen. Man kennt sich und freut sich auf eine gemeinsame Reise durch die Nacht.

Modebewusst aber nicht affektiert
, zeigt sich der Basler und ganz besonders die Baslerin. „Dress to Impress“ muss nicht ausdrücklich betont werden, es ist gewissermaßen selbstverständlich, doch tun’s auch Jeans, T-Shirt und Sneakers. Hier muss niemand gelabelt sein, um anzukommen. Und so feiern an diesem Abend der ganz in schwarz gekleidete Heavy-Metal-Fan neben einem Journalisten der Gazzetta dello Sport in Hose und Hemd von Giorgio Armanis Black Label sowie Jungs und Mädels, die ihr Outfit nach den Vorgaben szeniger Streetwear-Blogs beeinflussen lassen, einträchtig miteinander.

Partyatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Jähe Stille um uns herum. Keine tragende Bassline, kein treibender Rhythmus. Verwundert halten einige Tänzer, dicht an dicht um das DJ-Pult gedrängt, inne. Die Crowd jedoch führt weiter ihre Bewegungen aus, längst hat sie die Musik verinnerlicht. Jon Cutler, Headliner des heutigen Abends, schüttelt kurz den Kopf, lacht, und gibt uns mit einer Handbewegung zu verstehen: „It’s all fine.“ Wenige Sekunden später ist der kleine Aussetzer der Soundanlage vergessen, die Party nimmt wieder Fahrt auf in Richtung Höhepunkt.

Stunden zuvor, die Basler DJs Le Roi, Campi und Ray Jones drehen emsig an den Reglern und Knöpfen des Mischpults. Tonnenschwere Bässe, druckvolle Kickdrums, umspielt vom warmen Klang der Hammond. Kompromisslos gibt die Stimme eines schwarzen Predigers eine Stellungnahme ab: „There’s enough of this fluffy weak shit. Let’s get back to the raw“. Schluss mit puscheligem Handtaschen-House, zurück zu den rauhen und ursprünglichen Sounds!

Spätestens jetzt zeigen die DJs an, wohin die heutige Nacht führen wird: in das New York der 90er Jahre mit seinen legendären Szene-Clubs. Hat der Abend gerade erst begonnen, erfasst das Feuer der Musik die Gäste und Klassiker wie Arnold Jarvis’ „Inspiration“ zaubern vor allem auch den Mädels ein Lächeln auf die Lippen.

Kurz nach eins übernimmt Mr. Distant Music, Jon Cutler, und füllt die CDJs mit seinen Silberlingen. Dass die Crowd mittlerweile eine Eigendynamik entwickelt, dass sich auf dem Podest (Tanz-)Pärchen zu bilden beginnen, lässt die House-Heads unbeeindruckt. Gedanken- und traumverloren blicken sie auf den Mann aus Brooklyn, in sehnsuchtsvoller Erwartung auf den nächsten Song. Jon Cutler spielt jedoch kein straightes House-Set. Sanft gebrochene Beats bei Moodyman’s„Black Mahogany“, das funkgeladene„Dreams Come True" der Brand New Heavies und Disko-Klassiker wie Donna Summer’s „I Feel Love“ sorgen für Auflockerung.

Wenn anderswo manch ein Plattendreher gefährlich emotionslos einen Hit nach dem anderen verbrät und ohne Leidenschaft den Crossfader von A nach B schiebt, so ist hier heute Abend eines sehr deutlich zu spüren: die bedingungslose Liebe dieses Mannes zur Musik, der sich am Ende einer langen Nacht bei uns bedankt: „Thank you for coming, thanks for staying."



Catering & Getränke

Gewöhnungsbedürftig, jedenfalls für den Freiburger Partygänger, sind die Getränkepreise. Das günstigste Bier, Warteck, ausnahmsweise einmal kein Feldschlösschen, kostet 7 SFR, das sind über 4,50 Euro. Wer Corona oder Guinness möchte, legt nochmals zwei Franken drauf.

Cocktails werden nur an der großen Bar im Erdgeschoss gemixt, dementsprechend groß ist der Andrang und lange sind die Wartezeiten. Doch lohnt sich die Investition, je nach Cocktail zwischen 14,50 SFR für Caipirinha & Co., und 20 SFR für den Long Island Ice Tea. Als Special wird ein „Heiliges Wasser“ angeboten (20 SFR), dessen genaue Zusammensetzung streng geheim gehalten und auch vom Nightlifeguru nicht verraten wird.

Trotzdem: es lohnt sich, seinen Geldbeutel zu ruinieren. Cocktails schmecken wieder!



Auf dem Klo um halb vier

…sind die Geschlechter strikt getrennt. Die „Gentlemen“ im Erd-, die „Ladies“ im Obergeschoss, für manch eine junge Frau mit allzu hohen Absätzen und Alkoholpegel eine kleine Herausforderung: die Treppe, die nach oben führt, ist ganz schön steil.

Aufregerle

An diesem Abend trägt sich das „Aufregerle“ zu, noch bevor die Party überhaupt begonnen hat. Drei Mädels, einen Jungen im Schlepptau, drängeln sich unschön, setzen ihre Unterhaltung mit unverkennbar norddeutscher Aussprache fort und unterstützen damit leider das Klischee vom ungehobelten Deutschen im Ausland. Ihr Auftritt bleibt jedoch nicht folgenlos. Für sie ist der Abend an der Tür zu Ende. „Sorry, wir sind voll, es sei denn, ihr steht auf der Gästeliste. Darf ich eure Namen wissen?“



Aufheiterle

„Dai bevi! Bevi anche tu! Prendi il bicchiere, dai!“ Ein junger Mann packt mich mit einer Hand bei den Schultern. In der anderen Hand hält er ein Cocktailglas. Es ist randvoll, der Cocktail frisch gemischt. Ich solle ihm das Glas abnehmen und endlich trinken. Er wolle nicht mehr, er habe genug. „Ho basta! Bevi!“

Fazit

Gibt es die perfekte (Party-)Nacht? Falls nicht, so kommt „It’s Yours feat. Jon Cutler“ jedenfalls verdammt nah dran!