Nightlife-Guru: Invasion Kulturtage

Nightlife-Guru

Eine alte Autowerkstatt, vollgepackt mit Kunstgegenständen und anderem Dekomaterial, bespielt mit elektronischer Clubmusik. Das kennt man am Ende des Nullerjahrzehnts doch nur noch aus Hamburg oder Berlin. Das Opening der "Invasion Kulturtage Haslacher Straße" am Samstag zeigte jedoch, dass feiern mit viel Do-it-yourself-Flair auch in Freiburg möglich ist. Wenn auch mit verhaltenem Start.



Die Jungs an der Tür

Zwei Mädels im Green Glamour-Look machen die Abendkasse. Sieben Euro kostet der Eintritt, dafür gibt’s auch ein im dunklen Licht des Mondes grün schimmerndes Armband.

Für die Sicherheit auf dem Gelände der alten Autowerkstatt an der Haslacher Straße sorgen die überaus wachsamen Augen Mohammed El Hadouchis. Er ist Security-Chef beim ZMF und aus dem Freiburger Veranstaltungsleben nicht wegzudenken. Ein friedlicher und stressfreier Abend ist damit gewährleistet. Jedenfalls für die Feiernden.

Inneneinrichtung & Deko

Bereits der Weg zum Veranstaltungsort lässt erahnen, dass die Macher der Party mit einer Vielzahl gestalterischer Elemente gearbeitet haben, um auch den Außenraum in das Event miteinzubeziehen. Die Fassade der Jazz- und Rockschule wird mit speziellen Lichteffekten angestrahlt, Bäume werden in verschieden buntes Licht getaucht und eine Leinwand, die wie die Oberfläche des Mondes erstrahlt, grenzt das Gelände zur Zubringerstraße B31a hin optisch ab.



Betritt man den Innenraum der ehemaligen Autowerkstatt, begegnet man an diesem Abend Paste-Ups verschiedenster Größe. Ihre Formsprache erinnert mich ein wenig an die Werke des Freiburger Street Art-Künstlers Dust. In einem weiteren, kleineren Raum, in den man durch einen sehr engen Türbogen gelangt, haben das Freiburger Musik- und Lichtkünstlerkollektiv Sushicutters Quartier bezogen. Hier werfen sie ihre Bildfrickeleien und -sequenzfolgen an die Wände, wohingegen der große Raum sich in atmosphärisch düstere Ausschnitte aus der Comicverflimung „Sin City“ gehüllt sieht.

Weiße Gladiolen rahmen das DJ-Pult ein, und endlich kann ich einmal guten Gewissens schreiben, dass hier eine Off-Location mit viel Herzblut und Leidenschaft verwandelt wurde und ein wenig den experimentierfreudigen Geist der DIY-Parties atmet. Mehr davon!



Wer war da?

Ich bin nicht wenig erstaunt. Das Opening „Invasion Kulturtage Haslacher Straße“ war, den Ausgehkalender rückblickend noch einmal überfliegend, an diesem Samstagabend so gut wie ohne nennenswerte Konkurrenz. Und dennoch keine Menschentrauben vor dem Eingang, an den Bars und vor den Toiletten. Informiert sich in Freiburg eigentlich niemand, wo am Wochenende etwas Außergewöhnliches stattfindet?

So ist es nicht verwunderlich, heute Abend auf eine Vielzahl nacht- und musikaffiner Menschen zu stoßen, die Veranstaltungen wie Garage Traxx, Eazy M’s Nachtasyl oder die Elektrolounge noch aus ihren Anfangstagen her kennen. Teilweise ist auch die ältere Techno-Generation Freiburgs anzutreffen, die schon zu Zeiten der legendären Bauküche zu feiern wusste. Der Altersdurchschnitt ist daher etwas höher, und für einmal fühle ich mich nicht als alter Sack, der nach den Tagesthemen ins Bett gehört.

Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Man nehme perkussive Rhythmen, setzte sparsam ein paar Chords, lege eine Funk-Bassline und unbeirrbar nach vorne treibende Drumloops darunter, und fertig ist der vertrackte House Frankfurter, Leipziger oder Hamburger Schule. Aus den Boxen dringt eben solches Klangmaterial aus Matthias Tanzmanns Moon Harbour-Schmiede.



Was die Raver auf dem Waterfloor in Berlins Watergate oder im Züricher Hive Club zu ekstatischen Bewegungsabfolgen verhilft, lässt am heutigen Abend sehr viele kalt. Mr. Tentacles knallt ein Brett nach dem anderen auf den Plattenteller, mal mehr, mal weniger gefühlvoll, was die Übergänge betrifft, doch niemand tanzt, und da ist es schon weit nach Mitternacht. Die Party beziehungsweise der Hock, wie ein Bekannter das Event prägnant bezeichnet, findet draußen statt.

Auf Bierbänken ohne Rückenlehne sitzen, an rustikalen Bistrottischen stehen sie und führen im rotorangen warmen Lichtschein der Mondscheibe wichtige Gespräche, die keinerlei zeitlichen Aufschubs bedürfen.



Auf dem zweiten Floor feuern die Sushicutters eines ihrer energetischen, schweißtreibenden und stets unvorhersehbaren Live-Sets ab. Frickelige Elektrosounds, über denen dennoch die gerade Kickdrum thront. Leider ist’s hier viel zu hell. Ihr detailreiches, in Echtzeit eingespieltes Bildmaterial, Feuchttraumsequenzen und verstörende Bilder zwischen Utopie und Dystopie, kommt nur bedingt zur Geltung.

Schade. Sie übergeben an Mr. Nachtasyl, Eazy M, der leidenschaftlich scratcht und versucht, Turntablism und Techno zu verbinden. Er hat eine treue Fangemeinde, die sich um das DJ-Pult herum aufbaut. Doch auch sie führt lieber Gespräche im Lärmkegel der Boxen als zu tanzen.

Inzwischen hat KRS sein Powerbook und den dazugehörigen Midi-Controller aufgebaut. Verschroben knarzige Beats kriechen aus den Boxen, und spätestens jetzt lässt sich von Ferne der Schweiß der Tanzenden erschnuppern.



Catering & Getränkekarte

Um anderentags nicht mit einem völlig sinnesüberfluteten Alkoholschädel aufzuwachen, halte ich mich in dieser Nacht an reinen Gerstensaft. 2,50 Euro kostet eine Flasche Fürstenberg. Dem Verlangen nach mehr kann an insgesamt drei Barbereichen – oder waren’s doch vier? – abgeholfen werden. Anstehen und lange warten muss man daher selbst zur Peaktime nicht.

Was das Catering in dieser Nacht sonst so alles serviert, entzieht sich meiner Kenntnis, da mein Körper erst sehr spät nach Salz schreit. Bis kurz vor Sonnenaufgang wird ein Chili con carne angeboten, dessen Restschärfe mich noch auf dem Nachhauseweg begleitet. Zusammen mit Krautsalat und Weißbrot gibt’s eine verhältnismäßig große Portion für gerade einmal 4,50 Euro.

Auf dem Klo um halb vier

Wer denkt, dass diese Party der geeignete Ort für schnellen, unverbindlichen Toilettensex ist, hat sich geschnitten. Das stille Örtchen wird seiner vorgesehenen Bestimmung gerecht verwendet.

Bei den Jungs zieht sich ein Mittzwanziger mit einem kleinen Taschenkamm seinen Scheitel nach. Auf welcher Party gibt’s denn so etwas?! Ich fühle mich gedrungen, bei meiner Begleitung nach Kajal und Concealer anzufragen, damit der Jüngling für den Nachhauseweg sämtliche Feierspuren beseitigen kann. Sofern überhaupt vorhanden.

Aufregerle

Zwei Dinge fürs nächste Mal: wenigstens im Hauptraum sollte eine Anlage mit mehr Druck im Bassbereich stehen, denn ein ordentlicher Bassdruck auf die Hüften hat schon manch eine Party auf ein ganz anderes Level angehoben. Und ein für allemal: bitte keine Live-Percusson mehr. Dieses Congagetrommel über jeden Track hinweg zerrt gewaltig an den Nerven.

Aufheiterle

Siehe "Auf dem Klo um halb vier".

Fazit

Ich hoffe sehr, dass mit der „Invasion Kulturtage Haslacher Straße“ eine Bewegung beginnen wird, die mit fast jugendlicher Unbeschwertheit neue Wege im Nachtleben beschreitet, mehr wagt und Mut zum Experiment zeigt. Der Samstagabend war dafür auf jeden Fall ein guter erster Anfang.